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Turbulenzen über Berlin: Nicht nur der Landesverband des BSW braucht eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Vision!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Vorstandsmitglied tritt nach ‚Hetzkampagne‘ ab: Die Turbulenzen beim Berliner BSW halten an“ (aus: „Tagesspiegel“ vom 27.01.2026)

Wie anfällig noch junge Parteien dafür sind, dass sie sich im Ringen um Ausrichtung und Position dem öffentlichen Rampenlicht preisgeben, von manch persönlicher Revanche heimgesucht werden, einem lauten Knall, enttäuschten Gefühlen, Ablehnung und Rückweisung, zeigt sich aktuell am BSW in Berlin. Der Vorsitzende im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, Philippe Gouverneur, hat seine Funktion als Landesbeisitzer aufgegeben, beklagt in diesem Zusammenhang schwere Missstände. Es sei zu einer wochenlangen „Hetzkampagne“ gekommen, die viele Mitstreiter in der Partei erschüttere. Worum es konkret ging, darüber liegen bislang keine Hintergrundinformationen vor. Ausdrücklich soll die Reaktion nicht primär im Zusammenhang mit seiner knappen Niederlage um Platz sechs auf der Liste für die Abgeordnetenhauswahl stehen. Er unterlag Herausforderin Wiebke Diehl, muss sich jetzt mit dem achten Rang zufriedengeben. Insgesamt sei es auf dem Parteitag am 24. und 25. Januar 2026 zu „hässlichen Szenen“ gekommen, weil zahlreiche Kampfkandidaturen die Versammlung in die Länge zogen, teils mit harten Bandagen gekämpft wurde, wohl auch unterhalb der Gürtellinie.

Ein Projekt des lagerübergreifenden Zusammenkommens birgt das Risiko der Fliehkräfte…

Anwürfe gab es auch in Richtung Chefetage. Abseits davon, dass angeblich auf unterschiedlichen Ebenen Stimmung gegen Gouverneur gemacht wurde, lag wohl bis zum vergangenen Wochenende kein Programm vor, mit dem man in den Urnengang im Herbst gehen möchte. Man weiß, dass die noch junge Kraft in der Hauptstadt von besonders polarisierten Flügeln dominiert wird. Hier geht es auch um die außenpolitische Richtung, um die Frage zwischen grün-sozial und Pragmatismus. Wer nun tatsächlich einer verächtlichen Stimmung ausgesetzt war, aus welchen Beweggründen, in welcher Motivation, all das sind vertrauliche Streitigkeiten, die eigentlich nicht an die große Glocke gehängt werden sollten. Entsprechend forderte Landeschef Alexander King Geschlossenheit ein, zeigte gleichsam Verständnis für die Zerknirschtheit, die offenbar an der Basis herrscht. Trotzdem sieht er das Aufbauschen einer einzelnen Personalie als übertrieben an, schließlich menschelt es überall dort, wo Macht verteilt wird. So kann die Führung zwar zur Räson rufen, doch der Geist von Einheit bleibt unabdingbar.

Natürlich darf der menschliche Umgang nicht leiden, aber Rivalität ist nichts für außen…

Manchmal muss man die eigenen Interessen und Befindlichkeiten in den Hintergrund rücken, insbesondere dann, wenn man sich als Bewegung und Projekt im Aufbau wähnt. Das lagerübergreifende Bündnis von Sahra Wagenknecht hat Charaktere zusammengebracht, die ideologisch unterschiedlich beheimatet sind. Ein solches Vorhaben birgt nicht nur Chancen, sondern vor allem Risiken. Bei allen Mitstreitern muss die Erkenntnis reifen, dass es ein vereinbartes Ziel gibt. Wer anders als die Etablierten sein möchte, der verzichtet auch auf das klassische Karrieretum. Die Sache, Prinzipien und Ideale sollten lenken, darüber müssen sich auch jene im Klaren sein, die nun beschuldigt werden, in blanker Rivalität zu Gouverneur querzuschießen. Die Mahnung zu Verantwortung und Zurückhaltung darf nicht verhallen, geht es schlichtweg um die Existenzfrage. Denn die Umfragen lassen Bedeutungslosigkeit erkennen, man schwankt um die drei Prozent. Da hilft es am Ende nichts, wenn man sich gegen einen internen Konkurrenten durchgesetzt hat, aber in der außerparlamentarischen Opposition aufwacht.

Nicht nur für den Landesverband gilt die Pflicht zur Disziplin, mit Blick auf die Umfragen…

Die Doppelspitze sieht sich in der Pflicht, zur Befriedung beizutragen. Doch Turbulenzen einzufangen, für Stabilität zu sorgen, das ist leichter gesagt als getan, wenn es am Gemeinsinn mangelt. Hier muss also die ursprüngliche Vision zurück ins Gedächtnis geholt werden, mit der man angetreten war, sowohl die AfD wie auch die Linke herauszufordern. Dieser Spagat kann nur gelingen, wenn man sich nicht in Zerstrittenheit und Spannung verliert, sich zudem vom Pressespiegel distanziert, der bis heute einen „Nationalbolschewismus“ unterstellt, statt das BSW als unideologische Option im Auftrag von Pazifismus, Vernunft und Gerechtigkeit wahrzunehmen. Imagepflege scheint ein Stichwort, genauso, wie ein Beschleunigen von Prozessen. Bisweilen braucht es Durchsetzungsstärke, um Kosten und Nerven zu sparen, auch unliebsame Vorstöße zu implementieren, nicht auf sämtliche Gemütszustände Rücksicht zu nehmen. Die Mobilisierung der eigenen Unterstützer ist maßgeblich abhängig davon, ob man mit seinen Inhalten wie Mietpreisdeckel, Direktdemokratie oder Bildungsreform Gehör findet. Hierfür müssen allerdings zunächst einmal die Störgeräusche verstummen.