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Werbung: Ein Werk der schonungslosen Konfrontation mit dem Steigbügelhalter-Dasein

Rezension zu „Die (Selbst)Zerstörung der deutschen Linken“ (Sven Brajer, Promedia-Verlag, Wien: 2023, ISBN: 978-3-85371-515-4)

Hinweis: Die Buchempfehlung erfolgt, nachdem ich (Dennis Riehle) eine Ausgabe des Werkes vom Autor als Geschenk erhalten habe und es aus eigenem Antrieb heraus rezensierte.

Wer als Außenstehender den Eindruck gewonnen hat, dass die heutige DIE LINKE nahezu nahtlos aus der einstigen PDS hervorgegangen ist, seit 30 Jahren an ihrem angestammten Platz im Parteienspektrum verharrt und unverschuldet in den Strudel des Desinteresses der Wähler geraten ist – der sie aktuell deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde auf Bundesebene zieht, wird nach der Lektüre des Buches „Die (Selbst)Zerstörung der deutschen Linken“ von Sven Brajer zu einem anderen Ergebnis kommen. Mit einem von wissenschaftlicher Genauigkeit und bewertender Brillanz geprägten Werk hat es der Autor vermocht, einer politischen Kraft den Spiegel vorzuhalten, die sich lange Zeit gar als Volkspartei im Osten ansehen durfte. Im Mittelpunkt seiner von unzähligen brillant ausgesuchten Zitaten unterlegten Ausarbeitung steht nicht zuletzt die Frage, inwieweit sich Parteien im Allgemeinen zu einer Anpassung an gesellschaftliche und politische Gegebenheiten hinreißen lassen sollten, um damit dem vermeintlichen Willen einer angeblichen Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen und den Bedürfnissen des gegenwärtigen Bürgers gerecht werden zu können.

Von Beginn an zeichnete Brajer in seinem Buch den Werdegang einer Partei nach, die die Notwendigkeit der Demokratisierung mit der Anbiederung an den Zeitgeist verwechselt hat. Mithilfe zahlreicher Kontrastierungen durch das Gegenüberstellen unterschiedlicher Aussagen von Politikern und Beobachtern demaskiert der Autor in der Linken eine immer größer gewordene Widersprüchlichkeit zwischen den einstigen Wurzeln als Verfechterin der Opportunität gegenüber einer Verwestlichung in der gesamtdeutschen Bevölkerung nach der Wende und dem Ansinnen nach einem Ankommen im Strom der diffusen Einheitlichkeit. Gespickt von historischer Tiefgründigkeit und für den Leser in einer verständlichen Sprache dargebotenen Klarheit der ursprünglichen ideologischen Grundlagen der Partei, hält Brajer auch mit seiner eigenen Kommentierung und Einschätzung glücklicherweise nicht hinter dem Berg.

Er entlarvt das Klischee, wonach das Linkssein mit einer falsch verstandenen Progressivität und Reformbereitschaft gleichzusetzen sei. Denn bei einem geschichtlichen Blick auf die Herkunft der politischen Bewegung wird eindeutig klar, dass sie zwar in sozialpolitischer Hinsicht eine Überwindung der polarisierten Klassengesellschaft fordert. Allerdings gilt dies nicht für ein kulturpolitisches Hinterherrennen. Die Verurteilung eines völlig entgleisten Kapitalismus und das Befürworten einer internationalistischen Toleranz macht das Beharren auf einer vorrangig dem eigenen Land zukommenden Gerechtigkeit keinesfalls entbehrlich. Die nationalstaatlichen Interessen sind stattdessen auch im Kontext eines ungeschönten Pazifismus von erheblicher Bedeutung. Daher widerspricht ein vernünftiges Maß an Konservativismus einer linken Seele überhaupt nicht. Viel eher lässt die Partei heute jegliches Bewahren sozialistischer Grundannahmen im Kniefall vor der politischen Korrektheit vermissen.

