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Advents- und Weihnachtsgruß 2023: Noch einmal auf Anfang gehen!

Dennis Riehle

Selten stand der Globus vor so vielen komplexen Herausforderungen gleichzeitig wie im Moment der vom Bundeskanzler als „Zeitenwende“ betitelten Epoche. Nachdem die Pandemie vorbei war, überfiel Russland die Ukraine in einer barbarischen Invasion. Und wäre das noch nicht genug gewesen, attackierte am 7. Oktober 2023 die Terrororganisation Hamas Israel und richtete ein bestialisches Blutbad an. Der Kriege sind ein gegenwärtiges Problem, das uns alle in Atem hält – neben den vielen Sorgen und Nöten in unserem eigenen Land. Ob es nun um die lahmende Wirtschaft geht, die weiterhin zu hohe Inflation, die Armut und Obdachlosigkeit, der rückläufige Wohlstand, die politische Polarisierung, Rassismus und Ressentiments auf den Straßen, das Gefühl einer inneren Unsicherheit, das Bewältigen der Migration oder die Befürchtungen vor den Auswirkungen des Klimawandels: Wir haben kaum noch einen Augenblick zum Durchatmen, sind in einer Dauerschleife der Unstetigkeit, werden teilweise mit apokalyptischen Szenarien vor dem Weltuntergang konfrontiert und nehmen eine kollektive Depression war, welche so gar keinen Platz mehr lässt für Optimismus.

Wie gut ist es da doch, dass ab und zu ein Unterbruch stattfindet. Eine Zäsur, die den Alltag für einen kurzen Augenblick anhält. In dem wir innehalten können und uns von all den Reizen, Bildern und Emotionen lösen dürfen, die uns über das gesamte Jahr hinweg geplagt haben. Weihnachten war schon immer das Fest, das die Familie zusammenschweißt und ein Gefühl von Wärme, Behaglichkeit und Frieden vermittelte. Selbst in den schwersten Stunden der Geschichte haben Menschen es dafür genutzt, den Kopf frei zu bekommen von all den Schrecklichkeiten, die uns in Zeiten der digitalen Welt noch sehr viel hochfrequenter begegnen und uns in Beschlag nehmen. Da steht die Symbolik des Kindes in der Krippe den Bomben und Raketen gegenüber, die in den Kriegen ausgetauscht werden. Die Genügsamkeit eines Stalls wird zum Widerspruch zu einer Leistungsgesellschaft, die weiterhin auf Erfolg und monetäres Wachstum setzt – und dabei allzu oft das Humankapital vergisst, das der Grundstock ist.

Der Stern über Bethlehem ist sanftmütiges Zeichen unter all den Vorboten, welche uns zu einer Anpassung an die Erderwärmung ermahnen. Und Jesus selbst ist als Kind die Hoffnung, dass die Fügung so Manches wieder in Gleichgewicht bringen möge, was derzeit völlig außer Fugen geraten ist. Schlussendlich waren Maria und Josef dankbar darüber, dass sie eine Herberge gefunden haben. Und auch wir dürfen bei vielen persönlichen Hürden und Tiefen wie Krankheit, Trauer, Arbeitslosigkeit, Verlust oder Einsamkeit auf die Geborgenheit vertrauen, die der Heilige Abend uns vermittelt. Gustav Kucz hat in seinem Lied „Als die Welt verloren, Christus ward geboren; in das nächt’ge Dunkeln, fällt es strahlen Funkeln“ (EG 53, Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe Baden, Ev. Presseverband Baden, Karlsruhe, 1995) die derzeitige Situation bestens beschrieben: Unser Planet scheint sich verfinstert zu haben, doch die kleinen Wunder der Zeit durchbrechen dieses Empfinden vom Abgrund. Ob es nun die Solidarität mit den Opfern von Gewalt ist, menschliche Hilfe unter Nachbarn oder Freunden, das Aufnehmen von Flüchtlingen oder das Spenden für Versehrte, das eigene Zurückstecken oder das Durchdenken des persönlichen Lebenswandels, sich selbst ab und zu die Hand zu reichen oder die Wunder der Schöpfung in der Schnelllebigkeit unserer Zeit wahrzunehmen: Es gibt viele Möglichkeiten der Nächstenliebe, die bei uns selbst beginnt.

