Die Illusion des Rüstungswachstums: Wenn der Staat Kapital verbrennt…

Gastbeitrag von Michael Thoma

Deutschland hat sich seit 2022 selbst Preissignale „kaputt geregelt“ – die Industrie wurde schwächer, Anpassung wurde verschleppt. Jetzt kommt der nächste große Eingriff: Aufrüstung. Milliarden fließen in Waffen und Truppen, oft über Sondervermögen und neue Schulden – also auf Kosten späterer Spielräume. Das sieht nach Boom aus (volle Auftragsbücher, steigende Kurse), frisst aber Kapital und Fachkräfte, die anderswo fehlen: Leopard statt Maschinen, Panzer statt Innovation. Sichtbar ist die Rüstungsindustrie – unsichtbar ist die Rechnung: weniger Investitionen, weniger Wohlstand, mehr staatliche Kontrolle

Aufrüstung als zweite Interventionswelle

Seit 2022 steht Deutschland unter doppeltem Druck: Der Konflikt mit Russland verknappte Energie- und Rohstoffzufuhr, während der Atomausstieg im April 2023 funktionierende Grundlastkapazitäten aus dem Energiemix entfernte. Statt Knappheit über klare Preissignale wirken zu lassen, reagierte die Bundesregierung mit Preisbremsen, steuerlichen Entlastungen und Transferlösungen – ein administratives Überkleben, das Kalkulation erschwerte, Anpassung verzögerte und die industrielle Substanz strukturell ausdünnte.

Eine neue Welle des Interventionismus zeichnet sich nun ab – massiver und in ihren Mechanismen zugleich subtiler: Europas Aufrüstungspolitik und der daraus folgende Anstieg der Verteidigungshaushalte.

Deutschland befindet sich dabei in einer besonders riskanten Lage. Unter Druck der NATO, der Vereinigten Staaten und des veränderten geopolitischen Umfelds nach dem russisch-ukrainischen Krieg hat Berlin sein berühmtes Sondervermögen reaktiviert – den 2022 beschlossenen 100‑Milliarden‑Euro‑Fonds für die Bundeswehr – und sich verpflichtet, die 2‑Prozent‑Schwelle des BIP bei den Verteidigungsausgaben endlich zu überschreiten, ein Ziel, das seit den NATO‑Vereinbarungen von 2014 regelmäßig verfehlt wurde. 2024 wurde diese Schwelle erstmals seit der Wiedervereinigung annähernd erreicht. Anfang 2026 lag der Bundeswehr‑Etat bei 108,2 Milliarden Euro. Bestätigt ist inzwischen, dass er bis 2029 auf 152 bis 162 Milliarden Euro steigen soll – das entspräche rund 3,5 Prozent des deutschen BIP.

Kapitalverbrauch statt Kapitalbildung

Panzer als Ausdruck von Rüstung und Kapitalverbrauch, KI-generiertes Bild, Quelle: ChatGPT

Um zu verstehen, warum dies ökonomisch so brisant ist, muss man den Grundcharakter militärischer Ausgaben im Denkrahmen liberaler Autoren und der österreichischen Schule erfassen. Schon der französische Ökonom Frédéric Bastiat geißelte den gigantischen Verschleiß unkontrollierter Militärausgaben: nicht nur die Umleitung materiellen Kapitals in kriegerische Zwecke, sondern auch die Verschwendung von Humanpotenzial und Zeit in einem Unternehmen, das seinem Wesen nach Kapital zerstört, statt es zu schaffen. Der Wunsch der Bundesregierung, zusätzlich 50.000 bis 60.000 Soldaten zu rekrutieren, um ein Ziel von 260.000 Aktiven zu erreichen, passt in dieses Bild. Das strategische Ziel ist klar: Frankreich überholen und bis 2029 zur führenden europäischen Militärmacht werden.

