Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Medien: ‚Zunehmende Verrohung der Plattform‘: Süddeutsche Zeitung verlässt X“ (aus: „Deutschlandfunk“ von 10.03.2026)
In diesen Tagen hat sich die „Süddeutsche Zeitung“ von der Plattform X verabschiedet. Die Begründung lautete vordergründig, die Verrohung in den sozialen Medien habe derart zugenommen, dass es nicht mehr zu einem sachlichen Dialog komme. Tatsächlich hat sich das Presseorgan selbst nie an Diskussionen beteiligt, trug in der jüngeren Vergangenheit eigenständig dazu bei, durch eine einseitige Berichterstattung für Argwohn zu sorgen. Doch in einer Sache muss ich den Kollegen recht geben: Die Polarisierung unserer Gesellschaft im Gesamten hat ein bedenkliches Ausmaß erreicht. Wer sich überhaupt noch in die Virtualität wagt, der betritt häufig vermintes Terrain. Denn man kann es heute kaum noch jemandem recht machen. Es scheint zum Volkssport geworden zu sein, aus Prinzip zu widersprechen. Nicht, weil man die besseren Argumente hat, sondern lauter schreien kann. Oftmals wird die Meinungsfreiheit so weit strapaziert, dass sie selbst bei Pöbelei und Beleidigung als Rechtfertigung herhalten soll. Von einem gesunden Debattenklima sind wir entfernter denn je.
Nicht nur in der Wirtschaft gilt: Aufwand und Ertrag sollten in einem Verhältnis stehen…
Nun lebe ich seit ungefähr zehn Jahren mit meiner Parkinson-Erkrankung. Die atypische Variante schreitet unaufhaltsam voran, ist tückischer, als man dies von der neurodegenerativen Störung ohnehin kennt. Trotzdem habe ich mich nicht in den Schaukelstuhl zurückgelehnt, obwohl ich längst erwerbsunfähig bin. Mit einem bescheidenen journalistischen Beitrag in meinem Blog und in der digitalen Welt wollte ich mein publizistisches Verständnis hochhalten. Geblieben ist zuletzt der Undank, vor allem aber der Angriff ohne Not auf mein Engagement, habe ich es gewagt, nach hunderten wohlwollenden Artikeln zwischendurch auch Kritik an der AfD zu üben. Als es um den Iran-Krieg ging, ich mich um eine ausgewogene und differenzierte Sichtweise bemühte, prasselte im Tonfall völlig entglittene Maßregelung von allen Seiten auf mich ein. Da wird auf der einen Seite Unabhängigkeit von der vierten Gewalt gefordert, dann aber wiederum Tendenziösität. Und natürlich ist man in meiner Position und Rolle gehalten, sich zum Felsen einer noch so tosenden Brandung zu machen.
Die Meinungsfreiheit deckt nicht jede Form verbaler und rhetorischer Entgleisung ab…
Doch es ist ein Klima der Ineffizienz entstanden, in dem ich mittlerweile tausende Stunden als unbedeutender Arbeiter im Weinberg der Demokratie gegeben habe, um fast ausschließlich Rüffel, Tadel und Missbilligung entgegenzunehmen. Sadomasochismus mag in einer anderen Welt eine Leidenschaft sein. Im Alltag ist diese Praxis auf Dauer mit leeren Kraftreserven, Frustration und Desillusionierung verbunden. Nein, auch für mich kann es so nicht weitergehen. Sich für eine gute Sache aufzuopfern, das dürfte nur so lange funktionieren, wie Investition und Ergebnis in einem sinnvollen Verhältnis zueinanderstehen. Sich als Zielscheibe hinzugeben für die Entrüstung über das politische Geschehen, das muss auf Dauer nicht nur an den Nerven zehren, sondern an der körperlichen und psychischen Verfassung im Allgemeinen. Man erwartet heutzutage kein Lob und keinen Respekt mehr. Gleichzeitig kann nicht abverlangt werden, sich zum Prellbock für die Allgemeinheit zu machen. Ich mag zu sensibel und altmodisch sein, wenn ich Umgangsformen und Sachlichkeit als Tugend emporhebe.
Ich bin ausdrücklich nicht für die sozialen Medien geboren worden, sagt mir die Erfahrung…
Selbstredend fragt man sich in diesem Zusammenhang auch, ob professioneller Kommentar und gelernte Berichterstattung überhaupt noch gebraucht werden, wenn jedermann zum „Content Creator“ wird. Kurze Phrasen, zugespitzte Memes, emotionalisierte Videos, all das ist nicht mein Metier. Ich war stets im Zweifel, ob das Web 2.0 der richtige Ort scheint, um mich zu entfalten. Mittlerweile habe ich auf diese Frage eine Antwort gefunden. Die Konsequenz kann entweder lauten, den inneren Schweinehund zu überwinden, trotz allen Gegenwindes weiterzumachen wie bisher. Oder sich ernsthaft in Klausur zu begeben, inwieweit es noch plausibel und vertretbar ist, auf dem letzten Loch pfeifend den Rest zu geben. Die Zweckmäßigkeit steht für mich zur Disposition, denn auch auf meine Stimme kann man im Zweifel verzichten. Die Branche ist volatil, jeder Laie wird über das Wochenende zu einem ausgewachsenen Schreiberling. Ich will das Feld nicht vollkommen räumen, aber meine Präsenz hier wie da auf ein Minimum reduzieren. Um der Nachfrage und der Erwartung aller willen.








