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Die Bibel betont ausdrücklich den Vorrang tatsächlich Schutzbedürftiger als Ausdruck von Nächstenliebe

Flüchtlingshelfer: „Zur Barmherzigkeit gehört es eben nicht, offene Arme gegenüber jedem zeigen zu müssen!“

Zu Einlassungen der zurückgetretenen EKD-Ratsvorsitzenden Kurschus bezüglich der Migrationspolitik – und dass sie als Christin der Barmherzigkeit verpflichtet sehe – erklärt der Leiter des Philosophischen Laienarbeitskreises und Flüchtlingshelfer Dennis Riehle (Konstanz):

Ich würde Frau Kurschus nochmals dringend deine Bibellektüre ans Herz legen. Blicken wir nur auf die Aussage des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, so wird eindeutig klar: Uns wird gerade nicht zugemutet, jedem anderen unsere Hilfestellung zu geben. Stattdessen sollen wir beurteilen, wer es am nötigsten hat. Und nicht zu vergessen ist 3. Mose 19,18 (LUT 1912): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Wenn wir also nicht auf unsere eigenen Bedürfnisse und Ressourcen achten, so werden wir an unsere Grenze kommen – oder sind bereits weit über sie hinaus gegangen. Im Endeffekt werden wir dann niemandem mehr Schutz und Asyl gewähren können. Soll das etwa das Ziel sein, das die EKD mit ihrer falsch verstanden Willkommenskultur gegenüber jedem anstrebt? Gerade im Alten Testament fordert uns die Schrift deutlich auf, den Fremden bei uns aufzunehmen. Damit gemeint sind bei näherer Betrachtung des hebräischen Ursprungs aber zunächst einmal diejenigen, die aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt sind. Menschen aus anderen Völkern und Kontinenten werden dort nicht nur durch eine eigene Begrifflichkeit davon unterschieden, sondern besitzen in den Fluchtgeschichten oder auch im 1. Buch der Könige einen völlig selbstverständlichen Nachrangigkeitsstatus. Damit ist keinesfalls eine Abwendung von der Nächstenliebe verbunden, sondern lediglich das bloße Eingestehen, dass unsere Möglichkeiten endlich sind. Dabei geht es nicht um die Weite unserer Herzen, sondern um finanzielle, soziale, materielle, personelle und infrastrukturelle Kapazitäten – so, wie sie die Mindestanforderung unseres Grundgesetzes versteht. Wir sollen sie bewahren für diejenigen, die tatsächlich verfolgt sind. Eine undifferenzierte Einladung an alle hat mit der christlichen Überlieferung nichts zu tun, sie ist stattdessen ein Gebot der Unfairness. Die Bibel unterscheidet also tatsächlich zwischen dem „Fremden“ und dem „Auswärtigen“. Der Fremde ist jener aus unseren Reihen, der uns durch Ausgrenzung oder Bedürftigkeit fremd geworden ist. Der „Auswärtige“ ist der Unbekannte, der von außen in unsere Gemeinschaft hinzustoßen will. Bereits in den Büchern Mose formuliert einen Nachrangigkeitssatz, wonach es ausdrücklich eine Form von Barmherzigkeit darstellt, zunächst dem Fremden zu helfen – ehe man sich dem Auswärtigen zuwendet. Nicht zuletzt sollen wir uns selbst genauso lieben wie den Anderen. Wenn wir uns nicht eigener Bedürfnisse, Ressourcen und Kapazitäten bewusst werden, können wir sodann unserer Offenherzigkeit gegenüber tatsächlichen Bedürftigen nicht mehr gerecht werden.

Ohnehin: Die evangelische Kirche hat sich zu einem Steigbügelhalter für den modernen Aktivismus gemacht. Sie hat sich von jeglicher Kernaufgabe entfernt und ihre Werte preisgegeben. Statt sich um Verkündigung, Liturgie, Glaubenslehre, Seelsorge und Diakonie zu kümmern, trägt sie den Klimafanatismus wie eine Monstranz vor sich her, erhebt Neubauer und Greta zu Götzen und entledigt sich gesellschaftlicher Konventionen wie der zur Abtreibung in einem Handstreich. Mit dem Glauben an die Fügung der Welt, an die Natürlichkeit der Dinge und die Lenkung durch den Herrn hat dies nicht mehr viel gemein. Stattdessen wurde die Überzeugung in das Vertrauen des Schöpfers durch eine transhumanistische Vorstellung der absoluten Eigenbestimmung, der Profilierung und der Überhöhung ersetzt. Man bekennt sich nicht mehr zum Allmächtigen, sondern an die Selbstwirksamkeit der eigenen Ideologie. Und man leistet der Blasphemie einen Vorschub, indem man evolutionäre Gesetzmäßigkeiten durch ein Ausleben von Befindlichkeiten und Beliebigkeiten des Einzelnen austauscht. Schlussendlich wollte auch der Protestantismus einst eine feste Burg sein, die in der Brandung, den Stürmen der Zeitgeistigkeit widersteht. Von diesen Zeiten sind wir weit entfernt – den übrig geblieben ist nur noch eine Patchwork-Religion, die sich ihre eigenen Ethik entledigt hat. Man könnte beispielsweise fragen, inwieweit es tatsächlich hilfreich ist, dass sich Funktionäre, Gliedkirchen und einzelne Gemeinden vermehrt einem politischen Aktivismus zuwenden, statt ihr Augenmerk wieder zurück auf Liturgie, Glaubenslehre, Seelsorge und Diakonie zu legen. Auch diese Entfremdung von ihren Wurzeln hat wiederum keine Gemeinsamkeit mit den Aufgaben des Christentums. Solch eine Positionierung ist auch deshalb nicht mehr vermittelbar, weil die Erwartung an eine Religionsgemeinschaft anders aussieht. Unbestritten kann und sollen sie sich dabei an den Lebenswirklichkeiten ihrer Mitglieder orientieren und somit auch deren Bedürfnisse und Themen entsprechend aufgreifen dürfen. Wenn man mittlerweile die Kanzel aber für durchaus umstrittene Organisationen und Bewegungen zur Verbreitung von ideologischen Thesen der Verunsicherung und ihrer Weltuntergansstimmung frei macht – welche letztendlich auch nicht von Vertrauen in Gott und die Fügung der Dinge zeugen -, und dafür die Verkündigung der Frohen Botschaft von Zuversicht und Hoffnung vernachlässigt, ist das leider nicht mehr meine spirituelle Heimat. Abgesehen von der Preisgabe von ethischen Normen und Werten, beispielsweise zuletzt beim Thema Abtreibung.

Weitere Informationen auf www.dennis-riehle.de.

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