„Um zu produzieren, muss man alle Kräfte darauf richten, die Natur zu beherrschen; denn sie ist es, die bekämpft, gezähmt und dienstbar gemacht werden muss. Darum ist Eisen, in einen Pflug verwandelt, das Emblem der Produktion. Um zu plündern, muss man alle Kräfte darauf richten, Menschen zu beherrschen; denn sie sind es, die bekämpft, getötet oder versklavt werden müssen. Darum ist Eisen, in ein Schwert verwandelt, das Emblem der Plünderung.“ – Frédéric Bastiat, Harmonies économiques

Ein Jahrhundert nach Bastiat erinnert Ludwig von Mises in Human Action (Menschliches Handeln) daran, dass jedes menschliche Handeln die Zuteilung knapper Mittel auf Ziele ist, die der Handelnde priorisiert. Wenn der Staat den Militäretat erhöht, schafft er keinen neuen Wohlstand; er verteilt lediglich Ressourcen um, die zuvor vom produktiven Sektor mobilisiert wurden – durch fiskalischen Zugriff oder monetäre Zwangsmittel (also die Inflationierung der Geldmenge) – hin zu Zwecken, die er als vorrangig definiert. Diese erzwungene Umleitung ist ihrem Wesen nach eine Form wirtschaftlicher Kalkulation, die nicht von Marktakteuren nach subjektiven Präferenzen geleistet wird, sondern von einer Zentralverwaltung, die zu rationaler wirtschaftlicher Kalkulation strukturell nicht fähig ist.

Wer diese Realität verstehen will, muss nur begreifen: Jeder Euro, der in einen Leopard‑Panzer fließt, ist ein Euro, der nicht in eine Werkzeugmaschine, die Forschung und Entwicklung eines Unternehmens oder die Weiterbildung eines Ingenieurs investiert wird. So politisch legitim Militärausgaben in der gegenwärtigen Lage wirken mögen – ökonomisch bleiben sie Kapitalverbrauch und nie die Bildung produktiven Kapitals.

„Die Gesellschaft ist aus dem Frieden geboren, und das Wesen der Gesellschaft ist Frieden. … Frieden baut auf; der Krieg zerstört.“ – Ludwig von Mises

Liberale Denker und die österreichische Schule der Nationalökonomie treffen sich in einem zentralen Punkt: Übermäßige Militarisierung ist die schlechtestmögliche Allokation von Kapital. Militarisierung zielt auf Kapitalvernichtung in zwei Richtungen: auf das Kapital des Gegners und auf das Kapital des eigenen Landes, das diese aggressive Politik betreibt. Diese Doppelbewegung ist eine Form systemischer Kapitalabschreibung. Militarisierung und Krieg bestrafen alle Gesellschaften – auch den Sieger. Hinzu kommt die Gefahr der keynesianischen Multiplikator‑Falle, wonach Rüstungsinvestitionen dem zivilen Markt angeblich „zugutekämen“. In Wahrheit setzt diese Behauptung voraus, der Staat könne das Geld der Bürger effizienter und bedarfsgerechter allokieren als die Bürger selbst – eine Annahme, die an der subjektiven, individuellen Natur von Bedürfnissen scheitert.

Finanzierung, Verzerrung, Boom: der Interventionsmechanismus
Panzer vor einer abgewirtschafteten Industrieanlage, KI-generiert, Quelle: ChatGPT

Panzer vor einer abgewirtschafteten Industrieanlage, KI-generiert, Quelle: ChatGPT

Im deutschen Fall entscheidet sich die eigentliche Wucht der Verzerrung an der Frage der Finanzierung. Hier greifen die Mechanismen, die die österreichische Schule als besonders destruktiv beschreibt. Das Sondervermögen über 100 Milliarden Euro ist durch öffentliche Verschuldung finanziert – also durch einen Zugriff auf zukünftige Ersparnisse, getarnt als heutige Haushaltsfähigkeit. Dieses buchhalterische Kunststück umgeht die verfassungsrechtliche Schuldenbremse. Genau darin zeigt sich, was Mises als Kreditexpansion beschrieb: die Einspeisung künstlicher Kaufkraft in staatlich begünstigte Sektoren. Das verzerrt Preissignale und schafft die Bedingungen eines künstlichen Booms, der zwangsläufig in eine Rezession kippt, sobald die Realität knapper Ressourcen sich durchsetzt.

