Wann geht die Alternative in die Offensive? Hinterherrennen statt vor die Welle kommen: Krisenbewältigung sieht anders aus, liebe AfD!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Die Mimosenhaftigkeit der AfD ist dem grünen Kollektivgeist ebenbürtig“ (aus: NiUS vom 16.02.2026)

Die AfD zeigt sich pikiert. Wieder einmal ist die Presse schuld. Mittlerweile wird über bis zu sechs Landesverbände berichtet, in denen es zu Ungereimtheiten bei der Überkreuz-Anstellung von Familienangehörigen in Büros von Abgeordneten oder Funktionären der eigenen Partei gekommen scheint. Rechtlich hat man sich damit nichts vorzuwerfen, solange diese Jobs auf Grundlage von tatsächlich erbrachter Leistung fußen, wegen Qualifikation vergeben wurden, nicht allein aus Bevorzugung. Doch welchen moralischen Beigeschmack eine Praxis haben muss, die man ansonsten beim etablierten Kartell völlig legitim kritisiert, hätte jenen bewusst sein können, die nunmehr mit dem Finger auf Medien und Kronzeugen zeigen. Es ist zu billig, sich auf die Ausrede zurückzuziehen, man hätte kein anderes Personal gefunden, dem man vertraut. Das Totschlagargument der Sorge um Unterwanderung durch den Verfassungsschutz ist abgenutzt. Gerade auch deshalb, weil es viele Mandatare vermögen, Mitarbeiter ohne verwandtschaftliche Beziehungen im selben Lager für sich zu gewinnen.

Nach so langer Zeit der politischen Erfahrung erwartet man deutlich mehr Professionalität…

Hat man es sich zu leicht gemacht, wenn man auf Vater oder Mutter eines Kollegen zurückgriff? Wollte man unter sich bleiben, die Macht konzentrieren, sich als Block abschotten, plötzlich doch Elite sein? Denn was unterscheidet die Alternative im Habitus jetzt noch vom System? Man ist nicht schlechter als der Rest, aber eben auch nicht besser. Allergisch reagiert man auf Kritik, hofft auf die Zustimmung der Filterblase. Doch selbst eingesessene Sympathisanten sind unzufrieden mit der Kommunikation, mit der Krisen-PR. Denn es fehlt an jeglicher Selbstreflexion, man hinkt der Welle hinterher, statt vor sie zu kommen. Statt in die Offensive zu gehen, reagiert man erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wie einfach wäre Schadensbegrenzung gewesen, hätte man eingeräumt, dass die Praxis anrüchig wirkt. Stattdessen verteidigt man sich mit Nebelkerzen, wittert eine Kampagne. Doch Fakten lassen sich nun einmal nicht beschönigen. Die Deutungshoheit ist verloren gegangen, weil man viel zu lange abwartete, den Geist aus der Flasche wieder einzufangen.

Umschweife, Ausreden, Rechtfertigungen: Mit Nachkarren gewinnt man keinen Blumentopf…

Wer sich für eine Routine entscheidet, die dem Wähler überdrüssig ist, weil nun einmal Vetternwirtschaft nichts Neues darstellt, sondern spätestens seit der Grünen-Affäre Graichen in aller Munde bleibt, der darf sich am Ende nicht wundern, wenn außenstehende Beobachter nach weiteren Verstrickungen suchen. Möglicherweise wird dabei viel aufgebauscht, im Vergleich zu ähnlichen Vorgängen bei CDU oder SPD unverhältnismäßig recherchiert. Doch die Aufregung wäre geringer, hätte man sich nicht explizit als ein Gegenmodell ausgegeben. Die Erwartungshaltung ist an jene größer, die sich bewusst abheben wollen. Vertrauen und Glaubwürdigkeit leiden, wo mehr Schein ist als Sein. Mit gutem Beispiel vorangehen, das war die Ansage. Geliefert hat man die gleiche Abstumpfung, welche man von Konservativen und Genossen seit Jahrzehnten kennt. Alter Wein aus neuen Schläuchen, so könnte man sagen. Von Anderen Verzicht, Genügsamkeit und Bescheidenheit fordern, aber selbst genusssüchtig sein. Dieses Wagnis konnte nicht funktionieren, denn Missstände fliegen fast immer auf.

Nicht der Verfassungsschutz ist schuld, sondern die Unfähigkeit, Lagerkämpfe zu dirigieren…

Der Vorwurf trifft die Naiven, welche wirklich glaubten, der Laden ließe sich zusammenhalten. Doch im Augenblick beginnt die große Durchstecherei. Interna erreichen Journalisten wie mich, nicht etwa vom Geheimdienst, sondern ausgehend von widerstreitenden Lagern. Da wird die Gunst der Stunde für manch eine Abrechnung genutzt, Flügelkämpfe auf die offene Bühne getragen. Aktuell geht es nicht mehr nur um die Mentalität in Sachsen-Anhalt. Auch in Hannover scheint Einiges im Argen zu liegen. Da bilden sich Machtzirkel heraus, die allzu schnell abdriften in die Versuchung, von Vorteilen zu profitieren, Konkurrenz aus seinen Reihen mundtot zu machen. Da nimmt man es nicht mehr so ernst mit innerparteilicher Demokratie, schnell werden Pöstchen zu einer freundschaftlichen Gefälligkeit. Das Gespür dafür, was ethisch vertretbar ist, entgleitet jenen, die allzu selbstsicher in der Hierarchie nach oben gewandert sind. Es entsteht eine toxische Atmosphäre aus Gleichgültigkeit und Rivalität, welche für Integrität und Ruf relevant ist. Sie muss irgendwann auf die Füße fallen. Besser spät als nie.