Solide, aber nicht überragend: Das Wahlergebnis der AfD in Baden-Württemberg stellt die Frage nach Zugpferden und ungenutzten Potenzialen…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Landtagswahl: AfD will CDU Koalitionsangebot in Baden-Württemberg machen – Hagel lehnt das ab“ (aus: „Badische Zeitung“ vom 08.03.2026)

Das Abschneiden der AfD in Baden-Württemberg, es dürfte hingenommen werden. Nicht Fisch und nicht Fleisch. Ja, ohne Frage, man hat sich verdoppelt. Doch vom zwischenzeitlichen Ziel, auf Platz zwei vorzudringen, war man am Ende weiter entfernt denn je. Zweifelsfrei ist man im Westen angekommen, hat sich im System etabliert. Aber ist nicht genau dieser Umstand auch ein Problem? Wie sehr will man sich anschmiegen, wie viel Unterscheidungskraft soll bleiben zu den restlichen Parteien? Es war der Anwurf der Vetternwirtschaft, welcher zuletzt Skepsis aufkommen ließ, inwieweit man auf moralischer Ebene tatsächlich eine Alternative darstellt. Allzu viel anhaben konnte die mediale Skandalisierung Markus Frohnmaier zwar nicht. Trotzdem dürften die Gründe dafür, weshalb die Mobilisierung kurz vor Schluss stockte, wohl insgeheim auch in der Auswahl dieses Spitzenkandidaten liegen. Er wurde als potenzieller Ministerpräsident gehandelt, stand aber selbst nicht auf der Liste, wirkte gesetzt statt legitimiert, ohne Bezug zur Basis, als schwebende Figur ohne Anker.

Im Landesverband herrscht seit längerem große Unruhe, die nicht gänzlich unbegründet ist..

Sein beständiges Tingeln zwischen Washington und Stuttgart ließ ihn unstet erscheinen. Niemand wusste so genau, wo er eigentlich seinen Lebensmittelpunkt hat. Die Doppelfunktion als außenpolitischer Sprecher und Führungsfigur im Südwesten machte einen merkwürdigen Spagat nötig. Als Ziehsohn von Alice Weidel ist er nicht völlig unumstritten. Ohnehin gibt sich der Landesverband als tief gespalten, unterschiedliche Lager agieren gegeneinander. Da kommen Anwürfe von Machtzentrierung auf, Kritiker aus den eigenen Reihen bemängeln, dass es an demokratischen Vorgängen mangele. Wer den Frontmann kritisiere, müsse mit einem Maulkorb rechnen, so heißt es hinter vorgehaltener Hand. Zwar hatte es die Partei geschafft, mit zahlreichen Forderungen ihre Alleinstellungsmerkmale herauszustellen. Beispielsweise hob sie sich mit dem Konzept einer Grenzpolizei gänzlich von den Konkurrenten ab, die zwar ihrerseits die Kontrollen an den Außenlinien verstärken wollten, aber weniger systematisch. Auch beim Thema Abschiebungen vertrat man mehr als nur Floskeln.

Gerade in den Städten wird sich die AfD Konzepte zur Wähleransprache überlegen müssen!

Vor allem in den städtischen Gebieten, oftmals studentisch und links geprägt, konnte man mit den Anliegen von Patriotismus, Windkraft-Stopp und Verbrenner-Rückkehr allerdings kaum punkten. Die urbanen Ballungsräume lassen keinen Platz für bürgerliche Vernunft. Dieser Umstand stellt weder Versagen noch Schuld der AfD dar, sondern ist einer strukturellen Veränderung unserer Gesellschaft zu verdanken. Unter den Arbeitern hat man deutliche Zugewinne verzeichnet. Auch die Meldung darüber, dass das Verwaltungsgericht Köln den Status als „gesichert rechtsextremistisch“ kippte, dürfte zuletzt noch manch eine Hemmung genommen haben. Gleichzeitig kämpfte man aber gegen die Agitation von Kirchen und Gewerkschaften, eine einseitige Presse. In der Kommunikation trat die Alternative für Deutschland nicht immer geschickt auf, interne Streitigkeiten wurden in der Öffentlichkeit ausgetragen, Ausschlussverfahren dominierten die Wahrnehmung, das Distanzieren voneinander hinterließ den Beigeschmack von Flügelbildung und Hahnenkampf. Dabei ist doch eigentlich der Zusammenhalt das wichtigste Pfund.

Hätte man nicht stärker auf einen Kandidaten setzen müssen, der nicht doppelt belastet ist?

In der Nachbereitung darf man sich des Dialogs nicht verweigern, warum man auf eine Führungsfigur setzte, die zwar bundesweit Prestige genießen mag, aber in der Heimat kaum bekannt schien. Wurde da ein Liebling nominiert, nicht anhand seines Leumunds in der Provinz, sondern wegen guter Beziehungen nach Berlin? Frohnmaier bewegte sich in den neuen Medien vor allem im angestammten Dunstkreis. Seine Ambition reichte offenbar nicht darüber hinaus. Er sprach stets nur zu seinen Anhängern und Freunden, neue Wählerschichten zu erschließen, das war offenkundig kein Ziel. Letztlich blieb erhebliches Potenzial ungenutzt, der Brückenbau in bislang kaum betretene Areale gelang allenfalls mäßig. Zu sehr begnügt man sich mit dem, was man hat. Zwar ist die Pflege des Fundaments eine unabdingbare Aufgabe. Doch wem der Spirit mangelt, ein Stockwerk draufzusatteln, der wird auch nicht in die Dreigeschossigkeit vordringen können. Der Ausgang ist solide, aber nicht überragend. Angesichts der Schiefstände im „Ländle“ hätte prinzipiell auch die Chance auf ein Wunder bestanden.