Der nächste Kurz-vor-Knapp-Brandbrief an die AfD-Spitze in Berlin: Offenbar wenig Substanz hinter den Sprücheklopfern vom Bodensee…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Jetzt aus Weidels Heimat: Nur fünf Tage vor der BaWü-Wahl kommen schwere Vorwürfe aus dem Ländle“ (aus: BILD vom 03.03.2026)

Die AfD muss derzeit an mehreren Fronten kämpfen. Da gibt es einerseits Vorhalte, der Bundesvorstand habe mit einer voreiligen Entscheidung den Parteiausschluss von Kevin Dorow in die Wege geleitet. Dem Jungpolitiker der „Generation Deutschland“ wurde nachgesagt, er habe Vokabular aus der NS-Zeit verwendet. Doch die Beschuldigungen waren einigermaßen haltlos, der Protest aus dem Vorfeld enorm. So wurde das Verfahren nunmehr gestoppt, man scheint umzudenken. Gleichzeitig sagte man der Spitze nach, sie habe sich mit Blick auf den Iran-Krieg ziemlich farblos geäußert. Aus verschiedenen Lagern stammte der Anwurf, man habe sich zu wenig positioniert. Für die eine Seite hatte sich Tino Chrupalla zunächst nicht ausdrücklich genug von Washington und Jerusalem distanziert. Der wiederum andere Pol monierte, es habe zu viel Verständnis für die Mullahs gegeben. Doch dann wabert gleichzeitig noch die Debatte über die Vetternwirtschaft. Jetzt ist ein neuer Brandbrief aufgetaucht, wiederum an Alice Weidel gerichtet.

Von einer Funktionärsebene scheint das Schreiben jedenfalls nicht zu stammen…

Er kursiert in ihrem Landesverband Baden-Württemberg, wo am nächsten Sonntag Wahlen stattfinden. Mehrere Mitglieder aus der Region Konstanz sollen ihn verfasst haben. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass er offiziell von einer Funktionärsebene oder aus den Organisationsstrukturen entstammt. Stattdessen kommt er einigermaßen eigeninitiativ daher, nicht motiviert von Amtsträgern, sondern gesteuert von einfachen, vielleicht enttäuschten Sympathisanten und Anhängern. Zunächst hatte die BILD-Zeitung darüber berichtet. Inhalt soll demnach die Unterstellung von Machtmissbrauch und autoritärem Gebaren beim Vorstand in Stuttgart sein. Das dortige Verhalten erinnere an frühere „Politbüros“, es wird von einer Ausschaltung der Gewaltenteilung und einer Untergrabung basisdemokratischer Prinzipien gesprochen. Regelhafte Prozesse würden unterdrückt, es käme zu Satzungsbrüchen und Rechtsverstößen, die die Alternative für Deutschland teure Anwälte koste. Kritiker würden zudem mit Parteigeldern mundtot gemacht, so tönt es recht aufgebläht.

Die Basisdemokratie gilt in vielen Bundesländern als Schwachstelle der Alternative…

Es gebe Hinweise auf finanzielle Unregelmäßigkeiten, mögliche Veruntreuung liegt im Raum. Doch in sämtliche Richtungen gilt die Unschuldsvermutung, zumal bisher nur äußerst vage angedeutet wird, was tatsächlich schief läuft. Konkretisiert stellt sich allein die sogenannte „Erbschaft Ludwigsburg“ dar. Hier geht es um das Vermächtnis von einer Wohnung, Goldreserven und Aktien an die AfD, das offenbar zu juristischer Streitigkeit geführt hat. Entsprechende Vorgänge lägen im Dunkeln, man könne nicht nachvollziehen, welcher Schaden entstanden sei, monieren die Autoren. Es habe sich eine Beutegemeinschaft etabliert, eine Selbstbedienungsmentalität, die skrupellos anmute, den Anschein von Manipulation und Korruption hinterlasse. Bei der Aufstellung der Liste für die Bundestagswahl seien 14 Personen benannt worden, ohne Gegenkandidaten aufzustellen. Bei der Akklamation für Markus Frohnmaier hätten sich Abweichler öffentlich zur Widerrede bekennen müssen. Konkurrenten hätten keine Chance, fair behandelt zu werden, selbst aufzusteigen.

Baden-Württembergs AfD steckt bereits seit Jahren in einem handfesten Lagerkampf…

Doch wie konsistent sind die Darstellungen der Unterzeichner, werden Grundsätze wie freie, gleiche und geheime Abstimmungen wirklich untergraben? Entfernt man sich „auf eklatante Weise“ von programmatischen Leitlinien, um vorrangig auf Postensicherheit zu schielen, statt die Basis einzubinden? Der baden-württembergische Landesverband ist spätestens seit 2019 gespalten. Damals bildeten sich zwei Lager aus. Eines davon unterstützte Alice Weidel, das andere den mittlerweile ausgeschlossenen und zur „WerteUnion“ gewechselten Dr. Dirk Spaniel. 2024 kam es deshalb auf dem Parteitag zu Tumulten, er versank letztlich im Chaos, nachdem man Mikrofone abschalten und Anfechtungen entgegennehmen musste. In der Folge ereigneten sich prominente Austritte wie jener von Thomas Seitz, der von einem „System das Gefälligkeitsdenkens“ sprach. Frohnmaier wird mit Nepotismus in Verbindung gebracht, weil seine Frau bei einem Bundestagsabgeordneten angestellt ist. Hier wie da herrscht größte Instabilität, da dürften noch viele Rechnungen offen sein.

Hinter den Anwürfen steckt zwar eine gewisse Plausibilität, aber nichts Konkretes…

Der Brandbrief selbst gestaltet sich bei kritischer Betrachtung nur teilweise als plausibel und konsistent. Bislang scheint keiner der Urheber aus der Anonymität zu treten, was nicht gerade für Glaubwürdigkeit oder Authentizität spricht. Konkrete Unterlagen und Belege sind ausgeblieben, es mangelt an Substanz. Zwar ist die Nachvollziehbarkeit für den Standpunkt von Machtcliquen durchaus hoch, zieht sich diese Erzählung doch seit Jahren wie ein roter Faden durch die Biografie der AfD im Südwesten. Die Kritik, beispielsweise am derzeitigen Landesvorstand unter Emil Sänze, ist mannigfaltig dokumentiert. Gleichzeitig wirkt das Manöver kurz vor dem Urnengang inszeniert. Offenbar will man die Gelegenheit nutzen, in einer ohnehin emotionalisierten Atmosphäre Aufmerksamkeit zu erlangen. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen oder Strafanzeigen liegen augenscheinlich nicht vor, weshalb es sich möglicherweise nur um eine Basisrevolte handelt, die zwar nicht vollkommen aus der Luft gegriffen ist, aber wohl doch über das Ziel hinausschießt.