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26. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.

„Die Psychotherapie von heute sollte offen sein für innovative Konzepte!“

Am 22. und 23. September 2023 reisten 180 Experten, Betroffene und Angehörige an den Neckar, um an der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. mit dem Titel: „Behandlung von Zwangsstörungen: Wirksame Ansätze und innovative Verfahren“ am Universitätsklinikum Tübingen teilzunehmen. Ein zentraler Themenschwerpunkt der Tagung war die Therapie bei Kindern und Jugendlichen. Der Kongress stieß auf so großes Interesse, dass angesichts der Auslastung des Hörsaals sogar ein zweiter Raum eingerichtet wurde, in dem die Vorträge per Streaming verfolgt werden konnte.

Die 1. Vorsitzende Antonia Peters äußerte in ihrer Eröffnungsrede Freude über die große Anzahl an Tagungsteilnehmern und drückte ihre Sorge angesichts der schlechten Versorgungslage insbesondere auch für junge Menschen mit Zwängen aus. Sie berichtete, dass sich viele Betroffene vom Gesundheitssystem allein gelassen fühlten und oftmals lange Zeit auf sich selbst zurückgeworfen seien, ehe sie eine angemessene Behandlung erhielten. Auch der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Prof. Renner, gab in seinen Eröffnungsworten zu bedenken, dass die Versorgungssysteme am Anschlag seien. Dies sei umso tragischer, als das Risiko für die Chronifizierung einer Zwangserkrankung mit längerer Zeitdauer bis zur Diagnosestellung steige.

Diplom-Psychologe Karsten Hollmann, der wissenschaftliche Leiter der Tagung, betrachtete digitale Ansätze als wichtige Chance zur Verbesserung der Versorgungssituation. Der Vortrag von Diplom-Psychologin Carolin Klein, die als Psychotherapeutin an der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tübingen tätig ist, stellte Möglichkeiten und Chancen der Sensor-Technologie vor. Diese lässt sich insbesondere nutzen, um das bei Videotherapien nur begrenzt wahrnehmbare Stresslevel während der Exposition besser erfassen zu können.  

Auch die Rehabilitationswissenschaftlerin Julia Adam von der Universität Köln konnte interessante Möglichkeiten der internetbasierten Unterstützung von Exposition berichten. Im Anschluss an die Vorträge zu innovativen internetbasierten Ansätzen stellte Herr Prof. Andreas Wittorf sehr anschaulich das Tübinger Therapieprogramm zur Behandlung von Zwangsstörungen vor. Er berichtete, dass das Universitätsklinikum über eine Spezialstation mit 20 Betten für Patienten mit Depression und Zwangsstörungen verfügt; die Wartezeit für eine Aufnahme betrage derzeit drei bis vier Monate. Seit 2011 ist auch eine Spezialsprechstunde für Zwangsstörungen nutzbar, in der sich jedes Jahr etwa 60 Betroffene vorstellen. Außerdem nahmen seit 2012 bereits 250 Patienten an einer psychoedukativen Gruppe teil, die neben der Vermittlung verschiedener Modelle zur Zwangserkrankung auch Achtsamkeitselemente sowie die Vorbereitung und Besprechung von Expositionsübungen in Eigenregie beinhaltet und von den Teilnehmenden sehr gut angenommen wird.

Nach einer Kaffeepause stellte Herr Prof. Ulrich Voderholzer eine spannende Metaanalyse zur Effektivität stationärer Therapie bei Zwangserkrankungen vor. Die eingeschlossenen internationalen Studien umfassten insgesamt fast 6.000 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren. Weitere Prädiktoren für ein besseres Ansprechen auf die Behandlung waren in einer größeren Studie soziale Unterstützung, Waschzwänge und eine generell geringere Belastung.  Zum feierlichen Abschluss des ersten Tages wurde ein mit 500 Euro dotierter Medienpreis an den Konstanzer Journalisten und Autor Dennis Riehle verliehen. Auch der zweite Tag begann inspirierend mit einem Vortrag von Frau Prof. Walitza, die über die neuen Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung von Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen referierte. Wer angesichts des eher theoretischen Themas einen trockenen Vortrag erwartet hatte, freute sich über die sehr lebendige und prägnante Darstellung des aufwändigen Entstehungsprozesses sowie der wesentlichen Empfehlungen der Leitlinie.

Ebenso begeisterte der Vortrag zum Beitrag der kognitiven Neurowissenschaften für das Verständnis und die Therapie der Zwänge sicher den einen oder anderen durch seine Praxisnähe und Anschaulichkeit. Nachdem Prof. Tobias Hauser zunächst die grundsätzlichen Chancen für die Zwangsstörung durch die Neurowissenschaften (hilfreich für die Ursachenklärung, Psychoedukation, Entwicklung neuer Interventionen und Therapievorhersage) skizziert hatte, stellte er einige Forschungsansätze vor. Neben Arbeiten zu Neurotransmittersystemen und Erkenntnisgewinn durch Magnetencephalographie stieß vor allem der „Brain Explorer“, eine App mit Spielen und Fragebögen zu psychischen Symptomen auf Interesse. Nach einer kurzen Stärkung fanden verschiedene Posterpräsentationen im Hörsaal statt, die teilweise auch etwas „exotischere“ Themen wie „Zwänge als Motiv in der Jugendliteratur“ oder „Trennungsangst bei Zwängen“ unter die Lupe nahmen. Kurz vor der Mittagspause konnten im Rahmen einer Podiumsdiskussion noch jede Menge Fragen zum Thema Zwänge und ihre Behandlung gestellt werden. Am Nachmittag gab es die Möglichkeit, die neu gewonnenen Erkenntnisse und Inspirationen in zehn ganz unterschiedlichen Workshops für Betroffene, Angehörige und Experten noch weiter zu vertiefen und praktische Strategien für den Umgang mit Zwängen im Alltag kennenzulernen. Gegen Abend fuhren die Gäste zufrieden nachhause – die Teilnehmer aus Norddeutschland schon mit leiser Vorfreude, bei der nächsten Jahrestagung am 27. und 28. September 2024 in Hamburg einen nicht ganz so weiten Weg einplanen zu müssen.

Weitere Informationen auf www.zwaenge.de.

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