Rüdiger Maas: Ein weit gereichter Publikumsintellektueller zwischen Selbstvermarktung und Eigenreproduktion… 

Kommentar zu den Rechercheergebnissen von Frank Steppat

Leben wir noch in einer Herrschaftsform des mündigen Bürgers oder sind wir bereits in eine Expertokratie abgedriftet? Immer mehr Fachleute wollen uns in Fernsehen und Presse erklären, wie die Welt funktioniert. Oftmals haben sie Ahnung, manchmal scheint es eher so, als hätten sie für ihr Wissen einen Wochenendkurs belegt. Wie schnell wird man heute zu einer gefragten Koryphäe, wenn man irgendetwas zu sagen hat. Ob die Einlassungen dabei stichhaltig und fundiert sind, hängt nicht zuletzt auch davon ab, inwieweit sich eine Profession als tragfähig erweist. Und weil der selbst erklärte Laie heute rasch einmal zum gefragten Profi wird, lohnt es sich, hinter die Kulissen zu schauen. Auch bei Rüdiger Maas, seines Zeichens Generationenforscher, zumindest wird er so angekündigt. Im „heute journal“ und bei Markus Lanz war er jüngst zu sehen. Einen Doktortitel trug er dort, auch auf seiner eigenen Homepage liest sich dazu Manches, aber Widersprüchliches. Sucht man im Internet, wird man nicht überall fündig. Da gibt es offenbar eine Diskrepanz zwischen der eigenen Vermarktung und den Darstellungen in unabhängigen Quellen. Wer nach seiner Promotionsschrift Ausschau hält, guckt ins Leere.

Ein volatil wirkender Doktortitel zwischen Werden und Sein: Aus Japan von gestern mitgebracht, im München von morgen (vielleicht irgendwann) vollendet?

In einschlägigen Verzeichnissen taucht er als „deutscher Psychologe, Unternehmensberater und Buchautor“ auf, ohne jeden Anhalt auf ein „Dr. Dipl.-Psych., M. Sc.“. An welcher Universität konkret er seine Dissertation eingereicht hat, bleibt ebenso unklar wie das Abschlussjahr. Sie soll sich um „Social Communications & Information Sciences“ drehen, doch wer hat sie gesehen? In wissenschaftlichen Datenbanken und in externen Biografien sind Funde über ihn Mangelware. Werbung betreibt er vor allem von sich heraus. Zusätzliche Qualifikationen sammeln sich an, Wirtschaftspsychologe, Institutsleiter für Generationenforschung, Unternehmensberater, Cyberpsychologe mit Schwerpunkt Digitalisierungseffekte, Erziehungs- und Familienexperte, Politik- und Wahlverhaltensanalyst ganz nebenbei. Tatsächlich soll er im Augenblick auch in München eingeschrieben sein, für ein Philosophiestudium. Ganz schön hoch gestapelt. Wenngleich man natürlich in Ehrfurcht erstarren muss, bei sechs Sprachen, die er beherrschen soll. In Berufsverbänden von Deutschland bis Amerika scheint er Mitglied, kümmere sich auch um internationale Konflikte und Führungsprobleme. Medial tingelt er vom SWR über den „Spiegel“, die „Zeit“, WELT bis zum „Business Insider“, analysiert die Digitalisierung, die Erziehung, das Wahlverhalten der Jugend.

Von einem Medium zum nächsten weitergegeben, doch niemand interessiert sich für die wissenschaftliche Konsistenz der Expertise…

Zahlreiche Studien hat er mit seiner gegründeten Einrichtung hervorgebracht. Seit 2023 sitzt er im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. In der anwendungsbezogenen Sphäre ist er bekannt und gefragt, seine Verlautbarungen sorgen für Aufsehen und Debatte. Doch wie viel Authentizität und Fundament steckt hinter all dieser Kompetenz? In hochrangigen Zeitschriften taucht Maas nicht wirklich auf, seine Publikationen werden allenfalls in populärwissenschaftlichen Kreisen repliziert. Inwieweit seine Erhebungen den Standards von Methodik, Repräsentativität und Unabhängigkeit entsprechen, lässt sich aufgrund fehlender Angaben darüber nur schwer prüfen. Erkennbar ist, dass er ein privates und kommerziell ausgerichtetes Unternehmen führt, nicht etwa dem Anspruch der Lehre einer Hochschule unterworfen. Ob er einen PhD lediglich aus Japan mitbrachte, dieser hierzulande aber möglicherweise aus unerfindlichen Gründen ohne Anerkennung blieb, man kann nur spekulieren. Da wandelt ein Grandseigneur der Performance auf ziemlich undurchsichtigen Pfaden, es fällt schwer, zu einem endgültigen Urteil zu gelangen.

Studien en maas(e): Nicht aus universitärer Forschung, sondern von einem auf Profit und Aufmerksamkeit gerichteten Privatinstitut…

Doch zahlreiche Fragen bleiben: Ist er bereits Doktor – oder lediglich auf dem Weg dorthin, wie man es teils auf seiner Website, aber auch bei „dfv – Euro Finance Group“ (Zitat: „Später studierte Maas berufsbegleitend Philosophie. In beiden Fächern promoviert Maas gerade zum Thema Generationenethik bzw. Informationsverarbeitung der verschiedenen Generationen“, Stand: 30.03.2026) entnehmen kann? Bleibt seine Generationenforschung vornehmlich auf Verkauf und Klicks gerichtet – oder weshalb sind Langzeitdaten und Kontrollgruppen so rar, die Konsistenz bestätigen würden, über die Einhaltung von Prinzipien wachen? Weshalb werden seine Kunden bei einem derart vielfältigen Kenntnisspektrum nicht stutzig, übernehmen Titel und Qualifikationen, ohne ihre Herkunft zu erörtern? Wie viel Wahrheit und wie viel heiße Luft stecken in einem Portfolio, das wie ein Bilderbuch glänzt, dem es aber an Untertiteln fehlt? Man muss nicht gleich davon sprechen, dass hier jemand bewusst lügt, täuscht oder blendet. Denn Mechanismen und Motivationen bleiben auch nach den Enthüllungen von Frank Steppat wilde Spekulation.

Mit etwas Skepsis im Hintergrund eröffnet sich allerdings das, was die moderne Sprache als „Public Intellectual“ bezeichnet. Hohe Sichtbarkeit, mittlere wissenschaftliche Tiefe. Maas beobachtet Trends und kommuniziert erfahren. Doch bisweilen wirkt sein Schaffen eher wie Schau statt Know-how. Ob er ein Schaumschläger ist, muss er selbst beantworten.

Man muss abwarten, was der investigative Geniestreich meines Kollegen an Transparenzbemühen nach sich ziehen wird. Es gilt in sämtlichen Belangen die Unschuldsvermutung. Ich für meinen Teil sage: „Danke, Steppat, für deine Meisterleistung!“.

Ein ausdrücklicher Dank geht auch an Doz. Dr. Stefan Weber, den „Plagiatsjäger“, für seine elementare, wegweisende sowie profunde Vor- und Zuarbeit zu diesem Themenkomplex!

Veröffentlichung: 30.03.2026, 13.45 Uhr