Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „AfD in Sachsen-Anhalt: Mitglieder-Brandbrief aus Angst vor Absturz“ (aus: „taz“ vom 10.02.2026)
Wer in diesen Tagen Kritik übt an der AfD, der erhält von Sympathisanten nicht selten die Auskunft, dass es die „Altparteien“ doch „genauso machten“. Beispielsweise mit Blick auf den Vorwurf, der aktuell in Sachsen-Anhalt gegen einige Mitglieder des Landesvorstandes erhoben wird. Da schwebt das Damoklesschwert der Vetternwirtschaft über dem Wahlkampf, denn auch Spitzenkandidat Ulrich Siegmund soll seinen Vater bei einem befreundeten Abgeordneten untergebracht haben. Zahlreiche familiäre Verstrickungen zwischen Funktionären und Mandataren wurden medial aufgedeckt, auffällige Über-Kreuz-Anstellungen, die rechtlich legitim sind, solange ein tatsächliches Arbeitsverhältnis vorliegt, das nicht nur zum Schein existiert. Moralisch sieht die Sache jedoch anders aus, wenn man sich untereinander absichert und versorgt. Da gab es Ausreden, man wolle lediglich auf vertrauensvolles Personal setzen, es sei ohnehin schwierig, überhaupt jemanden für einen Job bei der Alternative für Deutschland zu gewinnen. Merkwürdig nur, dass dies ausgerechnet und ausschließlich jene Büros zu betreffen scheint, in denen einigermaßen selbstverständlich und ohne Achselzucken Verwandte Platz genommen haben. Ob dort Bemühen herrschte, die Stellen anderweitig zu besetzen, bleibt in allen Wirren ziemlich unklar.
Dieses Mal sind die Krisen hausgemacht, erlauben keinen Fingerzeig auf die Anderen…
Es ist die falsche Feststellung, dass man es nicht schlechter macht als das etablierte System. Denn man wollte es ausdrücklich besser machen als die Anderen. Die „Blauen“ möchten Option sein, hat man sich schon dem Namen nach abgehoben von der Praxis, die wir gewohnt sind. Pöstchen zuschachern, Vorteile mitnehmen. Da geht es nicht um strafbewehrte Dinge, sondern um die Frage der Glaubwürdigkeit. Auch in Niedersachsen könnte sich eine sogenannte „Allianz“ bereichert haben. Zumindest berichtet das eine Europaabgeordnete, die einen Brandbrief an Alice Weidel schrieb. Ähnlich der „Pokerrunde“ in Magdeburg, die der frühere Generalsekretär Jan Wenzel Schmidt auftat, ist es Anja Arndt in Hannover, die den Finger in die Wunde legt. Hört man auf treue und unkritische Unterstützer, so handelt es sich bei all diesen Vorgehen der Transparenz um „Kampagnen“ von außen. Die Presse sei schuld, so wird verbreitet. Doch ausnahmsweise zerfleischt sich die Partei selbst. Auch der Verfassungsschutz dürfte dieses Mal nicht den Ausschlag gegeben haben, denn Kumpanei hat man eigens zu verantworten. Da schlichen sich offenbar eine gewisse Routine und Selbstverständlichkeit ein, man fühlte sich augenscheinlich deshalb sicher und immun, weil man sich im Zweifel zum bemitleidenswerten Opfer erklären kann. Das Totschlagargument zieht jedoch nicht, es ist ausgeleiert.
In Sachen Kommunikation hätte man reagieren sollen, ehe das Kind in den Brunnen fällt…
Kurz nach dem 13. Geburtstag zeigt sich die AfD bisweilen weniger reif als ein gleichaltriger Pubertierender. Kaum etwas davon zu spüren, aus den Kinderschuhen gewachsen zu sein. Sie geht nicht sonderlich souverän mit Krisen um, hat es wiederholt versäumt, vor die Welle zu kommen. Erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, versucht man sich zu rechtfertigen. Dabei lag schon lange in der Luft, dass nicht alles rund läuft. Man wird eingestehen müssen, dass Einfluss süchtig machen kann. Je länger man in einem Umfeld verkehrt, das Anreize zu materiellem wie ideellem Profit setzt, umso stärker ist auch die Versuchung, ihnen zu erliegen. Der Verlauf ist kein Schicksal, denn man hätte die Flucht nach vorne antreten können. Stattdessen zeigt man mit dem Finger auf Dritte, dabei könnte Selbstkritik manch einen Glaubwürdigkeitsverlust verhindern. Nun hinkt man einer Affäre nach der nächsten hinterher, bricht darüber hinaus unnötige Debatten vom Zaun. Ob sich Mitglieder noch mit Martin Sellner treffen dürfen, dem österreichischen Aktivisten, der als rechtsextrem gilt, als einer der führenden Köpfe der Identitären Bewegung, zu der noch immer ein antiquierter Unvereinbarkeitsbeschluss in Kraft ist. Da werden die Lager ohne Not polarisiert, das Vertrauen in den Bundesvorstand leidet unter der Intervention.
Und auch mit der ständigen Distanzierung tut sich die Partei keinen Gefallen…
Man hat immer wieder den Eindruck, Alice Weidel und Tino Chrupalla ließen den Kontakt zum Vorfeld schleifen, weil sie in Sorge sind vor dem Verfassungsschutz und einem Verbot. Getriebene eines Dr. Maximilian Krah, der Remigration verpönt. Man distanziert sich hier, nimmt Abstand dort. Doch wo kein Rückgrat ist, wird auch die Unterstützung schwinden. Es ist nicht umsonst umstritten, über Stöckchen zu springen, ob sie nun der Geheimdienst oder das Medienkartell hinhält. Wer sich zum Kaninchen vor der Schlange degradieren lässt, gleichzeitig in PR und Kommunikation erheblichen Nachholbedarf aufweist, weil manch ein Journalist über interne Beschlüsse in Berlin früher Bescheid weiß als der Rest der Partei, oftmals Missverständnisse entstehen, wenn man etwas gesagt hat, was man eigentlich anders meinte, dann muss sich niemand über Verdruss wundern. Da mangelt es an Professionalität, an einem souveränen Umgang mit persönlichen und kollektiven Defiziten. Man wird sie aussitzen und sich weiter auf den Standpunkt stellen können, benachteiligt und diskriminiert zu werden. Doch soll so eine kraftvolle Stimme aussehen, die sich Regierungsübernahme zutraut? Von vielen Versprechen ist wenig geblieben, auch das scheint keine Seltenheit. Man hat zu spät, vielleicht gar nicht darauf reagiert, Teil der Elite geworden zu sein. Mit allen Vor-, aber gerade auch Nachteilen.







