Quelle: Clipdealer.de, B207646682, erworbene Standardlizenz.

Zwischen „Schiller light“ und „Patchwork-Abi“: Pisas schiefem Turm droht der Zusammensturz, wenn Deutschland sich so weiter bildet…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Schon am 30. Januar Berlin schafft auf den Zeugnissen fünf Deutsch-Noten ab“ (aus: „Junge Freiheit“ vom 20.01.2026)

Ich gebe zu, Mathe war nicht mein Lieblingsfach. Und tatsächlich hätte sich meine Zeugnisnote am Ende der Klasse 13 von 1,9 auf 1,6 verbessert, würde man meine Leistungen in Algebra, Analysis, Geometrie und Stochastik aus den beiden Jahren der Oberstufe streichen. Doch genau das ist nicht Sinn der Sache, wenn ich einen Abschluss in Allgemeinbildung erzielen will. Breit gefächertes Wissen soll vermittelt werden, nicht nur in jenen Themenbereichen, die mein Interesse wecken, denen ich zugewandt bin. Doch könnten wir schon bald in einer Republik aufwachen, die die Schüler einigermaßen willkürlich darüber entscheiden lässt, worin sie gerne ihre Prüfung ablegen möchten – und welche Klausuren sie am ehesten umgehen wollen? Hochschulreife nach Tagesform, Qualifizierung für die Zukunft per Befinden? Ähnlich, wie wir es schon bei den Geschlechtern ermöglichen, Rücksichtnahme auf Gefühle, Emotionen und Präferenzen. Beliebigkeit at its best.

Wer gestern mit Ach und Krach die Hauptschule bestand, würde heute Abi machen können…

Nichts mehr von gesellschaftlichen Standards, Forderungen und Ansprüchen. Individualität statt Konformität, kaum mehr vergleichbar, sondern schlichtweg das Attest, dem „Laissez-Faire“ gänzlich zum Opfer gefallen zu sein. Hier will man das schriftliche Dividieren aus dem Lehrplan streichen, dort Goethes Faust in „leichter Sprache“ pauken. Das Niveau passt sich der „Work-Life-Balance“ an. Wer gestern noch am Hauptschulabschluss gescheitert ist, soll schon morgen im 35. Semester Medizin studieren. Was ist dieses Dokument noch wert, welches ich vor 20 Jahren stolz in den Händen hielt? Genauso, wie der deutsche Pass seine Bedeutung verloren hat, ist es auch das Attest über das Bestehen der gymnasialen Laufbahn, welches immer mehr zur Ramschware wird. Einst schafften es 20 bis 30 Prozent einer Alterskohorte, es zu erlangen. Mittlerweile dürfte es jeder Zweite sein. Nicht die Intelligenz ist gestiegen, sondern die Erwartung gesunken.

Vergleichbarkeit, Anspruch und Level sind passé, die Abwärtsspirale reißt Standards mit…

Natürlich könnte man auf die Nachwehen der Pandemie verweisen, auf die Belastungen, welche der Jugend durch das heimische Lernen aufgebürdet wurden. Doch wenn man sich ehrlich macht, liegen die Gründe auf der Hand, warum derzeit über ein „Patchwork-Abi“ diskutiert wird. Internationale Studien machen seit langem deutlich, dass die Zuwanderung von Migrantenkindern zu erheblichen Sprachbarrieren, zu einer Senkung von Bewertungsmaßstäben und zu einer Abwärtsspirale geführt hat, die auch heimische Sprösslinge mit sich reißt. Hinzu kommt der Lehrermangel, der damit einhergehende Verlust an Pädagogik, die Knappheit bei den Ressourcen, Defizite bei den Inhalten, marode Infrastruktur. Prozesse werden verlangsamt, das Tempo im Aneignen von Wissen zurückgesetzt. Das durchschnittliche Level wird Schritt für Schritt herabgesetzt, die Abschaffung des dreigliedrigen Systems hat zu Nivellierung geführt, man möchte alle mitnehmen.

Das sinkende Sprachniveau nimmt uns jeglichen Gedanken der Chancengerechtigkeit…

Doch bei immer weiter auseinanderdriftenden Ausgangspositionen kann dieses Manöver kaum gelingen. Hierfür sind nicht nur sozioökonomische Aspekte ausschlaggebend, sondern explizit die Frage der Herkunft. Es wäre allerdings die völlig falsche Herangehensweise, die Gäste in unserem Land als Benachteiligte zu begreifen. Stattdessen leidet die eigene Jugend, welcher die Chancen zur Eliteförderung genommen werden. Eine Vereinfachung versperrt jenen den Weg, die Potenzial mit sich bringen, deren Begabung allerdings untergeht in einem Sammelsurium divergierender Horizonte, im Wegbrechen der Graduierung. Es braucht ein Gegensteuern mit Blick auf die demografische Entwicklung, aber auch das schlichte Attest: Das Boot ist übervoll. Wir verkraften keine weiteren Schutzsuchenden, nehmen unseren Kleinsten die Zukunft, aus Rücksicht auf Vielfalt, Toleranz und Multikulturalismus. Der schiefe Turm von PISA neigt sich weiter, bis er umfällt.