Amerikanische Kriege, die geopolitischen Intermezzi ohne Plan und Vision: Was interessiert mich das Geschwätz von morgen?

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Iran: Sieben Szenarien, wie es nach Chameneis Tod weitergehen könnte“ (aus: „Handelsblatt“ vom 01.03.2026)

Will man versuchen, die Kriege der USA in der jüngeren Vergangenheit auf einen Nenner zu bringen, dann bietet sich möglicherweise der Begriff der Kurzsichtigkeit an, um sie zu subsumieren. Immer wieder versuchen die Vereinigten Staaten, sich in verschiedenen Brandherden auf diesem Globus mit ihrem Hegemonialbestreben einzubringen. Doch der Erfolg ist dabei nur mäßig, insbesondere, wenn man auf längere Perspektive blickt. Mit Macht und Potenz schlägt man zu, hinterlässt oftmals ein Trümmerfeld, zieht sich irgendwann wieder zurück, um Chaos gestiftet zu haben. Nicht selten fußen die Interventionen auf fadenscheinigen Argumenten. Im Irak wurden keine Massenvernichtungswaffen gefunden, die Erzählung war schlichtweg eine Lüge, um eine Eskalation voranzutreiben, die vornehmlich Ressourcen und geopolitische Interessen im Blick hatte. In Afghanistan stürzte man die Taliban zunächst, damit sie nach einiger Zeit wieder zurückkehrten. Heute scheint das Land genau dort, wo es bereits vor dem Einmarsch stand.

Zuschlagen, durcheinanderwirbeln, wegducken: Zwischen Feigheit und Kurzsichtigkeit…

Ähnlich verhält es sich in Syrien. Machthaber Assad wurde verjagt, doch nunmehr herrscht ein Präsident, der es wiederum auf verschiedene Randgruppen abgesehen hat, brutal und grausam gegen sie vorgeht. Eine ähnliche Diktatur, unter anderen Vorzeichen, mit neuen Opfern. Libyen kommt nicht zur Ruhe, es ist ein Vakuum entstanden, rivalisierende Gruppen kämpfen um die Vormacht. Und was wurde bislang in Teheran erreicht? Zwar ist der oberste Führer Chamenei getötet worden, doch nun hat sein Sohn die Geschäfte übernommen. Er gilt als noch größerer Hardliner, hat die Niederschlagung bisheriger Proteste organisiert. Jerusalem kündigte bereits an, auch ihn „eliminieren“ zu wollen. Doch wie lange soll dieses Spiel weitergehen? Es wirkt wie eine Konsolidierung statt wie Kollaps. Sehr viel Undurchsichtigkeit prägt die Lage, man kann sich kaum vorstellen, dass innerhalb von Wochen eine tragfähige Lösung geschaffen wird. Immerhin scheint die Loyalität mit den Machthabern in Teilen der Gesellschaft weiterhin groß.

Kurdische Rebellen wurden durch die CIA mit Waffen ausgestattet, um den Umsturz des Regimes voranzutreiben. Gemeinsame Bodenoperationen könnten das Ziel sein. Man beabsichtigt, Sicherheitskräfte zu binden, anschließend ein „Volkserlebnis“ zu initiieren. Doch nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung gehören der Minderheit an, sie hat zwar immer wieder Aufstände provoziert, doch zu einer echten Trendwende konnten sie damit nie beitragen. Zweifelsohne sind die Hoffnungen riesig, doch sie prallen auch deshalb auf eine schlichte Realität, weil der Westen einen grundsätzlichen Denkfehler begeht. Bis heute scheint man in Washington davon auszugehen, dass die eigene Perspektive auf die Freiheit für sämtliche Kulturen verbindlich sei. Doch nicht überall ist die Demokratie ein erstrebenswerter Zustand. Aus unserer Sicht fällt es schwer, nachvollziehen zu können, unter autoritären Gegebenheiten zu leben, verfangen in einem Fanatismus, in einer für hiesige Verhältnisse rückwärtsgewandten, unattraktiven Welt.

Der Fehlschluss, davon auszugehen, dass die ganze Welt bei Freiheit Beifall klatscht…

Moderne aufoktroyieren zu wollen, dafür die Souveränität und Integrität fremder Staaten zu durchbrechen, wirkt übergriffig. Es ist hochnäsig, für Andere definieren zu wollen, was sie als Gut und Böse, richtig und falsch zu empfinden haben. Kollateralschäden werden oftmals nicht bedacht, wenn man auf den Putz haut. Bereits jetzt lehnt eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung den Alleingang von Trump und Netanjahu ab. Bisher wurden systematische Schäden an der Infrastruktur und der Atomprogramm angerichtet, doch von einem Zerfall der Mullahs ist man weit entfernt. Stattdessen sprießt der Konflikt in sämtliche Richtungen, mittlerweile sogar auf NATO- und EU-nahes Territorium in Zypern und der Türkei. Die Wirtschaft ächzt aufgrund der Blockade in der Straße von Hormuz, Stützpunkte der USA sind am gesamten Golf unter Beschuss geraten. Die Hisbollah und die Huthis mischen nun ebenfalls mit. Die Ölpreise steigen, der Nationalismus in Iran wirkt gefestigter denn je. Eine echte Patt-Situation.

Innenpolitisch dürfte der amerikanische Präsident nicht unbedingt beliebter aus dem Manöver hervorgehen. Jerusalem scheint ihn gedrängt zu haben. Die Befreiung der Menschen in Persien ist, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, ausdrücklich nicht oberste Priorität gewesen. Inwieweit das Vorgehen als präventive Gegenmaßnahme zur angeblichen Nuklearaufrüstung diente, muss schon allein deshalb kritisch beäugt werden, weil es bislang an konsistenten Beweisen dafür fehlt, dass eine unmittelbare und direkte Bedrohung für die Nachbarn überhaupt vorlag. Ein Schnellschuss sondergleichen, eine Konfrontation, auch in Richtung China und Russland. Reflektiert und durchdacht wirkt all das kaum. Ob nicht möglicherweise der eingeschlagene Weg von Diplomatie hätte weiter beschritten und durch Sanktionen forciert werden können, ist zumindest ein diskutabler Aspekt. Es mag ernüchternd sein, wenn man sich zähneknirschend eingesteht, dass der Nahe Osten von außen wohl nie wird befriedet werden können.