Zurücktreten, um wieder anzutreten: Werter FDP-Vorstand, tut mir leid, aber Sie haben den Ernst der liberalen Lage überhaupt nicht verstanden!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Bundespolitik: FDP-Vorstand tritt geschlossen zurück – Neuwahlen im Mai“ (aus: Süddeutsche Zeitung vom 23.03.2026)

Seit 77 Jahren gehört die FDP zur Parteienlandschaft in Deutschland. Doch nie in ihrer Geschichte steckte sie in einer derart tiefen Krise wie aktuell. Nach dem Bruch der Ampel-Koalition Ende 2024 und dem Ausscheiden aus dem Bundestag bei der Wahl 2025 fuhr sie weitere Niederlagen ein. Derzeit dümpelt sie in Umfragen auf nationaler Ebene zwischen drei und vier Prozent, viele Bürger halten sie mittlerweile für verzichtbar. Nur noch in sechs von 16 Landesparlamenten ist sie vertreten, jüngst erst flog sie in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aus dem Plenum. Sie verliert fast durchgehend, holte in Brandenburg, Sachsen und Thüringen gerade einmal rund ein Prozent der Stimmen. In ihren Hochburgen dringt sie kaum noch durch, der Identitätsverlust ist massiv. Nach einem ersten Schuss vor den Bug hatte man sich wieder aufgerappelt, doch dieses Mal scheint es sogar an der Ambition zu fehlen, überhaupt zurückkehren zu wollen. Da hatte man sich 2014 Karlsruher Thesen auferlegt, um das Profil neu zu schärfen. Geblieben sind davon Schall und Rauch.

Eine Rückkehr ins Parlament, diese Ambition scheint es im Augenblick gar nicht zu geben…

Im Bündnis mit SPD und Grünen rieb man sich ab. Das Miteinander wurde als chaotisch, zerstritten und blockierend wahrgenommen. Wesentliche Kernthemen der Liberalen konnte man nicht umsetzen. Stattdessen mutierte man zum Mitverantwortlichen in Sachen Wirtschaftsabschwung. Fatal für eine Kraft, die sich vor allem über ökonomische Expertise definiert. Bisweilen nimmt man die Freien Demokraten als elitär wahr, teilweise unzuverlässig, ohne klare Abgrenzung und Verortung im ideologischen Spektrum. Unterstützer wanderten zur CDU und AfD ab, in einer Zeit großer Unsicherheit erscheint das alleinige Setzen auf Freiheit nicht als hinreichende Lösungskompetenz. Man hat keine stringente Antwort auf die Themen der Gegenwart gefunden. Die FDP lamentiert bei der Migration, bei der Zunahme von Kriminalität und Gewalt, bei der Transformation, beim Gendern oder den Grundrechten. Außenpolitisch erscheint sie einseitig, Marie-Agnes Strack-Zimmermann macht sich zum Sprachrohr der Ukraine, statt deutsche Interessen in den Fokus zu rücken.

Wer FDP wählte, muss sich rechtfertigen: Der bisherige Vorstand war zum Fremdschämen!

Hingegen ist Christian Dürr für seine flapsigen, unbeholfenen und peinlichen Auftritte in den sozialen Medien bekannt. Er präsentiert sich in kurzen Videos, gibt sich dort jugendlich und modern, aber gleichsam nicht gemacht für die Viralität. An inhaltlicher Kante vermisst man bei ihm viel, könnte wohl kaum sagen, ob er Idealen und Prinzipien nahesteht. Und genau dieser Umstand ist die Krux: Welche Alleinstellungsmerkmale machen die FDP heute noch aus? Bei Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle und auch Christian Lindner konnte man auf diese Frage eine Antwort geben. Doch im Moment bleibt man achselzuckend zurück, wollte man sie umschreiben oder charakterisieren. Wo ist das Bekenntnis zur radikalen Mitte, zur bürgerlichen Reformkraft, zur Entbürokratisierung, dem Aufstieg durch Leistung, Digitalisierung, weniger Staat, Marktmacht, Verfassung, Verteidigung und Europa? Nicht der EU-Zentralismus, nicht das Mitmischen in fremden Kriegen ist gewollt. Stattdessen eine Umkehr in Richtung Souveränität und Eigengestaltung, Autonomie und Unabhängigkeit.

Vertane Chance: Es gäbe so viele Gesichter, die den liberalen Geist neu beleben könnten!

Entwicklung und Prosperität ohne Verbote, Gängelung und die Einflussnahme durch Dritte, all diese Maßstäbe sind verloren gegangen auf dem Weg, den man mit Genossen und Habeck gemeinsam ging. Wenn nunmehr der Vorstand zurücktritt, um sich umgehend wieder zur Wahl zu stellen, dann zeigt dieser Vorgang, wie uneinsichtig man ist. Es bräuchte frische Köpfe, unverbraucht und motiviert, die die Wurzeln wieder ausgraben, sich auf das besinnen, was die Gründungsväter 1948 an Gesinnung und Mentalität festlegten. Linda Teuteberg oder Alexander Steffen würde man den Wandel zutrauen. Auch Nicole Büttner, Katja Suding oder Jens Teutrine könnten für Aufbruch und Orientierung stehen. Sie haben verinnerlicht, was schiefläuft. Und sie bringen Rezepte mit, wie man die Probleme bewältigt. Mit stringenter Oppositionsarbeit, auf Tuchfühlung mit der Basis, durch Präsenz in den Kommunen, samt der Erzählung von Zuversicht und Vertrauen. Die derzeitigen Protagonisten sind hingegen angezählt. Sie können ihrer Partei nur noch einen Gefallen tun: Den Platz räumen.

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