Das Oxymoron des „neutralen Journalismus“: Nicht wertfrei oder rückgratlos, aber objektiv und eigenständig sollte die Berichterstattung sein…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Medienkritik – Berichte zum Iran-Krieg: Viel Propaganda, wenig Journalismus“ (aus: „nd – Journalismus von links“ vom 04.03.2026)

Wer nach einem Beispiel dafür sucht, die rhetorische Stilfigur von Antiklimax oder Paradoxon zu illustrieren, der könnte beispielsweise auf den Terminus des „neutralen Journalismus“ stoßen. Zwei Begriffe hintereinander, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Denn nein, Pressearbeit kann nie völlig unbeteiligt und wertfrei sein. Diese Vorstellung beherrscht weite Teile der Gesellschaft irrtümlich, doch sie ist ein Widerspruch. Schließlich sind Medien nicht nur zur Berichterstattung angehalten, sondern auch zur Einordnung und Kommentierung. Und da wäre es kein Beinbruch, sondern gar Auftrag und Sinn, für einen Moment Partei zu ergreifen, Position zu beziehen. Was unterdessen ein erstrebenswertes Ideal für jeden darstellen sollte, welcher sich auf das Terrain der Publizistik wagt, das bleibt die Objektivität. Auch sie erfordert nicht zwingend, sich in alle Richtungen zu distanzieren, aber in der Gesamtschau des Schaffens für Ausgewogenheit, Tendenzlosigkeit und Transparenz zu sorgen.

Journalismus bedeutet Bereitschaft, in jeder Situation auch das Gegenteilige zu beleuchten…

Drei Prämissen kennzeichnen diese Tugend. Einerseits ist es die Unabhängigkeit, sich also nicht dauerhaft einer bestimmten Denkrichtung, einer politischen Kraft oder einem immerwährenden Argument zu verschreiben. Sondern flexibel zu reflektieren, selbstkritisch zu bleiben, jede Überlegung stets zu hinterfragen. Der Anspruch zur Authentizität ist auf der anderen Seite mit dem Ziel verbunden, nichts wegzulassen, nichts zu beschönigen, aber auch nichts zu übertreiben. Eine vollständige Perspektive zu liefern, die auch jene Sichtweisen einbezieht, welche man eigens vielleicht nur ungern teilt. Nicht zuletzt sind es Fairness und Sachlichkeit, mit denen weniger das Erfordernis einhergeht, gänzlich auf Zuspitzung zu verzichten. Aber oberhalb der Gürtellinie zu bleiben, nichts zu unterstellen, von Vorverurteilung abzulassen, die Unschuldsvermutung zu achten, weniger aus Prinzip zu schmähen und zu verurteilen, sondern im Zweifel zu untermauern. Ein Paket an Aufgaben, das es zu berücksichtigen gilt.

Die prowestliche Tendenz bei „NiUS“ und „Apollo News“ offenbart den Objektivitätsanspruch…

Umso mehr enttäuscht mich in diesen Tagen, wie leichtfertig solche ehrwürdigen Prinzipien offenbart werden. Da ist es aktuell die Diskussion um die beiden Nachrichtenmagazine „NiUS“ und „Apollo News“, welche für Aufregung und Empörung sorgt. Außenstehende Beobachter unterstellen ihnen eine voreingenommene Haltung im Iran-Krieg. Der Chefredakteur des zweiten Hauses, Max Mannhart, zeigt sich auf der Plattform X mit einer durch die US- und Israel-Flagge ergänzten Biografie. Die Bewertung des Konflikts fällt hier wie da konsequent prowestlich aus, bisweilen erscheinen die veröffentlichten Artikel als diktiert von Washington oder Jerusalem. Man wagt es nicht, gegenläufige Meinungen zuzulassen. Stattdessen drischt man konsequent auf die AfD ein, wirft ihr zu wenig Courage vor, weil sie sich gemäßigt und zurückhaltend gibt, was die abschließende Urteilsfindung zu den Geschehnissen in Teheran angeht. Stattdessen lobt man Friedrich Merz, nahezu überschwänglich, wie ein Sprachrohr, das eifrig nach dem Munde redet.

In der Berichterstattung zu Iran zeigt sich die Abhängigkeit manch einer Redaktion…

Da fällt es nicht schwer, sogenannten Alternativen in der Medienlandschaft einen Hang zu Subjektivität, Starrsinn und Verschlossenheit nachzusagen, fehlt es ihnen offensichtlich an jeglichem Verständnis für die Vielfalt der Überzeugungen, die es normalerweise ehrlich abzubilden gilt. Wer sich stattdessen auf der Mission befindet, Zuschauer und Leser auf eine bestimmte Gangart und Linie einebnen zu wollen, die Grenze zur Belehrung und Bevormundung überschreitet, zu definieren gedenkt, was als Gut und Böse gilt, der ist abgekommen vom Weg des aufrichtigen Schreiberlings. Es erweist sich als völlig legitim, die persönliche Warte kundzutun. Doch es wäre übergriffig, sie als universell und verbindlich zu verkaufen. Nein, Absicht und Erwartung darf es zu keinem Moment sein, dass der Konsument ein bestimmtes Dafürhalten übernimmt. Denn es gibt nicht die eine Wahrheit, auch wenn sich das manch ein Kollege vielleicht wünscht. Doch Demokratie verlangt uns stets ab, das Gegenteilige ertragen zu müssen.