Das größere Manko in der AfD ist der Verrat: Während Kungelei zum Skandal gehypt wird, spalten Flügelkämpfe und Mäßigung die Basis…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Landtagswahlen: AfD-Spitzenkandidat Holm distanziert sich von seinem Parteikollegen Siegmund“ (aus: WELT vom 19.02.2026)

Derzeit wird die Alternative für Deutschland gleich von mehreren Krisen heimgesucht. Der Vorhalt einer systematischen Vetternwirtschaft steht im Raum, familiäre Überkreuz-Anstellungen häufen sich gleich in mehreren Landesverbänden. Sollten diese tatsächlich auf erbrachter Leistung beruhen, die Besetzung der Jobs nicht durch Bevorzugung erfolgt sein, wäre man rechtlich in sicherem Fahrwasser. Doch moralisch bleibt etwas hängen, weil man doch anders sein wollte als der Rest. Natürlich hören wir seit Jahren aus den Reihen von Union, SPD, FDP oder Grünen von anrüchigen Verstrickungen diverser Verwandter und Parteifreunde. Und da geht es oftmals um handfeste Bevorteilung, die über das ethisch Verwerfliche hinausreicht. Trotzdem hängt nun der Makel an der AfD, sich als Gegenentwurf zum Kartell kaum zu dessen Mentalität zu unterscheiden. Stattdessen sucht man händeringend nach Ausreden, das Totschlagargument geistert umher, man finde kein Personal, müsse im Zweifel vertrauen können, weil doch der Verfassungsschutz mit der Einschleusung von V-Männern gedroht habe.

Durch die Kumpanei scheint man für einen Moment abgekommen vom Identitären-Streit…

Markant und bezeichnend ist es, wie schnell sich auch die Medien wegbewegt haben von einer ganz anderen Konfliktlinie. Da war noch vor nicht allzu langer Zeit die Debatte losgebrochen, wie sich der Bundesvorstand zu Kontakten und Treffen zwischen Abgeordneten oder Funktionären mit dem österreichischen Aktivisten Martin Sellner stelle. Einer der führenden Köpfe der Identitären Bewegung pflegt enge Verbindungen ins Vorfeld, insbesondere zur Jugend. Mit erhobenem Zeigefinger wurde auf den Unvereinbarkeitsbeschluss verwiesen. Doch dieser ist derart antiquiert, dass er in der Praxis kaum mehr Bedeutung hat. Da werden Alice Weidel und Tino Chrupalla noch so sehr zur Räson rufen können, glücklicherweise scheren sich nur die Gemäßigten darum, Abstand zu halten. Die Distanzeritis ist das größere Versagen, die Illoyalität in den eigenen Reihen. Dass man sich in den Rücken fällt, erodiert die Basis stärker als eine von empörten Journalisten losgetretene Skandalisierung der Kumpanei, die jene verzeihen dürften, welche um die Zwangslage der AfD wissen.

Beim Anwurf der Vetternwirtschaft braucht es Klarheit, bei der Remigration Standhaftigkeit…

Da scheint die Moralkeule eines Geheimdienstes und das Damoklesschwert des Verbots stärker zu beeindrucken als das zweifelhafte Etikett, sich dem Reiz von Anpassung, Konformität und Zügelung hingegeben zu haben. Standhaftigkeit und Schulterschluss sind das größte Pfund in stürmischen Zeiten. Es braucht ein offensives Vorgehen gegen Schlagzeilen, nicht ein Hinterherhinken. Das Heft des Handelns muss wieder in die Hände derjenigen gelangen, die sich vor den Karren der aufgeschreckten Öffentlichkeit spannen lassen, über das Stöckchen weisungsgebundener Behörden springen. Nicht der geschwächte Leumund aus einer Mauschelei ist die existenzbedrohlichere Gefahr für die Integrität. Sondern das Gefühl bei den Anhängern, sich von Themen wie der Remigration, der deutschen Leitkultur oder des Bevölkerungsaustauschs nur deshalb zurückzuziehen, weil das Oberverwaltungsgericht Münster Justitia schwingt. Ausschlussverfahren sind ebenso Gift wie der Dolchstoß. Rüdiger Lucassen übt sich aktuell darin, Martin Vincentz ist hierbei bereits deutlich versierter.

Würde man weniger zaudern und hadern, stünde man insgesamt deutlich gestärkter da…

Beinfreiheit für den Nachwuchs, Solidarität mit jenen, die von außen als rechtsextremistisch gebrandmarkt werden. Stattdessen will man die Welle einfangen, welche „Correctiv“ oder „Campact“ aufwirbeln. Sich aus der Reserve locken lassen, wie fremdbestimmt zu wirken, das kann nicht das Ziel einer souveränen Kraft sein, welche bedauerlicherweise so naiv und reflexhaft einer Erzählung über die Grundgesetzwidrigkeit des ethnopluralistischen Weltbildes auf den Leim geht. Zu inhaltlichen Auffassungen zu stehen, Fehler im Umgang mit Posten einzuräumen, das schließt sich nicht aus. Kommunikation muss bei launiger See stets eigeninitiiert sein. Programmatisch ein Fels in der Brandung, in der Selbstreflexion von Kodex und Verhalten zur Einsicht bereit. Es mangelt an einer gewissen Professionalität, an Geradlinigkeit und Routine, wo berechtigte und überzogene Anwürfe im Raum stehen. Hier würde sich wohl lohnen, noch einmal in Qualifizierung zu investieren. Denn man wirkt schlecht beraten, die Problemlösung kommt ziemlich hilflos daher, vielleicht sogar stümperhaft.