Markus Keimel hat einmal gesagt: „Weihnachten ist wie das herzerwärmende Lächeln eines Menschen, der gerade bitterlich geweint hat“. Natürlich lässt sich nicht plötzlich einen Schalter umlegen. Wenn wir über 360 Tage im Jahr von schlechten Nachrichten heimgesucht werden, dann ist es nur allzu verständlich, dass wir nicht sofort auf die glückselige Botschaft des ankommenden Erlösers anspringen können. Das Christfest ist gezeichnet von einem einzigen Widerspruch: Ein Baby als König und Retter unserer Zivilisation! Ein einzelner Mensch, der den Rest zurück zur Vernunft bringen soll? Wie das Zitat schon besagt: Es gibt wenige Möglichkeiten, eine Spezies von Neid und Missgunst wieder zu vereinen. Verständigung und Versöhnung müssen gesät werden, damit eine neue Pflanze den Boden durchbrechen kann. Nach christlichem Glauben hat Gott mit dem Senden seines Sohnes diesen Keimling in unsere Erde gesetzt. Nun liegt es an uns, dass wir ihn weiterhin fleißig pflegen und hegen. Auch in größter Last und Not, wenn wir Tränen vergießen und unter dem Leid zu zerbrechen drohen, kann uns plötzlich sprießende Erinnerung an all das, was uns einst zusammengehalten, geprägt und verbunden hat, neue Zuversicht geben. „Gott im Himmel schenkt uns allen mit dem Kind sein Wohlgefallen“, so die dritte Strophe des bereits erwähnten Liedes um 1988.

Ja, auch wenn wir in vielerlei Hinsicht schändlich mit dem umgehen, was uns anheimgestellt wurde, wird uns manche Gier, ein moderner Imperialismus oder eine zeitgeistige Egozentrik sodann vergeben, wenn wir zu Umkehr und reuiger Buße bereit sind. Das scheint bei den Politikern und Mächtigen eine hehre Wunschvorstellung zu sein. Doch bei uns ist solch eine Wende durchaus möglich. Man hat es gnädig mit uns gemeint, als man uns die Eigenverantwortlichkeit zur Entscheidung über das Gute und Böse gab. Wir sind also in der Lage, Unrecht zu erkennen und in eine Nachfolge der Einsicht einzutreten. Denn weil uns dieser Vater im Himmel nicht argwöhnisch gesonnen ist, sollen wir uns jedes Jahr mit dem Weihnachtsfest wieder darauf aufmerksam machen, dass das Verharren in Angst und Destruktivität nicht dazu geeignet sind, mit dem Furchtbaren umzugehen.

Stattdessen ist es die Rückkehr in die Aktivität, die uns eine Chance gibt, sich neue Resilienz anzueignen und nach dem Hinfallen wieder aufzustehen. Die biblische Geschichte des Messias ist Ansporn, die Kraft des Neuanfangs zu nutzen. Monika Kühn-Görg meinte: „An Weihnachten erkennen wir, wie die Welt sein könnte, wenn man nur wollte“. Lassen wir uns also anstecken von der Lebensfreude eines noch unbedarften Kindes, das in der Naivität der Friedlichkeit so gar nicht auf Konfrontation aus ist. Es will nicht verweilen in den alten Strukturen und auf den ausgetretenen Pfaden. Sondern es möchte vielmehr die Kraft des Ursprungs mitnehmen, manch verworrene und verfahrene Knoten zu durchtrennen und wieder auf Anfang zu setzen. Sich von Voreingenommenheit und Fixiertheit befreien, auf Andere ohne Vorurteile zugehen. Und ihm die frohe Kunde aus Bethlehem anzubieten, die wir zuvor selbst verinnerlicht haben. Und so endet der oben angeführte Gesang mit dem Ruf „Gloria in excelsis Deo“ – Ehre sei Gott in der Höhe. Bringen wir auch untereinander diese Anerkennung, Wertschätzung und den Respekt dem Nächsten dar. Denn darin liegt der Schlüssel zu Verständigung, Kompromiss und einem nüchternen Pragmatismus, den wir dieser Tage doch so dringend gebrauchen können.

Ich wünsche frohe, friedvolle und gesegnete Festtage!

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