Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Verhandlung: Berufungsprozess nach antisemitischem Angriff auf jüdischen Studenten Lahav Shapira“ (aus: „Jüdische Allgemeine“ vom 02.03.2026)
Das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin hat einen zweistimmigen Tenor. Auf die Klage des Studenten Lahav Shapira entschied die zuständige Juristerei, dass ihm kein individueller Schutz vor Diskriminierung an den Hochschulen der Hauptstadt zustehe. Obwohl das Universitätsgesetz in einschlägigen Normierungen Entsprechendes formuliert, seien diese Paragrafen laut Entscheidung allgemein gehalten und könnten nicht für einen individuellen Anspruch herangezogen werden. Stattdessen obliege die Pflicht den einzelnen Einrichtungen, für eine Atmosphäre zu sorgen, in der ein friedliches Lernen und Lehren nebeneinander möglich ist. Dass diese Philosophie insbesondere für Menschen jüdischen Glaubens mittlerweile nahezu unerreichbar scheint, das beweist der konkrete Vorfall aus dem Februar 2024. Der Betroffene war damals von seinem Gegenüber, Mustafa A., brutal angegangen worden. Für seinen Gewaltexzess erhielt der Täter eine dreijährige Haftstrafe. In der Begründung wurde dem arabischstämmigen Kommilitonen ausdrücklich ein antisemitisches Motiv unterstellt.
Muslimischer Antisemitismus und linker Antiimperialismus mitten auf Berlins Straßen…
Shapira selbst erlebt regelmäßig Anfeindung und Unterdrückung. Seit dem Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich die Stimmung innerhalb und außerhalb der Hörsäle drastisch verschärft. Auf Kundgebungen treten Islamisten unverhohlen auf, stellen das Existenzrecht ihrer Feinde in Frage. Da wird das Kalifat gefordert, aber auch die Vernichtung der „Zionisten“. Offen tritt der Antisemitismus zu Tage, in seiner ekligsten und grausamsten Form. Wer sich zum Davidstern bekennt, wird zum Spießrutenlauf genötigt. An eine Kippa ist gar nicht mehr zu denken, ein solch sichtbares Zeichen würde in manchen Bezirken der Metropole Lebensgefahr bedeuten. Der Alltag ist geprägt von Beleidigungen, Spuckattacken, Schlägen, Verleumdungen, Pranger und Ausgrenzung. Beschämend für eine Republik, die den Schutz Jerusalems zur Staatsräson erklärt hat. Der Kollateralschaden von Toleranz bricht sich Bahn, wir haben die Schande importiert, sind kaum mehr in der Lage, überhaupt zu gewährleisten, dass sich Formen der Geschichte nach Jahrzehnten der Aufarbeitung nicht wiederholen.
Wie eine Ausrede: Gericht verweist auf Möglichkeiten des Straf- und Ordnungsrechts…
Der Vorsitzende Richter ließ aufgrund der hohen Bedeutung der Fragestellung eine Revision zum OVG zu. Gleichzeitig betonte er gegenüber den Opfern, dass diese nicht alleine dastünden. Sie hätten andere Mittel und Wege, beispielsweise über das Strafrecht, über das Polizei- und Ordnungsrecht, die Exekutive, Behörden, Dekanate und Präsidenten der jeweiligen Fakultäten in die Pflicht zu nehmen. Inwieweit dieser Fingerzeig allerdings zielführend ist, sind die Strukturen jetzt schon hoffnungslos überfordert, kann man der überbordenden Missgunst längst nicht mehr Herr werden, weil sich schlichtweg Chaos, Willkür und die Macht dich stärkeren durchgesetzt haben, bleibt unklar. Ob die Bedrohung nun von Seiten radikaler Muslime oder antiimperialistischer Linker kommt, spielt am Ende keine Rolle. Tatsache bleibt, dass wir in einer äußerst beklemmenden Situation stecken, die mit Schamesröte erfüllen sollte. Für Shapira gehen Höllenqualen weiter. 2002 kam er nach Deutschland, wurde im Alter von etwa 17 Jahren in Sachsen-Anhalt erstmals durch Neonazis als „Judenschwein“ beschimpft.
Von den Verantwortlichen der Hochschulen darf man nicht mehr als Wegsehen erwarten…
Er versteht sich ausdrücklich nicht als Aktivist, sondern wurde zur Selbstverteidigung gezwungen. Immer wieder ist er Drangsal ausgesetzt, macht Störungen und das argwöhnische Klima auf den Straßen und in den Gängen an der Spree öffentlich. Der damalige Lehramtsstudent betont ausdrücklich, dass es ihm allein darum gehe, Israel vor der Auslöschung zu schützen. Er wirft der FU-Leitung Untätigkeit vor, sie würde Minderheiten nicht berücksichtigen, sondern sich auf die Seite derjenigen stellen, die den Raum eingenommen hätten. Der Enkel des bekannten Leichtathletik-Trainers Amitzur Shapira, der beim München-Attentat 1972 getötet wurde, beklagt insgesamt wenig Rückhalt und Unterstützung in der Gesellschaft. Noch immer leide er unter den Folgen dessen, was ihm Mustafa A. angetan habe. Dass er als rechtsradikal abgestempelt wird, weil er einen strukturellen und bewussten Genozid der Palästinenser durch Israel im Gazastreifen bezweifelt, sei noch die geringste Form der Verächtlichmachung. Er wolle sich nicht beugen, weil ihn seine persönliche und familiäre Erfahrung in die Pflicht nehmen.








