Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir: Der Hoffnungsträger für den Machterhalt“ (aus: SWR vom 02.02.2026)
Glaubt man den Umfragen, so wünscht sich die relative Mehrheit der Menschen in Baden-Württemberg, wenn auch auf einem niedrigen Niveau, Cem Özdemir als den nächsten Ministerpräsidenten. Der kritische Beobachter fragt sich, wie solch ein Wert zustande kommen kann, nachdem die Grünen über 15 Jahre mit Winfried Kretschmann bewiesen haben, wie Abschwung und Stagnation aussehen können. Kaum etwas ist geblieben vom Musterknaben der Nation. Der Südwesten galt einst als innovativer Motor, als Vorzeigemodell für Prosperität und Wachstum. Doch auch hier haben Transformation und Regulierung, Bürokratie und Steuerlast, Wettbewerbsnachteile und Kostendruckinflation für einen massiven Stellenabbau gesorgt. Insbesondere die prägnante Automobilindustrie ächzt unter Vorgaben, Technologieoffenheit besteht lediglich auf dem Papier. Gleichzeitig hat nicht nur in der Hauptstadt die öffentliche Sicherheit massiv gelitten. In Stuttgart grassiert die Kriminalität, die Kommune ist nahezu pleite. Sozialleistungen sprengen das Budget, Klimainvestitionen reißen ganze Löcher in den Haushalt. Für die drängenden Aufgaben bleibt kaum noch finanzieller Spielraum.
Die Vorzeichen stehen gut, doch die Fokussierung des Spitzenkandidaten fehlt…
Eigentlich sind die Voraussetzungen ideal für die Opposition. Und tatsächlich hatte sich die Alternative für Deutschland kurzzeitig auf Platz zwei in den Umfragen vorgearbeitet. In den jüngsten Erhebungen rutscht sie wieder auf den dritten Rang zurück, hat den Anschluss an die CDU verloren. Blickt man auf mögliche Ursachen, so landet man unausweichlich auch bei Spitzenkandidat Markus Frohnmaier. Der gesamte Wahlkampf wurde auf ihn zugeschnitten, dabei dürfte sich auch manch ein Sympathisant nicht ganz sicher sein, ob er mit voller Konzentration bei der Sache ist. Als außenpolitischer Sprecher scheinen seine Gedanken oftmals in aller Welt. Vor noch nicht allzu langer Zeit tingelte er durch die USA, um Kontakte zur sogenannten MAGA-Bewegung zu suchen. Doch dieser überzeugte Transatlantiker muss sich nunmehr erklären, ist doch auch bei Donald Trump nicht alles Gold, was glänzt. Wie also kann man einem Präsidenten huldigen, der Europa mit Zöllen in die Knie zwingen will? Man hatte sich erhofft, auch im Zuge eines möglichen Verbotsverfahrens Rückhalt aus Washington zu bekommen. Doch der Preis dafür ist hoch, Loyalität muss man teuer bezahlen.
Da fehlt es an jener Authentizität, die Ulrich Siegmund oder Leif-Erik Holm ausstrahlen…
Wie glaubwürdig ist es also, sich auf der einen Seite bei gemeinsamen Veranstaltungen mit Ulrich Siegmund als bürgernah zu geben, gleichzeitig aber im feinen Zwirn auf amerikanischen Galas Skepsis am Vorgehen gegenüber Venezuela oder Grönland zu unterdrücken? Während die AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern mit Personal ins Rennen geht, das fokussiert anmutet auf die Sorgen, Probleme und Nöte der Bürger vor Ort, bleiben die Prioritäten beim 34-Jährigen unklar. Liegt ihm nunmehr das regionale oder internationale Geschehen? Kann man wirklich beides unter einen Hut bringen? Lässt sich der Spagat vereinbaren mit der Ambition, Landesvater zu werden? Normalerweise hätte sich der Ziehsohn von Alice Weidel entscheiden müssen, wäre es solider gewesen, einer der beiden Aufgaben zu entsagen. Und vor allem stärker auf Teamfähigkeit zu setzen. Denn bislang glänzt nicht nur auf der Website das alleinige Konterfei des Bundestagsabgeordneten, der zwischen Schwarzwald und Spree pendelt. Aufbruchstimmung kann er lediglich begrenzt vermitteln, steht hinsichtlich des Charismas und der Rhetorik deutlich im Schatten seiner Konkurrenz.
Eigentlich hätte den Wahlkämpfern bewusst sein sollen, dass Zweigleisigkeit stets misslingt!
Jetzt ist es zu spät, auf ein anderes Pferd umzusatteln. Doch für künftige Abstimmungen sollte man sich im Klaren darüber sein, echten Lokalpatrioten den Vorzug zu geben, die nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen. Das Programm ist durchaus respektabel, doch was nutzen die Forderungen nach strikter Abschiebung, deutlich mehr Befugnissen für die Polizei, Stärkung von Heimatliebe in den Schulen, Sicherung der Gesundheitsversorgung in der Peripherie, Entlastungen für den Mittelstand, Rückkehr zur Atomkraft, weniger Windkrafträdern in der Fläche, einem Ende staatlicher Förderung für ideologisch gefärbte NGOs, wenn man gleichzeitig nicht in der Lage ist, einen Herausforderer an den Start zu schicken, der mit Herzblut und Leidenschaft für die Interessen aller „Gelbfüßler“ eintritt? Da könnte sich ein elitärer Machtzirkel durchgesetzt haben, strukturell und ideell gefördert vom Bundesvorstand, der bisweilen fahrig daherkommt, weil das globale Parkett eben doch gänzlich anders funktioniert als die Kehrwoche. Verwurzelung und Bodenständigkeit sind ein Stück weit Mangelware, verfolgt man Frohnmaier in den sozialen Medien. Nicht nur, dass er seine Botschaften allein an „liebe Freunde“ adressiert. Es ist die spürbare Sesshaftigkeit, die man vergeblich sucht.







