Kommentar von Dennis Riehle zum Beitrag „Merz beruft Krisensitzung ein: ABC zeigt Not auf Kinderstation im Gazastreifen“ (aus: „ntv“ vom 26.07.2025)
Nicht nur in Kriegen, bei Naturkatastrophen und nach Gewaltakten sind sie ein probates Mittel, um die Weltöffentlichkeit auf eine bestimmte Seite zu ziehen. Manipulierte und gestellte Bilder lenken und streuen unsere Auffassung von Sachverhalten, die ohne eine bewusste Emotionalisierung kritischer und skeptischer betrachtet würden. Im Augenblick sind es kursierende Fotos aus dem Gazastreifen, die dem ganzen Globus suggerieren sollen, es herrsche in den Palästinensergebieten eine flächendeckende, gnadenlose und erzwungene Hungersnot. Doch überall dort, wo mit Gefühlen Stimmung erzeugt werden könnte, dürfen Argwohn und Distanz nicht weit sein. Betrachtet man die vermeintlichen Aufnahmen, ergeben sich oftmals schon allein aufgrund derjenigen Fragen, die sie angefertigt haben. Im Wissen um die Unterstützung von Künstlicher Intelligenz einerseits, dem bewussten Darstellen und Überzeichnen von Situationen andererseits, prosperieren Falschinformation und Übertreibung mittlerweile nicht nur in Ton und Schrift, sondern auch in der Dokumentation vermeintlicher Skandale, zum Himmel schreiender Ungerechtigkeit oder zivilisatorischer Tiefen grafischer Natur. Hierauf spezialisierte Medienmacher sind dabei nicht verlegen, das Brennglas ohne Skrupel und Scham auf Einzelfälle zu richten, um hieraus die Suggestion abzuleiten, sie seien repräsentativ.
Die Versuchung ist groß, in Kriegsgebieten mit Bildern emotionales Kapital zu schlagen!
Mütter mit ihren nahezu verhungerten Kindern im Arm können in uns Wut und Verärgerung steigern. Doch sind Impressionen tatsächlich authentisch, die von Reportern festgehalten wurden, welche schon des Öfteren dadurch aufgefallen sind, einen Fokus zu kreieren, der keinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit darstellt, sondern eine angeordnete Szenerie voller Massierung des Elends, das angesichts des militärischen Konflikts sicherlich plausibel ist. Aber um die Herzen des TV-Publikums zu erreichen, genügt es oftmals nicht, Realitäten konkludent wiederzugeben. Man erinnere sich an eine Zeltstadt in Rafah 2023, die desaströse Zustände untermauern sollte, doch überhaupt nicht existierte. Oder die aus dem gleichen Jahr stammende Ansicht auf eine verheerende Explosion, welche sich nach einem israelischen Angriff zugetragen haben soll, um von Experten als technisch generiert entlarvt zu werden. Gleichzeitig konnten Fachleuchte diverse Eindrücke über die an Armut und Lebensmittelknappheit leidende Bevölkerung von Chan Junis bis Beit Hanun ihrem eigentlichen Ursprung im Jemen zuordnen. Widersprüchlich zur allseits verlautbarten Verknappung sind auch Porträts mit gefüllten Lebensmittelregalen in Geschäften des Küstenabschnitts, die wenigstens nachdenklich machen sollten, ob wir blind und naiv dort Glauben schenken, wo uns die Anteilnahme dazu einlädt.
Die Macht der Eindrücke ist in jeder Propagandaschlacht ein massives Pfund!
Es ist ein Machtkampf und ein Duell darum, wer die Gunst und Sympathie der ausländischen Politik wie der breiten Masse für sich verbuchen kann, um gleichzeitig Israel des Genozids beschuldigen zu können. Selbstredend ist eine Diskussion darüber notwendig und unablässig, inwieweit Jerusalem mit seiner Reaktion auf den Überfall durch die Hamas die Grenzen der Verteidigung überschritten hat, wenn manches Vorgehen wahllos und willkürlich statt angemessen und gezielt anmutet. Doch wer sich allzu schnell instrumentalisieren lässt, geht von einer Wahrheit aus, die es dort nicht geben kann, wo fundamentale Interessen miteinander ringen. Niemand ist dazu genötigt, sich zwingend der einen oder anderen Position hinzugeben. Es genügen ein fortwährendes Hadern, Misstrauen und Verdacht, wo Dramatik exzessiv auf die Spitze getrieben wird. Gerade Journalisten darf ein gewisses Zögern und Zaudern nicht abhandenkommen, sind Fiktion und Illusion gerade in einer Epoche äußerst wahrscheinlich, in der mit allerlei Hilfsmitteln eine Umgebung entworfen werden kann, die der Gegenwart und ihrer grausamen Schauplätze zwar nahekommen mag. Doch wo Qual und Pein radikal, ausufernd und unkontrolliert dünken, braucht es ein gewisses Zurücktreten hinter den Reiz, sich labil anfassen zu lassen von allzu voreiliger Erregung, Inbrunst und Solidarität.