Brajer belegt anhand von zahlreichen Beispielen, dass es die Partei nicht zuletzt aufgrund ihrer zwangsweise herbeigeführten Fusion mit der WASG -, mit der anfangs noch eine Stärkung des Prädikats des Kümmerers verbunden war -, auf eine Erosion hat ankommen lassen, die nicht zuletzt eine Polarisierung der ohnehin zutiefst gegenläufigen Strömungen und Lager forciert hat. Denn es sind heute nicht die vergleichsweise wenigen, noch immer kommunistischen Träumereien Anhängiger, welche die Integrität und den Stellenwert der Partei bedrohen. Sondern die aus Verkäufer einer Politik mit absoluten und konkurrenzlosen Alleinstellungsmerkmalen wie Gleichheit, Frieden und Entprivatisierung der Mittel. Schlussendlich verkörpert keine andere Kraft auf dem aktuellen Tableau ein solches Trias der Unmissverständlichkeit. Doch die derzeitigen Verantwortlichen ziehen einen Schmusekurs mit den in westlicher Arroganz und Überheblichkeit für einzig richtig erklärten Werten vor.

Insbesondere vielen pragmatischen Mitgliedern und Funktionären aus Ostdeutschland standen zuletzt immer häufiger als realpolitisch deklarierte Vertreter der „neuen Länder“ gegenüber, welche eben keiner vernunftorientierten Politik im Sinne des kompromisslosen und unbeschränkbaren Gemeinwohls anhingen, sondern mit Aufstachelung und Ausgrenzung der Überführung der Linken zu einer den individualistischen und egozentrischen Freiheitsgedanken der Moderne überstrapazierenden Philosophie der Entsolidarisierung Vorschub leisteten. Wenngleich sich der Autor pointierter allegorischer und metaphorischer Stilmittel bedient, lassen sich seine Worte an Deutlichkeit kaum überbieten. Und er kommt so zu seinem Schluss, den ansonsten kaum jemand in solch einem Faktum aussprechen mag: Der krampfhafte Versuch des Greenwashings der eigenen Identität hat die Linke zu einem Sammelbecken von dunkelrot angepinselten Fähnchen im Wind gemacht, die nunmehr in der Sonne des Genehmen baden.

Als Leser komme ich zum Fazit, das ist vornehmlich die eigenen Fehler der Partei sind, die sie zu einem bemitleidenswerten Schutthaufen der Prinzipien ihrer Gründungsväter haben verkommen lassen. Sie ließ es zu, Personen ans Ruder kommen zu lassen, die ihre eigene Selbstprofilierung über die so kostbare und einzig wettbewerbsfähige politische Eigenschaft des Formulierens einer weltanschaulichen Antithese gestellt und damit in der Homogenität des Gewohnten untergeht. Aktuell werden mit Blick auf den Zustand der Linken Ursache und Wirkung häufig verwechselt. Denn es ist vor allem der aktuelle Vorstand, der die Partei von ihrem Markenkern weggeführt hat. Sahra Wagenknecht, Klaus Ernst und Amira Mohamed Ali vertreten weiterhin diejenigen Sympathisanten, welche sich der Verpflichtung gegenüber der Stammklientel noch bewusst sind.  Dagegen sind Schirdewan und Wissler mit ihren Weggefährten und Anhängern auf einen Umbau der Linkspartei fokussiert, der schlussendlich dazu führt, die Seele dieser politischen Kraft preiszugeben und zum Erfüllungsgehilfen eines derart pluralistischen Zeitgeistes zu machen, dass die Unverwechselbarkeit der Partei bis zur Unkenntlichkeit offenbart wird. Heute bedient sie elitäre Wohlfühlthemen. Doch der Preis dafür, die Grünen in Sachen Radikalität noch überholen zu wollen, wird hoch sein. Immerhin verfehlt man mit der neuen Ausrichtung die Probleme des kleinen Mannes bewusst und unverhohlen, an dessen Lebenswirklichkeit der nunmehr propagierte Wokeismus vollkommen vorbeigeht.

Dem Bürger geht es weniger darum, ob in Deutschland gegendert, die Seenotrettung im Mittelmeer heiliggesprochen und die Bundesrepublik zum Vorreiter von Klimaneutralität wird. Ihn berührt die Frage, ob er sich nach der Anschaffung einer neuen Heizung das Eigenheim noch leisten kann und ob am Ende des Monats noch Geld für eine Hose und genügend Lebensmittel in seinem Portemonnaie sein werden. Wie es angesichts der Migration um die soziale Frage bei uns bestellt ist und warum Unsummen in Waffenlieferungen an die Kriegswelt statt in die hiesige Gesundheitsversorgung investiert werden.  Diese Entwicklung der Partei ist auch deshalb unvermindert existenzbedrohend, weil das Potenzial für eine rückbesinnte Kraft, welche aktuell die oben genannten Abspalter planen, fälschlicherweise kleingeredet wird.

Dennis Riehle (Journalist, Politikberater)

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