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Der Vorteil für Irans Revolutionäre: Dank moderner Medien und flinker Dezentralisierung geraten die Mullahs ins Hintertreffen…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Regierungskritische Proteste: Zahl der Toten im Iran steigt auf mehr als 60“ (aus: ZEIT Online vom 09.01.2026)

Noch im Dezember war von den aufkeimenden Protesten im Iran kaum etwas zu vernehmen. Schon damals gingen die Menschen wegen der Hyperinflation auf die Straßen, die kollabierende Währung brachte das Volk auf. Lebenshaltungskosten waren ins Uferlose gestiegen. Sukzessive haben die Demonstranten jegliche Schuld dem Regime zugeschrieben, mittlerweile wurde aus einem Aufstand eine versuchte Revolution. Man gibt sich nicht mehr zufrieden mit Reformen, sondern beabsichtigt den Sturz der Mullahs. Besonders im Fokus ist der oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei. Die Unruhen breiten sich auf das gesamte Land aus, Schwerpunkte sind dabei Teheran und die größeren Städte.

Externe Faktoren könnten die Mullahs dieses Mal tatsächlich in die Knie zwingen…

In der Metropole allein wurden mindestens 200 Menschen getötet, in den Provinzen noch einmal 60 weitere. Die Situation ist unübersichtlich und höchst instabil. Denn offenbar ziehen die Repressionen nicht mehr – und die Gefahr für einen Umbruch wächst. Denn im Vergleich zu früheren Eskalationen scheinen die Intensität und der Wille dieses Mal deutlich stärker. In mehreren Gemeinden wurde die Kontrolle bereits übernommen, die Dynamik ist unübersehbar. Die Anweisung durch die autoritären Machthaber, die Rebellion niederzuschlagen, scheint nur bedingt erfolgreich zu sein. Mittlerweile wird berichtet, dass die Polizei an einigen Stellen übergelaufen ist, sie applaudiert gemeinsam.

Angeheizt wird die Gemengelage durch den Aufruf von Kronprinz Reza Pahlavi, der aus dem Exil dazu ermutigte, Feuer des Widerstandes zu entzünden. An die Opposition soll es Waffenlieferungen aus Aserbaidschan und Kurdistan geben, auch eine großzügige Finanzierung der USA dürfte im Hintergrund ablaufen. Ohnehin hat sich der dortige Präsident Trump wiederholt zu Wort gemeldet, eine direkte Intervention angedroht. Man sei auf ein unmittelbares Eingreifen vorbereitet, insbesondere dann, wenn breitflächig gegen die Bürger vorgegangen werde. Die Sehnsucht nach der säkularen Monarchie ist lauter zu vernehmen denn je. Völlig unrealistisch erweist sie jedoch nicht.

Die Ausgangslage ist verändert, durch technische Fortschritte und mediale Vernetzung…

Zwar ist die autoritäre Regierung resilient, antwortet mit Gewalt, der Drosselung von Internet und Kommunikation, kann auf die Islamischen Garden bauen. Wenn es jedoch zu massenhafter Zerrüttung in der Elite oder Sabotage zentraler Strukturen kommt, die für einen Kollaps notwendig wären, ist nichts ausgeschlossen. Externe Faktoren könnten kippen, die Sanktionen Amerikas verstärken den ökonomischen Druck, die Schläge auf nukleare Anlagen im Juni schwächten das System. Sollten Generalstreiks durchgehalten werden, wie sie momentan kurdische Gruppen fordern, sind Konzessionen unumgänglich. Auch die Frage über die Nachfolge hochrangiger Köpfe dürfte zur Erosion beitragen.

Blickt man in die Geschichte, so war es insbesondere die „Grüne Bewegung“ aus den 2000er-Jahren, die nach einem potenziellen Wahlbetrug auf die Plätze rief. Hunderte Opfer waren zu beklagen, doch die Phase zeigte zunehmend eine Verschiebung der Verhältnisse. Man agierte fortan dezentraler, nutzte soziale Medien für die Koordination von Auflehnung und Tumult. Schließlich grassierten Korruption und Armut, Benzinpreiserhöhungen kamen hinzu. Ein Gemisch aus Wut, Resignation und Trotz ließ auch Arbeiter, Frauen und Minderheiten kaum noch schweigen. Die Welle schwappte in jedes Dorf über. Und dieses Fundament könnte den Unterschied machen, es ist die Wurzel der Hoffnung.