Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Theologe Reinbold betont universelle Bedeutung der Adventszeit“ (aus: „evangelisch.de“ vom 25.11.2025)
Warten ist in unserer Gesellschaft mittlerweile verpönt. Ob im Vorzimmer beim Arzt, in der Schleife am Telefon, im Stau auf der Autobahn, in der Ankündigung von Post und Paketen, in der Hoffnung auf eine Zu- oder Absage für einen angestrebten Job: Ungeduld prägt uns auch deshalb, weil wir es häufig als verlorene Lebensminuten betrachten, wenn die Dinge nicht schneller vorangehen. Und tatsächlich sind viele Momente des Ausharrens irrwitzig und unnötig. Gleichsam gibt es Phasen, in denen das Hinauszögern seinen guten Grund hat. Mittlerweile werden im Sommer neue Christbaumkugeln verkauft, Geschenke für Weihnachten in der ersten Jahreshälfte besorgt. Dabei ist klar definiert, dass die Vorbereitung auf Jesu Geburt mit dem 1. Advent, also dem heutigen Datum, beginnt. In den nächsten Wochen sollen wir wachsam sein, die Anzeichen dafür beobachten, dass etwas Großes geschieht. Das wird nicht leicht fallen, planen wir das Festmahl, arrangieren den Familienbesuch, pendeln zwischen Abschlussbilanz und Einkaufsliste.
Sich die Zeit nehmen, das Herz als Unterkunft für die Versöhnung zu bereiten…
Dies und jenes sollte noch erledigt werden, kurz vor Toresschluss. Sich Zeit zu nehmen, das fällt gerade dann schwer, wenn uns der Wettlauf um die letzten Schnäppchen oder die schmackhafteste Gans auf dem Tisch wieder einmal völlig vergessen lässt, wie kostbar der Augenblick ist. Wir hören oft von der Besinnung, doch was hat es damit auf sich? Ob nun gläubig oder nicht, Christ oder Atheist, das Fokussieren auf allen Ursprung, auf die Keimzelle, auf die Krippe in Bethlehem, bringt uns weg von dem Gedanken, unser Dasein wäre allzu selbstverständlich. Es ist der Aufruf, dem Alltagstrott zu entfliehen, um die eigene Existenz in die Hände zu legen, sie zu bestaunen. Und in der gespannten Hoffnung darauf vertrauen, was manch Übermächtigkeit der Dinge aus ihr macht. Dieses Loslassen von der Routine und dem Gewohnten, frei zu sein von den Zwängen der knallharten Wirklichkeit, Abstand zu schaffen zu dem, was uns die Sicht auf die Kleinigkeiten verdeckt, welche unsere Biografie doch so einzigartig machen, sie auszeichnen.
Das Ankommen des Herrn mahnt zum Abrüsten – rhetorisch, politisch, gesellschaftlich…
In Kirchenliedern und Predigten hören wir, die Herzen zu öffnen. Und tatsächlich sind wir in einer Gegenwart allzu verschlossen für die positiven Botschaften, in denen Krieg und Konflikte international, Spaltung und Polarisierung in unserem Land, die Fernsehnachrichten dominieren. In dem nun wieder erklingenden „Macht hoch die Tür“ von Georg Weissel heißt es in der vierten Strophe: „Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein“. Wollen wir also Zutritt gewähren zu unserer allzu geplagten Seele, lassen wir dem Friedensfürsten und Menschensohn Raum, um zu wirken? Diese Frage sollten sich auch Politiker stellen, die gar nicht eifrig genug nach Aufrüstung und Eskalation rufen können. Die die Zerbrechlichkeit von Versöhnung aus ihrer Wahrnehmung gestrichen haben. Denen es um materielle und ideelle Superlative geht, weniger um Leid, Verlust und Pragmatismus. Das Gewahrwerden von irdischer Endlichkeit als Auftrag, Verantwortung für uns und die Völker zu übernehmen, möge nunmehr leiten.







