Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Gedenken zum Weltkriegsende: Fahnenverbote, Demos und Kranzniederlegungen am ‚Tag der Befreiung'“ (aus: „Tagesspiegel“ vom 08.05.2026)
Auch 2026 haben sich am 8. Mai zahlreiche Parteien und Politiker einen Schlagabtausch in den sozialen Medien geliefert. 81 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa bleibt das Datum in Sachen Deutung offensichtlich ein „heißes Eisen“. Der Nationalsozialismus brachte von 1933 an Terror, Rassismus und Völkermord. Ein System der Diktatur war errichtet, Millionen Menschen kamen in Konzentrations- und Vernichtungslager, hatten Zwangsarbeit zu verrichten oder wurden als Widerstandskämpfer in den Tod getrieben. Die Befreiung hunderttausender Häftlinge durch die alliierten Truppen markierte den Schlusspunkt singulärer Grausamkeit. Es ist niemandem zu verübeln, deshalb von Dankbarkeit, Erleichterung und Genugtuung zu sprechen. Insbesondere, wenn es die Betroffenen des Holocausts und ihre Angehörigen tun. Ob nun Juden, Behinderte, Sinti und Roma oder Homosexuelle: Ihr Leiden kann und darf nicht geschmälert werden. Und auch die Bevölkerungen von Polen, Frankreich, den Niederlanden und der Sowjetunion atmeten, nachdem sie überfallen und unter Fremdherrschaft gestellt worden waren.
Die Erinnerungskultur für das Eine darf nicht zur Vergessenskultur für das Andere werden…
Für die Bundesrepublik begann ein Übergang in rechtsstaatliche und demokratische Verhältnisse. Doch unsere Zivilisation ist nicht davor gefeit, von einem Schrecken ins nächste Unglück zu stürzen. Hier geht es weder um das Gefühl einer totalen Niederlage noch ein Empfinden des großen Zusammenbruchs allein. Die Nachkriegsgesellschaft erfuhr durch Soldaten der Roten Armee Vergewaltigung, Tyrannei und Plünderung. Bis zu zwei Millionen Frauen und Mädchen, allein 130.000 davon in Berlin, wurden Opfer von massenhafter Schändung ihrer sexuellen Integrität. Wiederholte Misshandlungen, gar Todesfälle gab es. Nicht zuletzt auch, weil sich viele von ihnen selbst umbrachten. Gleichzeitig mussten zwischen 1944 und 1950 etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche aus Gebieten des Reiches, von Preußen über Pommern, Schlesien bis ins Sudetenland, flüchten. Eine gigantische und beispiellose Vertreibung machte sie heimatlos, sie wurden zwangsumgesiedelt. Unterschiedlichen Angaben zufolge starben hierbei zwischen 500.000 und 1,7 Millionen Menschen. Kälte, Hunger, Krankheiten und Erschöpfung waren die wesentlichen Ursachen, aber auch Schikane, Peinigung und Drangsal.
Was nach der „Befreiung“ kam, war wiederum für Millionen Schicksal, Leid und Gewalt…
In der Ostzone, später DDR genannt, rutschte man von einem Totalitarismus in den nächsten. Die spätere SED-Herrschaft brachte Demontage, Erziehungsanstalten, Überwachung und Unterdrückung. Selbst im Westen dominierten vorerst Trümmerlandschaften und Besatzungsrecht. Immerhin waren nicht zuletzt bei den Bombenangriffen auf Dresden, Pforzheim, Würzburg oder Magdeburg Städte dem Erdboden gleichgemacht, rund 600.000 Zivilisten getötet, 780.000 verwundet und 7,5 Millionen obdachlos gemacht worden. Eine ehrliche Aufarbeitung bedenkt beide Seiten der Medaille. Sie kann Gräuel nicht deshalb ausblenden, weil sie angeblich „selbstverschuldet“ waren. Es gibt zu bestimmten Daten kein einheitliches Erleben. Die eine Dimension sollte die andere weder ignorieren noch schmälern. Richard von Weizsäcker hatte es 1985 treffend zum Ausdruck gebracht. Wir bleiben mit Blick auf diesen denkwürdigen Tag in einem beständigen Spannungsverhältnis zurück, denn die Negierung von „danach“ wäre genauso inakzeptabel wie das Leugnen von „davor“. Horror und Abscheu lassen sich nur schwer in eine Rangfolge bringen, eine Abstufung würde der heutigen Verfassung nicht standhalten.
National- in den Realsozialismus, vom Regen in die Traufe: Ein Ende kann ein Beginn sein…
Das Grundgesetz mahnt mit bedächtigem Grund, dass die Würde unantastbar ist. Man kann Geschichte an nackten Zahlen und gesichtslosen Fakten festmachen. Der schlichte Umfang oder die abgrundtiefe Perfidität verleihen Einmaligkeit, aber nicht zwingend Vorrangigkeit. Wir stehen für Verantwortung, die Historie in ihrer Komplexität und Gesamtheit zu würdigen. Die Dominanz und Omnipräsenz der Shoa macht andere Verluste nicht ungeschehen. Eine Erinnerungs- darf nicht gleichzeitig einhergehen mit einer Vergessenskultur. Trauer, Schmerz und Entsetzen vermag man allenfalls in einer wissenschaftlichen Distanz und empathielosen Objektivität hierarchisch einzuordnen. Die individuelle wie kollektive Beurteilung fällt nach subjektiven Kriterien aus. Das ist allzu natürlich, aber ebenfalls sachgerecht. Wie so oft gilt, dass wir nicht auf einem Auge blind sein dürfen. Erst dann, wenn die Stufe des Moralisierens verlassen und die Metaebene erreicht wird, sind wir losgelöst vom Drang, nach Wertigkeit oder Absolutheit zu bemessen. Es gibt kein qualitatives Mehr und Weniger, wenn es um die Achtbarkeit eines jeden Menschen geht. Zumindest das sollten wir gelernt haben.








