Die Sorge vor dem Bedeutungsverlust des unabhängigen Journalismus: Als parteipolitisches Sprachrohr will ich nicht enden!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Geschichte der Medienkritik: Wer ‚Lügenpresse‘ ruft, folgt einem alten Drehbuch“ (aus: FAZ vom 29.01.2026)

Man kann froh sein, wenn man seinen Beruf nicht nur als eine Pflicht betrachtet, sondern ihn mit Leidenschaft ausübt. Und so hätte ich nie daran gedacht, irgendwann einmal Skepsis zu hegen, dass meine damalige Entscheidung, Journalist werden zu wollen, die richtige gewesen ist. Doch im Augenblick fühle ich mich leer an, man könnte von einer Sinnkrise sprechen. Vielleicht ist auch ein Stück weit das neumodische Burnout dabei. Denn über Jahre hinweg habe ich mich bemüht, mit Tiefe und Analyse zu kommentieren. Doch wir sind in einem Zeitalter angelangt, da möchten viele Menschen die Nachrichten äußerst kompakt geliefert bekommen. Schlagzeilen genügen, möglichst polarisierend, damit Emotionen getriggert werden. Schließlich gibt es so viele Gründe, sich über die Zustände in diesem Land zu empören. Man sucht fast Bestätigung danach, in seiner Überzeugung richtig zu liegen, dass wir kurz vor der Abbruchkante stehen. Gesellschaftlich, ökonomisch, kulturell und sozial. Und auch mich belastet der Umfang der Negativität.

Nicht nur die Weltlage erschöpft, sondern auch die Erzählung über „die Lügenpresse“…

Man ist es in meiner Branche gewöhnt, mit Missständen konfrontiert zu sein. Doch den Eindruck zu gewinnen, es verändert sich nichts, als ob man in einem Hamsterrad gefangen scheint, aus dem keiner wirklich wagt, mit Mut zu tatsächlichen Reformen auszubrechen, all das lähmt und erschöpft. Hinzu kommt die pauschale Herabwürdigung „der Medien“. Auch ich soll in diesen Tagen als Sündenbock herhalten für die Fehler, die beispielsweise der öffentlich-rechtliche Rundfunk in seiner Berichterstattung macht. Die publizistische Zunft hat wahrlich keinen guten Ruf mehr, was durchaus verständlich anmuten mag. Doch über einen Kamm geschoren zu werden, obwohl man sich bemüht, ein gegenteiliges Verständnis von Einseitigkeit, Voreingenommenheit und Subjektivität zu leben, das zehrt an den Kräften. Bereits durch den Parkinson ausgelastet, durch zahlreiche gesundheitliche Gebrechen herausgefordert, nagt die Tendenz zur Verallgemeinerung von Schreiberlingen an der Motivation, regelmäßig seine Arbeit abzuliefern.

Es nicht mehr das Argument und die Begründung, die zählen. Memes statt Erörterung, Plakative denn Nuancen, das fördert die Überzeugung, möglicherweise überflüssig geworden zu sein. Mittlerweile tendiert jeder Nutzer auf den neuen Plattformen zu einer Art Ticker, produziert Meldungen und Geschichten, Grafiken und Überschriften. Braucht es da eigentlich noch die Unabhängigen mit einem Minimum an Fachkenntnis – oder sollten wir nicht eher den Lautstarken das Feld überlassen, wenn doch ohnehin Likes und Reposts der Maßstab für Qualität geworden sind? Es mag frustrierend und resigniert klingen, was ich mir an Fragen stelle. Ich war immer gewillt, in der demokratischen Auffassung, Chancengerechtigkeit gerade denjenigen zu ermöglichen, die von meinen Kollegen so oft benachteiligt werden, vor allem auch der gescholtenen AfD Rampenlicht zu gewähren. Doch seitdem ich vernommen habe, dass auch sie unter der Begrifflichkeit der „Lügenpresse“ subsumiert, wird mir angst und bange.

Setzt sich die Erwartung durch, die vierte Gewalt müsse kuschen, wäre Autokratie zurück…

Schließlich dürften wir auf eine Zukunft zusteuern, in der nur noch Sprachrohre das Sagen haben. Echokammern und Filterblasen übernehmen die Hoheit über Information und Quelle, da ist kein Platz mehr für jene, die kritische Anmerkungen einbringen wollen. Der sachsen-anhaltlinische Spitzenkandidat Ulrich Siegmund störte jüngst, dass sich die vierte Gewalt anmaße, seine Vision 2026 „anzugreifen“. Es herrscht also offenbar die Erwartung, Journalisten müssten zu Steigbügelhaltern werden, sollten gewissen Parteien zum Erfolg verhelfen. Am besten schweigen, wenn der Vorwurf von Nepotismus im Raum steht. Wiederholt wurde aus der Alternative für Deutschland versucht, gegen manch eine meiner Veröffentlichungen zu „intervenieren“. Denn man war gewohnt, dass ich wohlwollend und konstruktiv porträtiere. Doch zu verlangen, bei augenscheinlichen Affären den Mund zu halten, das lässt sich nicht vereinbaren mit meiner Interpretation der Meinungsfreiheit aus unserer Verfassung.

Und so bin ich insgesamt müde geworden, kann noch nicht wirklich sagen, in welche Richtung ich mein Schiff steuern werde. Offiziell bin ich erwerbsunfähig, habe mich aber stets geweigert, gänzlich in den Schaukelstuhl zu wechseln. Zu viel Interesse und Neugier am politischen Tagesgeschehen treiben mich an, doch nicht nur aus neurologischen Gründen droht, dass meine Stimme verstummt. Ob diese Entwicklung einen großen Verlust darstellen würde, das wage ich in der Vielfalt des Angebots zu bezweifeln. Manchmal muss man eingestehen, dass der Zenit überschritten ist. Sich einem Verlauf der Geschichte geschlagen geben, vor allem einer Mentalität der Mehrheit. Gibt es noch Gründe, für meine antiquarischen und verstaubten Ideale? Lohnt es sich, sie weiter hochzuhalten? In der Wirtschaft bestimmt die Nachfrage, was gebraucht und verlangt wird. Sollte ich danach gehen, dann bin ich ein Auslaufmodell. Vielleicht sogar eine Ramschware, aber zumindest ein Restposten, günstig abzugeben.