Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Die AfD und ihre ganz spezielle Vorstellung von Meinungsfreiheit“ (aus: „Stern“ vom 03.02.2026)
Möglicherweise bin ich einem Fehlschluss auf den Leim gegangen. Doch ich hatte immer angenommen, die Alternative für Deutschland wolle anders sein. Schon ihrem Namen nach war ich davon ausgegangen, dass sie sich abheben möchte vom etablierten System. Doch vielleicht bringt es der Automatismus mit sich, ab einem gewissen Moment auf der politischen Bühne in Anpassung an ein Verhalten zu verfallen, welches zumindest moralisch anrüchig scheint. Komplexe familiäre Verbindungen soll es geben, hinein in die Beschäftigungsverhältnisse bei Abgeordneten der AfD. Der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, war bisher explizit ausgenommen worden vom Vorhalt der Vetternwirtschaft. Nunmehr haben Recherchen ergeben, dass beispielsweise sein Vater bei Bundestagsmandatar Thomas Korell mit einem Monatsgehalt von 7.725 Euro angestellt ist. Diese Überkreuz-Praxis umgeht das rechtliche Verbot, enge Verwandte bei sich selbst in Lohn und Brot zu bringen. Drei der Geschwister von Tobias Rausch, dem Parlamentarischer Geschäftsführer, sind bei Claudia Weiss tätig, seine Ehefrau hat einen Job in der Landtagsfraktion. Und es gibt weitere Verstrickungen.
Man sollte vor die Welle kommen, statt ihr lächelnd und schweigend hinterherzurennen…
Wer mich kennt, der weiß, dass es mein publizistisches und demokratisches Verständnis ist, der gescholtenen Opposition eine Stimme zu geben. Ich sehe meinen Auftrag darin, ein konstruktives und faires Rampenlicht auf jene zu lenken, die von altbekannten Medien ganz prinzipiell mit möglichen Skandalen und Affären konfrontiert werden, nicht zuletzt, um ihrem Ansehen zu schaden, die eigene Reputation zu retten. Dieses Bedürfnis wohnt mir nicht zuletzt deshalb inne, weil schon der Pressekodex Sensationsberichterstattung untersagt, die allein um der Aufmerksamkeit willen aus einer Mücke einen Elefanten macht. Doch das Wohlwollen hat ein Ende dort, wo es nachweislich zu Missständen kommt. Auf die aktuellen Anwürfe reagieren die Beteiligten einigermaßen schnippisch. Krisen-PR könnte professioneller aussehen, als Ausreden zu suchen. Mit Verlaub, nur deshalb, weil es die Konkurrenz ähnlich macht, muss man nicht in ein gleiches Muster des Nepotismus verfallen. Es habe etwas zu tun mit Vertrauen, so lässt es uns der 35-jährige Fraktionschef wissen. Man habe Sorge, sich den Verfassungsschutz ins Hause zu holen, wenn man Unbekannte bei sich werkeln lässt.
Die Krisen-PR des sachsen-anhaltinischen Landesverbandes ist eine ziemliche Katastrophe!
Doch dieser Vortrag hat etwas von Verschwörungstheorie, nicht von Rechtfertigung. Im Zweifel muss also der Inlandsgeheimdienst herhalten, auch die Betonung, es sei schwer, in der gegenwärtigen Atmosphäre der Brandmauer überhaupt jemanden zu finden, der für die AfD arbeiten möchte. Doch diese Argumente sind dünn, wirken wie ein Alibi. Ohnehin macht man es sich zu leicht, wenn man nunmehr mit dem Finger auf jene zeigt, die das gesamte Gebaren aufgedeckt haben. Eine Neuverteilung von Rollen, ein Weglenken des Fokus. Doch selbst in den sozialen Medien kommt mittlerweile Skepsis bei Wählern und Unterstützern auf, äußern sie sich teilweise kritisch, dass die Führungsriege in Magdeburg die Situation nicht sonderlich gekonnt handhabe. Der studierte Wirtschaftspsychologe geht weniger in die Offensive, möchte stattdessen Mitleid erhaschen. In einem Post auf X beklagt er, dass „die Presse“ einen Angriff auf seine Vision 2026 gestartet habe, Ministerpräsident werden zu wollen. Welch merkwürdige Auffassung über die Funktion und Aufgabe der sogenannten vierten Gewalt. Wir Journalisten sind keine Steigbügelhalter, die zum Sieg verhelfen, keine Sprachrohre oder Günstlinge.
Presse als „Waffe der Partei“: Wir wollen doch nicht zurück in DDR-Zeiten, liebe AfD, oder?
In der „blauen“ Filterblase erwartet man tatsächlich, dass sämtliche Kritik zurückgestellt wird, um den Aufstieg der „einzigen“ politischen Kraft nicht zu stören, die „Deutschland noch retten“ könne. Mir graut mittlerweile ein Stück weit davor, dass die AfD in Regierungsverantwortung kommt. Denn ich bin mir unsicher, wie sie es mit der grundgesetzlich garantierten Medienfreiheit hält. Die Vorstellungen erwecken den Anschein, als müssten Schreiberlinge in den Redaktionen quer durch die Republik zu Dienern der Sache werden. Oder, um es mit den Worten von Günter Schabowski zu sagen: „Die Presse ist die schärfste Waffe der Partei“. Wollen wir tatsächlich in eine derartige Mentalität zurückkehren? Oder warum hilft man nicht proaktiv dabei, für Aufklärung und Transparenz zu sorgen? Schon im alten Jahr hatte der ehemalige Generalsekretär Jan Wenzel Schmidt angekündigt, Belege für manch einen Klüngel öffentlich machen zu wollen. Doch daraufhin vernahm man ein lautes Schweigen. Als Kommunikationsberater habe ich gelernt, dass es zu diesem Augenblick notwendig gewesen wäre, die Flucht nach vorne anzutreten. Doch Siegmund lächelte lediglich, jetzt läuft er den Geschehnissen nur noch hinterher.







