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Vor Haseloffs Abgang: Zwischen einem gestählten Siegmund und einem blässlichen Schulze liegen Welten – aber auch Substanz?

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Wechsel zu Schulze geplant: Noch schnell ein neuer Landesvater in Sachsen-Anhalt“ (aus: FAZ vom 10.01.2026)

Vor vielen Jahren besuchte ich einen Gottesdienst einer freikirchlichen Gemeinde. Dort rissen die Menschen beim Gebet die Hände in die Höhe, jubelten dem Herrn zu, fielen in Ekstase, lobten ohne Unterlass, schenkten ihm sein Vertrauen, ließen keinen Zweifel daran, in jedem Augenblick des Lebens zu dienen. Für mich wirkte diese Inszenierung befremdlich. Das Heroisieren kannte ich normalerweise von jungen Mitschülerinnen aus der Vergangenheit, als sie nahezu in Ohnmacht gerieten, sobald eine der angesagtesten Boygroups die Bühne betrat. Und eigentlich war ich davon ausgegangen, dass wir über das Zeitalter des Fantums vorbei sind. Doch dann kam der sachsen-anhaltinische Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Siegmund, der „TikTok“-Star der Generation Y.

Gerade erst habe ich ein sogenanntes Meme über ihn gesehen, mit einem weitgehend entkleideten Oberkörper, mit gestählten Muskeln. Und dann erinnere ich mich, mit welchem Applaus und in Furore dieser Mann auf Bürgerveranstaltungen auftritt. Ältere Damen bekommen Puls, ob ihm Unterwäsche zuflog, kann ich nicht bezeugen. Kritische Beobachter beschreiben ihn als ständig lächelnd, vielleicht sogar mit einer Maskerade. Ich selbst nehme ihn als bodenständig und nahbar wahr, teilweise aber auch ambivalent. Er ist auf einen Zug des Zuspruchs aufgesprungen, fährt auf direktem Weg in Richtung Karrierehöhepunkt. Doch er taugt offenbar zu mehr. Journalistische Kollegen haben ihn am Heiligabend als den Retter präsentiert, als eine Art Jesus 2.0, der die Offenbarung mit sich bringt.

Die überhitzte Glorifizierung eines Politikers könnte schnell zur heiklen Luftblase werden…

Diese Messianisierung wirkt für einen Politiker untypisch. Inwieweit sie zielführend ist, wird sich spätestens nach dem 6. September in Magdeburg entscheiden. Nachdem Ministerpräsident Haseloff nun seinen vorzeitigen Rückzug vom Amt erklärt und den Nachfolger in Position gebracht hat, stehen sich die beiden Kontrahenten für den restlichen Wahlkampf unmittelbar gegenüber. Wird das Bundesland also künftig vom derzeitigen Minister Sven Schulze oder einer gottgleichen Erscheinung persönlich regiert, so könnte man einigermaßen spöttisch fragen. Zumindest in der Virtualität ist viel Oberflächliches entstanden, da lässt sich kaum etwas darüber aussagen, wie viel Substanz, Programmatik und Inhalt den modernen Hype tragen. Denn auf Dauer muss sich jede Größe bewähren.

Ob die blaue Welle tatsächlich im Hafen ankommt, wird nicht zuletzt auch entscheiden, ob die schwelenden Querelen innerhalb des Landesverbandes nach außen treten. Der Bundestagsabgeordnete Jan Wenzel Schmidt hat die Offenlegung von Nachweisen über Unregelmäßigkeiten bei einigen Funktionären angekündigt, genannt wurden Vetternwirtschaft und Abrechnungsbetrug. Im selbst werden dubiose Beschäftigungsverhältnisse in seinem Büro angelastet. Siegmund ist von den Vorwürfen nicht unmittelbar betroffen, ohnehin gilt in alle Richtungen die Unschuldsvermutung. Auch mit Blick auf den Schatzmeister, der wegen vermeintlicher Mitschnitte von internen Gesprächen aus der Fraktion ausgeschlossen wurde, hat er doch möglicherweise für Schmidt spioniert.

Ein äußeres Erscheinungsbild mag gewisse Zielgruppen entzücken, mehr aber auch nicht…

Doch kommt man zurück auf den vor Energie und Kraft strotzenden Tangermünder, so sonnt er sich offenbar in dem Glanz, in dem Rampenlicht, das ihm aufgrund von Charisma, Niederschwelligkeit und Authentizität zuteilwerden. Und der Ruhm sei ihm gegönnt. Denn auch seine Gegner beschreiben ihn als umgänglich, gleichsam scheint der einen gefestigten Kreis an Anhängern um sich geschart zu haben, der linientreu Sympathie zeigt, ohne möglicherweise zu reflektieren, wann es zu viel ist mit Äußerlichkeit. Kann jemand Regierungschef sein, vielleicht sogar mit absoluter Mandatsmehrheit, der zweifelsohne fotogen ist und für jedes Poster an der Wand eines Teenagers taugt, aber bislang vor allem über Remigration und die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geredet hat?

Ich habe mich in über 30 Artikeln und Portraits mit dem Wirtschaftspsychologen beschäftigt. Natürlich komme ich nicht umhin, ihm eine sympathische Ausstrahlung zu attestieren, ein einnehmendes Wesen, eine mitreißende Eloquenz, eine profunde Rhetorik. Manchmal wirkt er, mit seiner Mimik eine gewisse Unsicherheit überdecken zu wollen. Dabei ist ihm der Traum der Alleinherrschaft ins Gesicht geschrieben. Auch kann ich nicht gänzlich abstreiten, bisweilen Ignoranz zu vernehmen. Was ich aber besonders vermisse, das sind bei aller Überzeugung, dass er sich für die Sache, für ein patriotisches und identitäres Deutschland, eine bessere Zukunft unserer Kinder einsetzt, konkrete und vor allem realisierbare Antworten auf Fragen zu Bildung, Verkehr, Wirtschaft, Sozialstaat oder Sicherheit.