Die Anti-Establishment-Parteien im Vergleich: Was unterscheidet AfD und BSW im Südwesten, welche Gemeinsamkeiten verbinden sie?

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Landtagswahlen 2026: Das sind die aktuellen Umfragewerte in Baden-Württemberg“ (aus: „Handelsblatt“ vom 20.02.2026)

Für viele Beobachter ist die Landtagswahl in Baden-Württemberg bereits geschlagen. Und tatsächlich lassen die Umfragen vermuten, dass die CDU als Gewinner des Urnengangs am 8. März 2026 hervorgeht. Nach derzeitigen Prognosen dürften die Grünen den zweiten Platz holen, eine Zusammenarbeit unter umgekehrten Vorzeichen als bisher für wahrscheinlich gelten. Auf dem dritten Rang rangiert die AfD. Nicht ganz unerheblich ist die Frage, ob das BSW den Einzug ins Stuttgarter Parlament schafft. Derzeit noch bei etwa drei Prozent gesehen, sind die Chancen längst nicht vertan, die notwendige Hürde zu nehmen. Insbesondere nach den aufgekommenen Bezichtigungen der Vetternwirtschaft, welche sich auch gegen den Spitzenkandidaten der Alternative für Deutschland richteten, kommen Bürger ins Zweifeln darüber, wem sie erstmals zwei Kreuze vermachen sollen. Liste und Direktmandat stehen zur Disposition, nicht selten dürfte die Abwägung zwischen „Blau“ und „Violett-Orange“ erfolgen. Denn beide konkurrieren abseits des Kartells.

Beim BSW zieht sich der rote Faden durch Befriedung und Ausgleich der Gesellschaft…

Durchaus gibt es einige Gemeinsamkeiten in deren Programmatik, dann aber doch wieder gravierende Unterschiede, welche zu Alleinstellungsmerkmalen werden, die Entscheidung möglicherweise erleichtern. Beim Bündnis von Sarah Wagenknecht tritt Joachim Tabler an. Er führt die Liste gemeinsam mit Uta Tesch. Erstgenannter ist als selbstständiger Wirtschaftsingenieur tätig, kommt aus Heilbronn, tritt für den Schutz der Industrie vor Sanktionen und Krieg ein, fordert bezahlbare Energie, weniger Bürokratie und Investitionen in Bildung, Gesundheit sowie die Kommunen. Bereits seit Gründung der noch jungen Kraft ist er engagiert, sieht sie als Option zum etablierten System, tritt für gesellschaftliche Befriedung ein, will die Atmosphäre nicht weiter eskalieren. Zweitgenannte ist Ökonomin aus Stuttgart, gehört dem Landesvorstand an. Sie möchte soziale Sicherheit mit finanziellem Aufschwung verbinden, ohne die beiden Ideale gegeneinander auszuspielen. Auch ihr Anliegen ist es, der Spaltung entgegenzutreten, die Lager wieder zu vereinen.

Die AfD setzt auf Altbewährtes: Migrationskritik, Wirtschaftswachstum, Sicherheit…

In der AfD steigt Emil Sänze in den Ring. Der 1950 in Beuren geborene Kaufmann ist seit 2016 bereits Mitglied des Landtags, gehörte früher der CDU an. Von der Presse wird er als „rechtsextrem“ eingestuft, hatte mit Aussagen eine „Behinderung“ von Markus Söder für Furore gesorgt, ist bekannt für seine harten Positionen. Mit Vehemenz tritt er gegen die ungezügelte Migration ein, macht sich für strikte Kontrolle an den Grenzen stark. Sein Argwohn gilt der EU in ihrer bisherigen Form, er brandmarkt den Zentralismus in Brüssel. Wertkonservative Tugenden hält er hoch, lehnt insbesondere die Genderpolitik ab. Den „Altparteien“ unterstellt er massives Versagen, hätten sie die Regionen im Stich gelassen, den Standort preisgegeben. Ähnlich unverhohlen tritt Martin Rothweiler auf. 1978 in Schorndorf geboren, lebt er heute in Villingen-Schwenningen, hat sich durch rhetorisch brillante Reden einen Namen gemacht, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. Er kritisiert das Abwracken von Wohlstand und Wachstum, macht Ministerpräsident Kretschmann den Vorhalt.

In der Haltung gegenüber den „Altparteien“ ist man sich weitgehend einig…

Souveränität und Anti-Establishment ziehen sich also durch die Agenda aller genannten Wettbewerber. Die Differenzen liegen im Detail, vor allem in der Schwerpunktsetzung. Geht es um Solidarität und Ausgleich, Frieden und Pazifismus? Oder sind eher Zuwanderung und Flüchtlingsströme, Konjunktur und Sicherheit die drängenden Bedürfnisse? Während die Alternative für Deutschland keinen Hehl aus einem gewissen Populismus macht, gibt sich das Bündnis von Sahra Wagenknecht eher moderierend. Lautstärke gegen Weitsicht, so könnte man es auf die Spitze treiben. Voll ins Ganze gehen oder die Vernunft im Blick behalten. Der Souverän wird seine Prioritäten kennen, möglicherweise auch strategische Aspekte in den Entschluss einbeziehen. Dafür könnte die Einstellung zu Koalitionen von Belang sein. Hier wie da wird Eigenständigkeit unterstrichen. Ob man tatsächlich als Zünglein an der Waage taugt, ist eher nicht zu erwarten. Ein Miteinander scheint ausgeschlossen, allerdings auch eine Allianz oder Tolerierung durch das BSW zu Lasten der AfD.