Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg: Wählerverhalten der Bevölkerung“ (aus: „Tagesschau“ vom 09.03.2026)
Am Ende war es ein Personenduell zwischen Cem Özdemir und Manuel Hagel. Die Landtagswahl in Baden-Württemberg wird vor allem durch eine übermäßige Mobilisierung von Unterstützern der Grünen und der CDU in die Geschichte eingehen. Beide haben wie Staubsauger gewirkt, die Wankelmütige von den Konkurrenten abzogen, um das Kopf-an-Kopf-Rennen spannender denn je zu machen. Während die dramatisch eingebrochene SPD vor allem gegenüber dem ökologischen Flügel Federn lassen musste, bedienten sich die Konservativen bei den Liberalen. Die Zuspitzung auf den letzten Metern hat wohl auch das BSW wichtige Punkte gekostet. Unter dem Strich fuhr man 1,4 Prozent an Zweitstimmen ein. Deutlich weniger als die drei vorhergesagten in den Umfragen. Insgesamt ist das Resultat für einen neuen Wettbewerber auf dem politischen Tableau keine Überraschung, schon gar kein Beinbruch. Gerade in urbanen Gebieten wie Konstanz oder Mannheim lag man deutlich über dem Schnitt. Die Botschaft deshalb dürfte lauten, gerade in den Städten Strukturen und Präsenz weiter auszubauen.
Kein Wunder, dass das Bündnis von Sahra Wagenknecht in den Städten Konkurrenz machte…
Natürlich konnte nach rund zwei Jahren seit der Gründung nicht erwartet werden, dass der Spitzenkandidat Joachim Tabler in der Breite Bekanntheit erringt. Vor Ort haben allerdings zahlreiche Freiwillige und Ehrenamtliche dafür gesorgt, an Infoständen und in Veranstaltungen ausführlich über Programmatik oder Personen Auskunft zu geben. Deren Verdienst sollte nicht geschmälert werden. Sie sind lokale Zugpferde, die oftmals aus dem Schatten von Sahra Wagenknecht treten konnten. Die ideologische DNA im Südwesten braucht Zeit, um die „Violett-Orangenen“ zu verinnerlichen. Klassische Themen wie eine faire Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates, die konsequente Haltung zum Frieden, ein umsichtiger Blick auf die Migration, angemessene Renten und ein erhöhter Mindestlohn konnten dort weniger verhaften, wo trotz allen Wirtschaftsabschwungs die finanzielle Lage vieler Bürger noch immer auskömmlich ist, man oftmals mit den Kollateralschäden der illegalen Zuwanderung nicht gänzlich konfrontiert wird, die meisten Menschen in Lohn und Brot stehen.
Hätte es die Polarisierung zum Ende nicht gegeben, wären zwei Prozent mehr drin gewesen…
Das Bündnis hat nicht versagt, es wurde allenfalls zerrieben zwischen „rehbraunen Augen“ und dem Treibhausgaseffekt. Denn die lagerübergreifende Motivation, eine Denke zwischen links und rechts, all das ist nicht unattraktiv, muss sich aber noch durch die Gewohnheit kämpfen. Deshalb dürfte man auch künftig auf profunde Alleinstellungsmerkmale setzen, auf die Unterschiede zur AfD verweisen, die Mischung aus Sozialverträglichkeit und Pragmatismus schmackhaft machen. Man ist eine Option im Antiestablishment, könnte als weniger radikale Alternative gelten, die vor allem Vernunft denn Populismus in den Fokus rückt. Schließlich scheint man mit einer kritischen Perspektive auf die ökologische Transformation oder einer Agenda von wirtschaftlichem Maß und Mitte ganz auf Linie derjenigen, die ohne ideologische Scheuklappen ins Morgen gehen wollen, dabei aber weder auf pazifistische noch moralische Prinzipien verzichten. Der hart schuftende Durchschnitt gehört zur Zielgruppe, genauso, wie der modern-konservative Proletarier im besten Sinn.
Das BSW kann jene Unzufriedenen an sich binden, für die die AfD kein Interesse zeigt…
Man könnte von der Rekrutierung bewährter Gesichter profitieren. Die Sichtbarkeit lässt sich insbesondere dadurch festigen, auch nach dem Abstimmungssonntag nicht nachzulassen in der öffentlichen Erscheinung. Zwar stehen schon die nächsten Bewährungsproben in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an. Doch die Probleme im Ländle werden unter Grün-Schwarz nicht weniger. Ob nun Wohnungsnot oder Kriminalität, Stagnation oder Bildungsmisere: Sich als Fieber- und Stimmungsbarometer gleichzeitig zu profilieren, das nicht derart heftig ausschlägt wie bei den „Blauen“, hätte seinen Reiz. Der dortige Markus Frohmaier konnte zwar solide Zahlen einfahren, doch er machte wenig Anstalten, über das Stammklientel hinaus neue Schichten an sich binden zu wollen. Diese Nische darf das BSW beruhigt für sich nutzen. Man sollte sich nicht scheuen, dorthin zu gehen, wo die Sorgen und Nöte am drückendsten sind, wo es Fragen gibt, wo das Leben spielt. Das kleine Pflänzchen ist längst nicht verblüht, es muss nur eifrig gegossen werden. Möge dies, allein um der demokratischen Vielfalt willen, beharrlich gelingen.








