Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Drei oder vier Euro‘: Kassenärztechef fordert Gebühr bei jedem Arztbesuch“ (aus: DER SPIEGEL vom 29.12.2025)
Deutschland krankt gleich an mehreren Symptomen. Die Diagnosestellung fällt einigermaßen leicht, die Therapie ist dagegen eine Herausforderung. Wir leiden unter einer übermäßigen Erschöpfung, an mehreren Beinbrüchen, von einer Gehirnerschütterung über Herzrhythmusstörungen bis zu Gicht. Die Republik ist nahe vor der Intensivstation, eigentlich können nur bittere Pillen helfen. Und sie wären auch mit Blick auf unser Gesundheitswesen dringend nötig, doch die Auswahl der Medizin bleibt entscheidend. Es nutzt nichts, die Füße zu behandeln, wenn der Fisch vom Kopf her stinkt. Da gibt es mittlerweile die unterschiedlichsten Vorschläge, wie das in Schiefstand geratene System am Leben gehalten werden kann.
Der Fokus liegt allein auf einer Mehrbelastung der Beitragszahler, nie auf den Ausgaben…
Von einer Neuauflage der Praxisgebühr über einen verpflichtenden Facharztlotsen bis hin zu Leistungsstreichungen sind diverse Maßnahmen im Gespräch. Auch der Zugang zu einem Pflegegrad soll erschwert werden, während die Krankenhausreform auch 2026 viele Versicherte vor Beitragssteigerungen nicht bewahren konnte. Wir sind also gänzlich auf der Ausgabenschiene, einem erneuten Schröpfen derjenigen, die durch ihre Abgaben den Karren überhaupt am Laufen halten. Benachteiligte derartiger Reformen wären die besonders Vulnerablen und Schwachen, von Solidarität käme man gänzlich ab. Die eigentlichen Ursachen für die schwerwiegenden Probleme werden aus politischer Korrektheit neuerlich verschwiegen.
Rund 18 Prozent der gesamten Ausgaben der Krankenkassen, also etwa 61 Milliarden von ungefähr 320 Milliarden, werden allein für sogenannte versicherungsfremde Leistungen aufgebracht. Das heißt, sie fließen in jene Aufwendungen, die eigentlich nicht aus Beiträgen der Versicherten, sondern durch Steuermittel oder andere Quelle abgedeckt werden sollten. Insbesondere zu nennen ist dabei die Ausgleichsfinanzierung für Bürgergeldempfänger. Allein hier belief sich das Defizit 2025 auf über neun Milliarden Euro. Der Bund springt nur etwa für ein Drittel jener Kosten ein, die er eigentlich aus seinem Haushalt zu stemmen hätte. Nicht umsonst sind mittlerweile Klagen anhängig, um diesen Skandal zu klären.
Die Ideen sind weitreichend, erfordern allerdings Mut zu einem Systemwechsel…
Es gibt weitere Posten, die deutlich weniger umfangreich sind, aber ebenso auf den Prüfstand gehören. Zu denken ist dabei exemplarisch an Ausgaben für homöopathische Heilmittel. Einsparpotenzial ergäbe sich aber auch, würden Migranten nicht prinzipiell nach dem 36. Monat des Aufenthalts auf hiesigem Boden einem GKV-Versicherten gleichgestellt werden können. Allein die Überlegung, diesen Zeitpunkt auf den 60. Monat nach hinten zu verlegen oder eine Voraussetzung zu schaffen, dass mindestens zwei Jahre Beiträge entrichtet werden müssen, ehe ein Flüchtling die Vollversorgung in Anspruch nehmen kann, könnte Entlastungen zwischen vier und elf Milliarden Euro bringen, je nach genauer Definition der Betroffenen.
Die Zahl der Krankenkassen auf 30 zu reduzieren, würde rund 1,5 Milliarden Euro an Kosten senken, zehn Milliarden sind es bei einer forcierten wie verbindlichen Unterstützung gesundheitsfördernder wie Präventivmaßnahmen. Weitere fünf Milliarden könnten bei der konsequenten Nutzung von strukturierten Versorgungsprogrammen einbehalten werden, die verpflichtende Hausarztzentrierung würde um drei Milliarden entlasten. Etwa 7,5 Milliarden Euro spart der Umstieg auf Digitalisierung, etwa fünf Milliarden würden durch eine Senkung der Arzneimittelpreise beziehungsweise eine effizientere Kliniklandschaft wegfallen. Der Ideenreichtum scheint also vielfältig, die Mehrbelastung der Allgemeinheit ist die schlechteste Lösung.







