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Rezension zu „Wilhelmsburg“

(Wolfgang Zarnack, ISBN: 9783758426445, epubli)

Schicksalsjahre einer umbrüchigen Gesellschaft

Wolfgang Zarnack wagt den Perspektivenwechsel

In seinem literarischen Debüt ist Wolfgang Zarnack mit seinem Werk „Wilhelmsburg“ sogleich ein in weiten Teilen autobiografisch anmutendes Zeugnis gelungen, das ohne Verbitterung, aber mit sehr viel Kritik und Mahnung an einer noch uns über lange Zeit prägenden Phase des sozialen und gesellschaftlichen Lockdowns in der Corona-Pandemie für große Nachdenklichkeit sorgt. Gleichzeitig steht der Tiefe seiner inhaltlichen Ausführungen eine von Federleichtigkeit getragene Sprache gegenüber, die sein Buch für jeden Leser verständlich und zugänglich macht – und vor allem die Distanz zwischen Schreiber und Betrachter durch Niederschwelligkeit und Zugewandtheit ersetzt.

So, wie es während des Herunterfahrens des öffentlichen Lebens für so viele Künstler zu einem abrupten Unterbruch von Karriere und Rotem Faden kam, welcher in nicht wenigen Fällen den Beginn einer existenziellen Krise bedeutete, erging es auch Protagonist Hannes in Zarnacks Zeilen, der sich ebenfalls dieser von der Politik diktierten Pause unterordnen musste. Sie brachte nicht nur finanzielle und berufliche Einschnitte mit sich, die bisweilen in eine völlige Isolation von jedem Engagement führten. Viel eher illustriert der Autor die Gefühlswelt des Betroffenen in einer derart direkten und ehrlichen Weise, dass gerade denjenigen, die diese Monate einigermaßen unbeschadet überstanden haben, die unglaubliche Not vor Augen gebracht wird, welche mit einer im Nachgang überaus fragwürdigen Strategie zum Einfrieren des kulturellen Schaffens einherging.

Durch einen von außen herbeigeführten Schicksalsschlag standen plötzlich ganze Bevölkerungsteile vor einem Scherbenhaufen ihrer Träume und Vorstellungen für die Zukunft. Besonders hart traf es deshalb, weil niemand mit einer derartigen Situation rechnen konnte – und entsprechend auf solch strikte Zäsuren nicht vorbereitet war. Dass dieser Zustand gerade die produktiven Menschen in unserer Gemeinschaft zu einer bis zu jegliche Sinnhaftigkeit nehmenden Unterbrechung allen Wirkens gezwungen hat – und ihnen mit einem Mal ein korsettartiges Stillsitzen verordnet wurde, war auch für Hannes der Anfang eines Leidensweges. Da fehlten plötzlich Selbstwirksamkeit, Bestätigung und Erfüllung – stattdessen startete eine von Entbehrung und Kasteiung gezeichnete Passion, die erst mit Verspätung zur Katharsis wurde.

In dieser Situation verschlägt es die Hauptperson in den Speckgürtel von Hamburg. Dort lernt er Rike kennen, die ihn in einer ausgeprägt kontrastierend dargestellten Persönlichkeit herausfordert. Denn sie ist so anders als die vielen, die Hannes bisher getroffen hat. Ihre Ansichten über den Zustand der Demokratie, die derzeitige Herrschaftsform und die Verteilung der Macht stellen für ihn eine ernsthafte Konfrontation mit seinen bisherigen Standpunkten und Haltungen dar. Doch nicht zuletzt, weil sich Rike unverhohlen traut, ihre Sicht der Dinge in einer vertrauten Offenheit zur Sprache zu bringen, entwickelt sich plötzlich eine Emotionalität, die die anfängliche Verbundenheit bis zur Begierde steigert. Denn es ist nicht nur die Attraktivität der Äußerlichkeit, sondern vor allem die Mitteilungskraft der Worte und Positionen, mit denen Rike für ihre Überzeugungen eintritt, die Hannes imponieren.

Sich gerade in umbrüchigen Zeiten für eine eigene klare Kante zu entscheiden, die in einer bislang oftmals von Anpassung und Unterwürfigkeit weichgespülten Gesellschaft anrüchig war, scheint in Hannes eine über die bloße Empathie und Zuneigung hinausgehende Liebe zu entfachen – die sich wiederum durch die Markantheit von Rikes Einwänden an bestehenden und eingefahrenen Konzepten, Systemen und Argumenten reibt. Zarnack hat mit seinem Aufeinanderprallenlassen zweier Weltanschauungen den Reiz der Lust am Andersdenken gefördert – und ermutigt mit seinem so authentischen, wirklichkeitsnahen und unveränderten Schauspiel einer Realsituation zur Befassung mit einer Frage, die gerade aktueller denn je ist: Wie kann Freundschaft, Beziehung und Kollegialität einen bis zum Extremen gespannten ideologischen Dissens aushalten?

Wächst Harmonie nicht sogar dadurch, dass wir einander in Sachlichkeit und Aufrichtigkeit Widerspruch entgegenbringen? Steht nicht die Annahme des Menschen in seiner Gesamtheit, also inklusive der divergierenden Zustandsbeschreibungen der Welt, über seinen identitäts- und kulturpolitischen Theorien? Dürfen und sollten wir in der demokratischen und freiheitlichen Debatte nicht den Respekt vor der Integrität des Anderen, seiner Persönlichkeitseigenschaften, seiner individuellen Schönheit und Werte nach vorne stellen? Gehört es nicht gerade auch zu einem sozietären Miteinander, (Nächsten-)Liebe weit über einer auch Streit und Kontroversität provozierenden Unterschiedlichkeit anzusiedeln? Wie gehen wir gleichsam mit Verletzungen um, die wir einander in aufgeheizten Diskursen, in der Radikalität und Polarisierung wie in Covid-Jahren zugefügt haben mögen? Schweißt uns nicht vielleicht der unverblümte Austausch von Antithesen sogar zusammen, wenn wir bereit sind, die andere Perspektive als legitim, bereichernd, notwendig und verbindend zu begreifen – und sie manches Mal auch ohne Gegenrede stehenlassen?

Zarnack ist ein wunderbares Werk der Spiegelung gelungen, in dem er mit zutiefst anrührenden, metaphorisch einfach nachzuvollziehenden Einblicken in die Seele von Hannes einen nicht nur persönlichen Konflikt – der sich am Ende zu einer aus Weisheit, Klugheit und Erkenntnis auswachsenden Innigkeit zu Rike auswächst – parabelgleich darstellt. Viel eher handelt es sich um ein repräsentatives und für viele Menschen so bekanntes Gleichnis, dessen harte Bruchkanten wir in unserer derzeitigen medialen wie privaten Umgebung häufig selbst erleben. Wir werden in einer Dekade der Spaltungen mit nicht weniger als der Botschaft und Aufgabe befasst, Gegensätzlichkeiten in den Anschauungen auszuhalten und zu ertragen – und darunter nicht unsere Beziehungsebene leiden zu lassen. Dies kann nur dann gelingen, wenn wir in einer Nüchternheit der Demut vor dem Mehrwert des Dialogs die sachlichen Dissonanzen in verschiedenen Betrachtungsweisen nicht zu persönlicher, böswilliger oder unfriedlicher Besserwisserei und Überlegtheit ausarten zu lassen. Viel eher zeigen Hannes und Rike, dass der Willen und die Bereitschaft zum Verstehen und Verständigen auch das eigene Oxymoron überwinden können.

Dennis Riehle

Hinweis: Die Rezension entstand auf Eigeninitiative. Es erfolgte keine Gegenleistung.

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