Bloßes Schwänzen oder ein ehrliches Bekenntnis gegen Krieg und Aufrüstung? Der Schülerstreik war ein Revival der Gewissensentscheidung!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „‚Schulstreik gegen Wehrpflicht‘: Hunderte junge Menschen demonstrieren in Städten in Baden-Württemberg“ (aus: „Tagesschau“ vom 05.03.2026)

In Zeiten internationaler Krisen muss sich auch Deutschland die Frage stellen, ob es im Zweifel verteidigungsfähig wäre. Doch Widerstand ist nicht gleichzusetzen mit einer schlagkräftigen Armee. Vor allem lässt sich die Notwendigkeit zum Dienst an der Waffe nicht als notwendige Grundlage dafür interpretieren, der Nation eine gut aufgestellte Truppe zu präsentieren, die bedarfsweise unsere Sicherheit am Hindukusch, unsere Freiheit im Donbass oder unsere Staatsräson in Persien erkämpft. Jugendliche und Heranwachsende möglichst frühzeitig mit Gewehr und Munition vertraut zu machen, torpediert nicht nur jeglichen pazifistischen Gedanken, sondern greift in die Souveränität und Autonomie der jüngeren Generation ein, die im Augenblick wenig Anlass sieht, für ein ziemlich heruntergewirtschaftetes Stadtbild einzutreten. Die Politik müsste in Vorleistung gehen, um wieder Identität zu schaffen, ein Dankeschön erwarten zu können.

Die zentrale Frage lautet: Lohnt es sich, für ein abgewirtschaftetes Deutschland zu kämpfen?

Dass die Motivation einigermaßen am Boden liegt, sich für fremde Interessen herzugeben, das belegte auch die bundesweite Aktion am 5. März 2026. Schüler, quer durch die Republik, protestierten in mehr als 100 Städten, stemmten sich gegen den Kurs der Regierung, die Wehrpflicht reanimieren zu wollen. Etwa 40.000 Personen, darunter auch Eltern und Lehrkräfte, nahmen teil. Gerade im Osten ist die Skepsis hoch, sich für Krieg instrumentalisieren zu lassen. Denn wohin die Reise geht, das machen die willkürlichen Schläge Amerikas in der jüngsten Vergangenheit deutlich. Denn mittlerweile prägt nicht allein der Angriff Russlands auf seinen Nachbarn die Nachrichten. Am Beispiel des Iran lässt sich ablesen, wie sinnfrei Menschen und Material geopfert werden, wenn ein Intervenieren nicht bis zum Ende gedacht ist, der Diplomatie keine Chance gelassen wird. Das Einmischen in die Angelegenheiten Dritter, das Aufbäumen des Westens, es hat wenig Mustergültigkeit.

Ehe Politik zum Wehrdienst verpflichtet, muss sie identitätsstiftend in Vorleistung gehen…

Nahezu generationenübergreifend fällt das Urteil aus, sich nicht schon wieder herschenken zu wollen für eine Agenda des Säbelrasselns, für einen Ausdruck der Machtdemonstration, für eine Eskalationsstufe, mit der man beispielsweise im Irak, in Afghanistan, am Horn von Afrika oder in Mali Schiffbruch erlitten hat. Wer dazu bereit ist, in einem fragwürdigen Patriotismus sein Leben für die transatlantische Hegemonie zu geben, der möge dies tun. Doch niemand soll gezwungen werden, für eine fadenscheinige Dominanz der hiesigen Hemisphäre im geopolitischen Duell seine Zukunft zu offenbaren. Parteien wie das BSW unterstützen die Gangart des Nachwuchses, stellen völlig zurecht die Frage in den Raum, welche Profiteure aus der weltweiten Angstspirale ihren Nutzen ziehen. Dass nicht nur im Konrad-Adenauer-Haus die Lobbyisten der größten Rüstungsfirmen ein- und ausgehen, sollte hellhörig werden lassen ob der finanziellen wie ideellen Abhängigkeit von edlen Spendern.

Zwischen Global Playern zerrieben werden: Für transatlantische Interessen sterben?

Der Antimilitarismus könnte ein Revival erfahren, seine Graswurzelbewegung hat sich über die Jahre hinweg neu aufgestellt. Die Grünen sind nicht mehr führend, seit sie eine endlose Abnutzung Kiews befürworten. Nunmehr ist das Bündnis von Sahra Wagenknecht Verantwortungsträger. Es unterstreicht deutlich, dass unseren Sprösslingen die Musterung ins Haus steht. Wenn nicht genügend Freiwillige per Erhebungsbogen gefunden werden, dann entscheidet das Los. Die Gewissensentscheidung wird zum Thema am Abendbrottisch. Wie hältst du es mit dem Frieden, so dürfte die Gretchenfrage lauten. Eine Gesellschaft wird mit bitteren Wahrheiten konfrontiert, hatten wir uns zu sehr darauf verlassen, dass Ausgleich und Verhandlung zu den Tugenden der Gegenwart gehören. Nicht länger den Nutznießern auf den Leim gehen, die nach Kanonenfutter suchen. Das ist der legitime Anspruch jener, die für Schwarz-Rot-Gold sind, aber nicht etwa für das NATO-Abzeichen.