Quelle: Clipdealer.de, B5935363, erworbene Standardlizenz.

Ein ganz besonderes Verhältnis zwischen „Team Freiheit“ und „den Medien“: „Narzisstische Heulsusen“ zwischen „Kotzen“ und „Vergiften“?

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Baden-Württemberg: ‚Team Freiheit‘ – Wahlbereit, aber nicht wählbar“ (aus: Reutlinger Generalanzeiger vom 08.01.2026)

In Goethes Faust stellt Gretchen die entscheidende Frage. In der Moderne wird sie häufig abgewandelt. Auch ich will sie an dieser Stelle bemühen: „Nun sag‘, wie hast du’s mit der Presse, liebes „Team Freiheit?“. Ich gebe zu, die frisch gegründete Kraft hat in mir Neugier geweckt. Sie vertritt einen Libertarismus à la Javier Milei, will die Kettensäge auch in Deutschland schwingen. Vornehmlich steht man für ein anti-etatistisches Weltbild, für weniger Steuern, für einen Abbau von Bürokratie, für einen schlanken Sozialstaat. Doch dann gibt es da noch einen weiteren Satz, der sich auf der Webseite findet: „Die Medien haben in ihrer Kontrollfunktion dramatisch versagt und sind in weiten Teilen zu Hofberichterstattern des sozialistischen Spektrums geworden“. Es geht also um „die Medien“. Wie passend kommt es da doch, dass jüngst Marcus Pretzell, Ehemann von Gründerin Frauke Petry, der sich selbst als „Head of Trollification“ der Partei beschreibt, ebenfalls kein Blatt vor den Mund nahm.

Da muss man fast auf die Idee kommen, hier wolle jemand den Journalismus abschaffen…

Im Zusammenhang mit einer kursierenden Liste von Zeitungsleuten, die regelmäßig durch die Talkshows dieser Nation tingeln, warf er auf der Plattform X den Satz in den Raum: „Ich verstehe nicht, worin der Mehrwert besteht, wenn Journalisten, also Menschen ohne jede spezifische Expertise, die Welt erklären oder Diskussionen miteinander führen“. Nun ja, ich verstehe auch vieles nicht, beispielsweise, warum man sich in einer führenden Funktion derart verallgemeinernd äußern kann. Da wird eine ganze Sparte in den Dreck gezogen, weil die Kundgabe trotz eines Kontextes derart isoliert dasteht, dass man sich als Teil der vierten Gewalt durchaus auf den Schlips getreten fühlen muss. Ohne jede Qualifikation? Es mag Beispiele dafür geben, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Trotzdem kann ich dem 52-Jährigen gerne meine Abschlusszeugnisse vorlegen. Kein Staatsexamen, aber eine solide Ausbildung. Viele Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt, beim IQ-Test nicht versagt, stets fleißig und bemüht.

Das mag einem Rechtsanwalt nicht genügen, der einen gewissen Eindruck von Elitarismus bestätigt, wenn man auf einen ziemlich abgeschlossenen Zirkel blickt, der trotz des Erfüllens formaler Bedingungen nun doch nicht zur Landtagswahl in Baden-Württemberg antritt. Auch ein erster Hype scheint verflogen, obwohl man doch einige namhafte FDP-Granden abwerben konnte. Wer sich in den öffentlichen Raum begibt, der sollte gerade in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft reflexartig reagiert, von Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit geprägt scheint, nicht ausgerechnet in diese Falle tappen, zu generalisieren. Denn man verprellt Multiplikatoren, subsumiert man sie in einer Schublade. Ich bin nicht nachtragend, gebe gerne eine zweite Chance, wenn man kritisch ist, reflektiert und Bedauern zeigt. Ob dies im vorliegenden Fall so ist, daran habe ich im Augenblick noch Zweifel. Doch ich lasse mich eines Besseren belehren.

Selbst man an einigen Stellen einschränkt, so ist das Vokabular vollkommen inakzeptabel…

Natürlich ist diese Bewegung nicht auf mich angewiesen, ich bin ein Publizist aus der Provinz, auf dessen Stimme und Fürsprache man wahrlich verzichten kann. Ich erteile keine Schläge, nur Rat: Will man Schreiberlinge nicht gänzlich vergraulen, sollte man sie nicht vor den Kopf stoßen. Unter all den vorgebrachten Prämissen mag es sein, dass sich die Mannschaft um Thomas Kemmerich und Joana Cotar eine Landschaft ohne unabhängige Redakteure vorstellen kann, darauf setzt, dass heutzutage jeder von uns Schlagzeilen produziert. Oder die eigenen Kanäle genügen, um sich bekannt zu machen. Was muss ich erreicht haben, um bei denen respektiert zu werden, die sich zuletzt immer öfter dem Vorwurf ausgesetzt sehen, eine oligarchische Ordnung anzustreben? In Abstimmungen schickt man lediglich Vertreter mit ausgewiesener Erfahrung, setzt auf vermeintliche Fachkräfte, eine Auslese, einen Kader, eine Schickeria. Man ist gegen das Establishment, baut sich aber selbst eines auf.

Sind Journalisten „gekauft“, von der SPD „unterwandert“? „Vergiften“ Medien die Diskurse? Finden sich im Rundfunk lediglich „narzisstische Heulsusen“? Haben Pressevertreter überhaupt „einen Mehrwert“? „Kotzen“ wir uns als Reporter „aus“? Gelten wir als „verhasst“ und „eingeschüchtert“? Suchen wir die „Empörung“, laufen dem „Mainstream“ hinterher? All diese Formulierungen findet man in zugänglichen Zitaten des „Teams Freiheit“. Abstufungen sind dabei selten, Nuancierungen bleiben die Ausnahme. Was ist das für ein Bild, das in einer seltenen Abstraktion gezeichnet wird? Nur deshalb der Verabsolutierung verfallen, weil man mit Emotionen, Populismus und Schablonisierung viral gehen kann? Ehe ich mich der Partei wieder zuwende, sollte sie unter Beweis stellen, dass sie klar unterscheiden kann. Natürlich gibt es viele schwarze Schafe, doch diese implizieren keine Sündenböcke. Als solches fühle ich mich gerade, wohl berechtigt.