Die deutsche und europäische Rüstungsindustrie erlebt diesen Effekt bereits. Rheinmetalls Auftragsbücher explodieren, Börsenbewertungen erreichen schwer zu rechtfertigende Höhen, Lieferzeiten verlängern sich gefährlich – nicht zuletzt wegen fehlender Fachkräfte, die die schrumpfende zivile Industrie zu langsam freisetzt. Als Illustration des künstlichen Aufschwungs, den Interventionismus produziert, genügen die geplanten Großaufträge: Nach Angaben von Bloomberg und Reuters beabsichtigt Berlin, bis zu 3.500 ARTEC‑Boxer‑Radpanzer, 5.000 Patria‑6×6‑Fahrzeuge, 1.000 Leopard‑Panzer sowie 20 zusätzliche Eurofighter EF2000 zu beschaffen.

Man kann einwenden, ein Staat müsse seine Verteidigungsfähigkeit stärken, um Souveränität und Freiheit zu sichern. Doch ruft jede Intervention nach weiterer Intervention – und damit nach stärkerer Kontrolle über Kapital und Individuen. Eingriffe zerstören Marktinformationen, verschieben Anreize, entkoppeln Preise von Knappheit. Eine militarisierte Ökonomie ist keine liberale Gesellschaft; sie tendiert im Gegenteil zu mehr Autorität. Joseph Salerno beschreibt diese Logik eindrücklich in Money: Sound and Unsound. Und gerade in Deutschland existieren historische Beispiele, die den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Totalisierung politischer Steuerung belegen. Das bekannteste ist das Hindenburg‑Programm des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg: totale Mobilisierung knapper Ressourcen, gesteigerte Rüstungsproduktion durch sinkenden zivilen Konsum und Rationierung. Günter Reimann charakterisierte ein solches System als „Vampirökonomie“: In permanenter, totaler Kriegführung saugt es unweigerlich das gesamte Kapital einer Gesellschaft aus.

Deutschland gerät damit in eine Falle von tragischer Konsequenz: Die interventionistische Energiepolitik der Jahre 2022 bis 2025 schwächte die industrielle Basis; die spätere Rückkehr zu realen Marktpreisen löste jene Insolvenzwelle aus, die in vielen Branchen wie ein nachträglicher Kassensturz wirkte. Und die Aufrüstung wird nun das verbliebene produktive Kapital, das sich über Generationen aufgebaut hat, ebenso anzapfen wie die Lebensenergie der Gesellschaft, die in den Militärdienst umgeleitet werden soll. Bastiat und Mises haben den Mechanismus beschrieben: Interventionismus ist kumulativ. Jedes Ungleichgewicht erzeugt neue Eingriffe – bis die Rückkehr zur ökonomischen Realität sich durchsetzt, schmerzhaft, aber unausweichlich.

Am Ende bleibt eine nüchterne Erinnerung: Eine militarisierte Gesellschaft verliert auf dem Weg zu Fortschritt und steigenden Lebensbedingungen – weil sie Kapital dorthin lenkt, wo es nicht produktiv werden kann. Wie Bastiat schrieb, ist Krieg eine Illusion von Wohlstand: Er erzeugt sichtbare Aktivität – die Rüstungsindustrie –, doch stets auf Kosten des Unsichtbaren: verlorener Alternativen, verpasster Innovation, aufgeschobener Kosten.

Krieg ist nie die Lösung einer Krise, sondern die ultimative Krise.