Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Was die neuen Epstein-Akten so explosiv macht – und warum dennoch keine Anklagen folgen“ (aus: „Apollo News“ vom 03.02.2026)
Wer als Journalist das nationale und weltweite Geschehen beobachtet, der kommt in diesen Tagen nicht umhin, Stellung zu beziehen zum Fall Jeffrey Epstein. Ein US-amerikanischer Finanzier, der bereits 2008 in Florida zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil er ein globales Netzwerk des Sexhandels mit Minderjährigen betrieb. Straftaten, die moralisch auf der niedersten Ebene anzusiedeln sind, was Menschen anrichten können. Wer sich an den Kleinsten vergeht, wird nicht umsonst aus der Gesellschaft ausgestoßen. Umso mehr hatte es verstört, dass der 1953 geborene Investmentbanker zunächst nur nächtlich ins Gefängnis einfahren musste, während er tagsüber weiterhin arbeiten durfte. Schon allein diese Regelung hatte einen faden Beigeschmack der Relativierung, die Vereinbarung wurde bezeichnend unter dem Titel „sweetheart deal“ bekannt. 2019 wurde er neuerlich angeklagt, beging allerdings in der Justizvollzugsanstalt Suizid (*), ehe es zu einem Prozess kam. Die einstige Lebenspartnerin Ghislaine Maxwell erhielt 20 Jahre für Beteiligung an all den Verbrechen, einschließlich der Vergewaltigung von Dutzenden Kindern, einer Rekrutierung von Helfershelfern und der Kontaktaufnahme zu prominenten Persönlichkeiten, um mit ihnen das denkbar dreckigste Geschäft der irdischen Vorstellung zu betreiben.
Die Kumpanei der Behörden mit den Schweigsamen ist besonders verwerflich…
Ausgehend von mehreren Villen, unter anderem auch in New York, entwickelte sich ein beispielloser Skandal, der mittlerweile auf Millionen von Seiten dokumentiert ist. Diese bekannten Akten werden momentan sukzessive freigegeben, immer weitere Namen tauchen auf, die involviert sein sollen, haben sie anrüchige Dienste in Anspruch genommen oder bei der Vertuschung geholfen. Denn obwohl die Behörden frühzeitig vom historischen Ausmaß dieser Schande wussten, gingen sie den zahlreichen Hinweisen nicht weiter nach. Auch diese Rolle der Ermittler ist Gegenstand von der Aufarbeitung, die anhand von Gerichtsakten, E-Mails und Protokollen erfolgen soll. Opfer beklagen, dass Mittäter weiterhin geschützt werden. Denn es wurde nunmehr bekannt, dass es zumindest keine weiteren Strafverfolgungen geben dürfte. Welch ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die gepeinigt und deren Seele geschändet wurde. Politiker wie Donald Trump kursieren in den Aufzeichnungen, der momentane Präsident soll wenigstens enge Verbindungen zu Epstein gepflegt haben, war mehrfach mit ihm auf Flügen unterwegs. Sein früherer Berater Steve Bannon wird genannt, Bill Clinton ebenfalls, leugnet jedoch, von den Machenschaften gewusst zu haben. Elon Musk, Bill Gates und „Google“-Mitgründer Sergey Brin finden gleichsam Erwähnung.
Nicht nur Mächtige, Schöne und Reiche machen sich des ekligsten Verbrechens schuldig…
Der ehemalige Prince Andrew gehört wohl zu jenen, die am häufigsten in den Dokumenten erscheinen. Gleich hunderte Male, außergerichtlich hatte er sich bereits geeinigt, betont jedoch, nicht in Missbrauch involviert gewesen zu sein. Woody Allen könnte als Mitwisser fungiert haben, darauf deuten Textnachrichten hin. Insgesamt sollen zehn Verdächtige zum engeren Zirkel der Beschuldigten gehören, ihre Daten wurden jedoch geschwärzt. Weil es nach Ansicht des FBI keine Hinweise auf weitere Delikte gibt, genannt seien Nötigung oder Erpressung, hat man nunmehr davon abgesehen, Einzelheiten noch einmal aufzurollen. Und hier beginnt die eigentliche Affäre. Exemplarisch wird deutlich, wie Strafvereitelung aussehen kann, wenn die Betroffenen einen speziellen Rang haben. Das Messen mit zweierlei Maß, der Deckmantel des Schweigens über die Eliten, diese Anwürfe sind das tatsächlich Pikante. Sobald man in bestimmten Kreisen verkehrt, scheint man immun zu sein, darf sich leisten, was man will. Viel zu lange haben auch die Medien weggesehen, die Öffentlichkeit verweigerte den Anspruch auf Transparenz, dominierten Desinteresse und Ignoranz. Ungleichheit, Machtmissbrauch und Dekadenz prägen die gesamte Causa, offenbaren nicht zuletzt, wie schnell man sich der Rechenschaftspflicht entziehen kann, hat man einen gewissen Reichtum angehäuft.
Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, denn die Aufklärungsquote ist erbärmlich…
Insbesondere die ethische Komponente muss uns allen Sorge bereiten. Und dies gilt nicht nur dann, wenn Kindesmissbrauch in weiter Ferne geschieht. Denn schauen wir genau hin, was im Zweifel sogar in unserer Nachbarschaft an Verwerflichem geschieht? Oftmals ist das Wimmern und Weinen leise, wir überhören es. Da bremsen der soziale Konformitätsdruck und eine falsche Zurückhaltung, sich einzumischen. Psychologische Mechanismen wie die Verdrängung sollen uns vor bitteren Realitäten bewahren. Dabei ist in diesen heiklen Angelegenheiten schon jeder einzelne Fehltritt ein Grund für Empörung. Bei derartigem Verhalten gibt es nichts zu rationalisieren. Wir dürfen uns unter keinen Umständen darauf verlassen, dass irgendein Anderer schon etwas unternehmen wird. Wir selbst stehen in der Verantwortung, sensibel zu sein. Auch der Status darf nicht abschrecken, Anzeichen von Vernachlässigung oder Traumatisierung unter den Teppich zu kehren. Die kollektive Untätigkeit führt letztlich dazu, dass sexuelle Gewalt als „normal“ internalisiert wird. Welch eine sittliche Abstumpfung! Eine Kultur der Verrohung ist genauso ekelerregend wie die Taten an sich. Und sie konfrontiert uns mit der Frage: Wo sind unsere Empathie und Solidarität mit jenen geblieben, die sich aus eigener Kraft so schwer wehren können?
* Hinweis: Sollten auch Sie unter suizidalen Gedanken leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter Nummer 0800/1110111, einen Facharzt oder das nächstgelegene Krankenhaus.











