Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Vorwürfe gegen Christian Ulmen: Tausende demonstrieren in Berlin gegen digitale sexuelle Gewalt“ (aus: DER SPIEGEL vom 22.03.2026)
Einst hat man Boulevardberichterstattung der „BILD-Zeitung“ oder anderen Klatsch- und Tratschblättern überlassen. Doch heute sind sich selbst die „Tagesthemen“ nicht mehr zu schade dafür, ein Abbild des Seelenlebens von Prominenten ins Hauptprogramm zu nehmen. Dabei sollte sich der seriöse Journalismus von reißerischen Großbuchstaben doch eigentlich dadurch unterscheiden, nicht sofort auf jeden Zug aufzuspringen, der in Höchstgeschwindigkeit durch die Republik gejagt wird. Ermittlungen abzuwarten, Klärung herbeizuführen, das sind Tugenden des publizistischen Arbeitens, die nicht jedem Medienschaffenden in die Wiege gelegt wurden. Stattdessen dominieren häufig Ungeduld, Sensationslust und Dramaturgie. Ähnlich verhält es sich bei den momentanen Geschehnissen um Collien Fernandes und Christian Ulmen. Obwohl nicht nur im Rechtsstaat, sondern auch gemäß Pressekodex die Unschuldsvermutung gilt, hat sich eine Vielzahl von Kollegen bereits ein Urteil gebildet, bevor man überhaupt weiß, was Wahrheit, Übertreibung und vielleicht sogar Lüge ist.
Wie viel Wahrheit steckt in einer Geschichte, die für eine Kampagne missbraucht wird?
Denn immer mehr kritische Beobachter, die sich anfangs mit dem vermeintlichen Opfer solidarisiert haben, entwickeln Skepsis ob der Richtigkeit der Angaben, entpuppt sich die 44-Jährige als Protagonistin in einer offensichtlichen Kampagne. Zwischen acht Monaten und bis zu drei Jahre soll es nach unterschiedlichen Angaben gedauert haben, bis sie Strafanzeige stellte, obwohl zumindest Mutmaßungen oder gar Beweise deutlich früher vorgelegen haben sollen, von wem sie „virtuell vergewaltigt“ wurde. Wieso ließ sich die Schauspielerin so viel Zeit? Warum konnten die Grünen reflexartig auf ihre Veröffentlichungen reagieren? Wie war es möglich, innerhalb von Stunden Demonstrationen zu organisieren? Warum wussten Meldestellen mehr als vielleicht sogar die Polizei? Und was hat das Manöver mit dem Engagement für eine Klarnamenpflicht im Internet zu tun? Keine Frage, wer im Web sexuell bloßgestellt wird, gemobbt und tyrannisiert, der hat einen Anspruch auf Sanktionierung der Verantwortlichen. Und es mag sein, dass die Justiz in dieser Hinsicht bislang hinkte.
Die Dramaturgie der beteiligten Aktivisten relativiert das Leid von Opfern physischer Gewalt!
Doch wirkt es nicht dreist, wenn sich ein potenzielles Opfer von digitaler Entwürdigung auf die gleiche Stufe wie eine Frau stellt, die in Wirklichkeit physische, direkte und unmittelbare Gewalt erfahren hat? Da werden plötzlich Parallelen gezogen zu Gisèle Pelicot, die fast zehn Jahre lang von ihrem Partner und dessen eingeladenen Gästen betäubt, missbraucht und gefilmt wurde. Welch eine Relativierung von tatsächlichen Ereignissen in der Realität, wenn man sich plötzlich in deren Reihen stellt, zu „Me Too“ 4.0 aufruft, über soziale Plattformen Inszenierung betreibt, seine Bekanntheit ausnutzt, Schlammschlachten vollzieht, an den Pranger stellt, gegebenenfalls nicht nur ausschmücken, sondern Rufmord begeht. Denn bislang gibt es lediglich eine einseitige Präsentation dessen, was der Fernsehmoderatorin angetan worden sein soll. Ließ sie sich vor den Karren spannen, für eine politische Debatte zweckentfremden, die darauf abzielt, den gläsernen Bürger in der Virtualität durchzusetzen? Überraschend ist nämlich, wie schnell die zuständige Ministerin auf dem Plan stand.
Wo ist der Aufschrei Grüner gewesen, als im Jugendzentrum Neuköllns vergewaltigt wurde?
Was wünscht man sich eine derartige Präsenz, eine Ankündigung von Konsequenz im Falle der betroffenen Kinder in unseren Jugendzentren, die von Migranten schikaniert und geschändet wurden! Da kommen Claudia Roth wegen einer Geschichte die Tränen, die man glauben kann, von der man aber zunächst die Gegendarstellung abwarten sollte, während nicht nur sie darüber schweigt, was in Berlin-Neukölln an Verbrechen verschwiegen und vertuscht wurde. Doppelmoral par excellence, Heuchelei auf höchstem Niveau. Ablenkungsmanöver und Nebelkerzen sind in Zeiten willkommen, in denen die Nation eigentlich Wichtigeres zu diskutieren hätte. Mittlerweile wurde der Geist von Misandrie und Androphobie aus der Flasche gelassen, der Pauschalverdacht, der Hass und die Angst gegenüber jedem Mann, der sich nicht sofort pro Fernandes äußert. Dirigiert von einer Autorin, die von einem Rampenlicht ins nächste tingelt, unter dem Vorwand ihrer Erzählung der Dinge, als Fürsprecherin von Grundrechtseinschränkungen und einem Ende der Anonymität. Ein Patriarch, wer Zweifel dabei hegt?








