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Die Ziele mögen hehr sein, die Motivation bleibt zweifelhaft: Donald Trumps Erlöserqualitäten sollten selbst die Naiven nicht täuschen…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Weißes Haus – Trump entlarvt sich selbst: Nordamerika gehört nicht den USA“ (aus: „Frankfurter Rundschau“ vom 15.01.2026)

Selten gab es so viele Schauplätze in der Außenpolitik wie momentan. Da war es zunächst die nächtliche Überfallaktion auf Venezuela, die Entführung des dortigen Präsidenten, unter dem Deckmantel des Vorwurfes von Drogenhandel und Terrorismus, in der tatsächlichen Ambition von Erdöl und anderen Ressourcen. Kurz darauf sagte Trump Dänemark den Kampf an, will sich die Region Grönland kurzerhand unter den Nagel reißen. Zunächst schienen gewaltsame Maßnahmen nicht ausgeschlossen, im Augenblick geht es wohl um ein Abkaufen. Und jetzt tritt auch noch die dramatische Lage in Iran hinzu. Ausgeschlossen ist nicht, dass die USA unmittelbar intervenieren werden, um die Revolutionäre gegen die Mullahs zu unterstützen. Die Demonstranten sollten durchhalten, hieß es aus Washington, Hilfe sei bereits unterwegs. Und tatsächlich gehen Beobachter von einem zeitnah bevorstehenden Schlag gegen das Regime in Teheran aus, der Erinnerungen weckt.

Die USA zwischen Moralapostel und Weltpolizei: Menschenrechte sind nur vorgeschoben…

Ob es nun Raketen- oder Cyberangriffe sein werden, darüber spekuliert die Welt. Genauso über die Frage, wie sich die geopolitische Ordnung von morgen darstellt. Wieder einmal gilt das Recht des Stärkeren, so scheint es zumindest. Bei aller moralischen Haltung, mörderische Islamisten von der Macht zu putschen, einen Despoten in Caracas nicht länger Wirtschaft und Bevölkerung in Geiselhaft nehmen zu lassen, mit einer Annexion in der Arktis vor einem Einverleiben durch Russland zu schützen, so sind die Interessen wahrscheinlich weniger hehr, als man dies zunächst annehmen könnte. Man wird aus der Sicht des Westens, aus der Perspektive des aufgeklärten Europäers, der ein oder anderen Vorgehensweise zustimmen können, um jene Werte zu retten, die wir als angemessen und notwendig betrachten. Auch wenn dabei manch einen nationale Souveränität über Bord geht, das sogenannte Völkerrecht, vor allem die UN-Charta, zur reinen Makulatur wird.

Doch kann man Putin unter diesen Umständen noch den Vorwurf machen, er habe Grenzen überschritten? Natürlich ist die Barbarei nicht vergleichbar, mit der Moskau Kiew drangsaliert, wenn man auf die ziemlich übersichtliche Eskalation in Südamerika blickt. Trotzdem steht ein ganz zentraler Grundsatz zur Disposition: Welcher Grund gilt als legitim, die Integrität eines Nachbarn zu brechen? Ab wann ist der Punkt gekommen, sich als Dritter einzumischen? Und vor allem: Welcher Begründung glauben wir heute noch, sind uns die Lügen über Massenvernichtungswaffen im Irak genauso prominent im Gedächtnis wie gewisse Vorwände mit Blick auf Libyen, Grenada, Mexiko oder Panama. Da ist ein sogenannter Dealmaker ziemlich unberechenbar geworden, hält sich nicht mehr an seine Verbündeten noch an internationale Richtlinien. Man könnte Assoziationen zur Monroe-Doktrin herstellen, also zu dem unverkennbar ernsten Willen, die Hemisphäre zu dominieren.

Europa muss sich neu sortieren: Neutralität, Stolz, Eigenständigkeit und Selbstwert…

Wir sind zurück in der Zeit der Großmächte, in welcher sich die USA als präeminent darstellen, Allianzen wie die NATO umgestaltet werden. Die liberale Ordnung nach 1945 steht auf dem Prüfstand, Wildwestmanieren haben Einzug gehalten. Förderlich für Frieden und Versöhnung sind Narzissmus und Impulsivität wohl kaum. Stattdessen erweist sich die Unfehlbarkeit, mit der der 79-Jährige in Verbindung steht, mit einem hohen Risiko von gegenseitigem Misstrauen verbunden. Man kann nicht mehr vorhersehen, wie das Weiße Haus agiert. Die Madman-Theorie, welche ein schwankendes und launenhaftes Verhalten als Einschüchterungsversuch mit Blick auf den Gegner einordnet, könnte in vielen Situationen destruktiv wirken, auch wenn Chauvinismus in der Gegenwart beliebter scheint denn je. Autoritäre Tendenzen, persönliches Handeln abseits von Institutionen und Verbindlichkeiten, sie mögen einen Reiz ausmachen, der aber allseitige Unsicherheit stiftet.

Der hiesige Kontinent muss sich Gedanken machen, wie man mit dieser Variante des Neokolonialismus umgehen soll. Eine Diversifizierung wäre notwendig, vor allem aber mehr Eigenständigkeit. Sich nicht mehr abhängig zu machen von transatlantischen Beziehungen, die Fühler gleichwertig in sämtliche Richtungen auszustrecken. Und vor allem Strukturen aufzubauen, die als abschreckend wahrgenommen werden. Gleichzeitig muss das Credo der Einbindung bestehen bleiben, gänzliche Isolation können wir uns wegen militärischer Unterlegenheit nicht leisten. Keine Unterwerfung, mehr Autarkie: Zu lange ist auch Deutschland naiv gewesen, hat sich auf den großen Bruder jenseits des Teiches verlassen. „Make Europe Great Again!“, Neutralität und ein Fokus auf die hiesigen Probleme. Brückenbauer und Diplomat, Vermittler und Vorreiter. Wir können vom Zuschauerrang aufs Spielfeld wechseln, lösen wir uns aus den Fesseln von Tugend, Ideologie, Schuld und Proskynese.