Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Brief an die Mitarbeiter: Wolfgang Grupp macht Suizid-Versuch öffentlich“ (aus: „Süddeutsche Zeitung“ vom 17.07.2025)
In unserer Gegenwart werden viele Themen tabuisiert, könnte das Aussprechen von Wahrheiten doch manch einen gesellschaftlichen Frieden bedrohen. Dagegen sind es eher Scham und Hilflosigkeit, wenn wir darüber schweigen, wie verbreitet und allzu menschlich psychische Erkrankungen zur Lebensbiografie von vielen Bürgern dazugehören. In einer beeindruckenden Klarheit hat sich nunmehr der einstige Unternehmer Wolfgang Grupp nach tagelangen Spekulationen über einen Krankenhausaufenthalt zu Wort gemeldet, um das Bekenntnis abzugeben, einen Suizidversuch begangen zu haben. Für die allermeisten Depressionen tragen die Betroffenen keinerlei Schuld oder Verantwortung. Sie sind kein Ausdruck von charakterlicher Schwäche oder persönlicher Unreife, sondern häufig das Resultat eines Zusammenspiels an körperlichen und seelischen Dysbalancen, an denen zwar Stress und Überforderung ihren Anteil haben können. Doch nicht selten stellt es Schicksal wie Zufall dar, ob und wann wir an dieser weit über eine bloße Niedergeschlagenheit hinausgehenden Störung leiden werden. Schließlich überkommt sie den Manager ebenso wie den Müllwerker, Bauarbeiter oder Pfleger.
Depressionen sind keine Befindlichkeit, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung!
Nachdem ich selbst 20 Jahre lang mit wiederkehrenden Episoden dieser massiven Einschränkung emotionaler wie kognitiver Schwingungsfähigkeit zu kämpfen hatte, ist mir die Sensibilisierung seit jeher ein großes Anliegen. Drängen wir niemanden in die Überzeugung, er habe sich selbst in eine derartige Situation manövriert, sind hormoneller Stoffwechsel, neurobiologische Defizite, ein Mangel an Transmittern, die fehlende Substitution von Vitaminen, äußere Einflüsse wie familiäre oder berufliche Brüche, tragische und traumatisierende Erfahrungen aus der Vergangenheit, beständige Überforderung, eine unzureichende soziale Einbettung, mangelnde Resilienz oder falsch programmierte Glaubenssätze treibende Kraft für Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, Sinnfreiheit, Überdruss, Schmerz, kreisende Gedanken, erdrückende Gefühle, innere Leere, Ermüdung, Pessimismus, Schwere und Verzweiflung. Hier geht es also nicht um eine lapidare Verstimmung, der man mit flapsigen Floskeln vom „Reiß dich zusammen“ oder „Das geht schon wieder vorbei“ auf eine ziemlich unsanfte, missachtende und nicht ernstnehmende Art und Weise begegnen könnte.
Die Gesellschaft sollte sich über ihre extremen Leistungsansprüche Gedanken machen!
Viel eher sind die Dimensionen derart gravierend, dass sie sogar in einen Abwägungsprozess über ein Verbleiben oder Scheiden aus dieser Welt treiben können. Wer auf das „Höher, Schneller, Weiter“ der Gegenwart, einen Erwartungsdruck und die Annahme von Perfektion als alleinige Tugenden oder Moral für ein erfolgreiches Dasein mit Widerständen von Körper und Unterbewusstsein reagiert, beweist nicht zuletzt das Aufbegehren hinsichtlich einer empathielosen Abstumpfung unseres Miteinanders, das Profit und Superlative als erstrebenswerte Ideale verkauft, allerdings ohne Rücksicht auf Verlust sämtlicher Sensibilität, die uns die Evolution nicht zuletzt deshalb an die Hand gab, funktioniert Gemeinschaft gerade nicht durch Reduktion auf Maxima und Höhepunkte, sondern durch die Sorge um uns und die Achtung vor unseren Nächsten. Solange wir nicht zulassen, über Scheitern und Brüche ganz gewöhnlich reden zu können, ohne sogleich als „Loser“ abgestempelt zu sein, drängt das Kollektiv ein Thema in die Ecke, welchem wir künftig noch sehr viel häufiger begegnen, weil es keine Anzeichen dafür gibt, dass aus Fällen wie jenen des Trigema-Chefs gelernt wird.
Hinweis: Leiden Sie selbst unter Depressionen und suizidalen Gedanken, erhalten Sie beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der deutschlandweiten Telefonnummer 116 117 ebenso Unterstützung wie bei der Telefonseelsorge (0800/1110111) oder dem Sozialpsychiatrischen Dienst vor Ort.
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