Der lange Arm Jerusalems: Inakzeptable Einflussnahme der Israelischen Botschaft auf die Pressefreiheit des Magazins „Compact“!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Krieg im Nahen Osten – Deutsche Medien zum Iran: Mehr Propaganda als Journalismus“ (aus: „neues deutschland“ vom 12.03.2026)

Was passiert, wenn man als Journalist auf der Plattform X Zweifel daran hegt, ob der momentane und häufig euphemistisch dargestellte „Militäreinsatz“ in Iran tatsächlich zur „Befreiung“ der dortigen Menschen vom Regime dient, um ganz prinzipiell in Frage zu stellen, inwieweit es in einer radikal islamisch geprägten Welt überhaupt möglich scheint, eine Demokratie nach hiesigem Vorbild zu errichten? Dann muss man im Zweifel mit einer Antwort der israelischen Botschaft in Deutschland rechnen. So erlebt hat es Kollege Dominik Maximilian Reichert. Als Reporter und Korrespondent des Magazins „Compact“ nimmt er bekanntermaßen eine kritische Haltung mit Blick auf den sogenannten Wertewesten ein, der sich immer wieder dazu aufschwingt, territoriale Integrität und staatliche Souveränität zu durchbrechen, um unter mannigfaltigen Vorwänden für Chaos und Unruhe zu sorgen. Diesmal soll es das fortgeschrittene Atomprogramm gewesen sein. Die Beweise hierfür sind ungefähr so konsistent wie damals jene, als man in den Irak einmarschierte, um hinterher zu gestehen, dass es gar keine Massenvernichtungswaffen gab.

Der Einfluss auf die journalistische Freiheit durch Israels Botschaft ist nicht hinnehmbar!

Es ist dreist und unverschämt, dem Presseschaffenden zu unterstellen, er gehe nicht davon aus, dass die Bevölkerung in Teheran zum Aufbau einer liberalen Ordnung fähig sei. Stattdessen sprach er eine Realität aus, wonach nicht nur die Mullahs wenig Interesse an einem System unserer Prinzipien haben dürften, ist es doch nicht zwingend zur bloßen Kopie geeignet. Er unterstrich, dass die zu respektierende Überzeugung in der fernen Gesellschaft eine breite Verhaftung findet, wonach Autorität und Theokratie die bessere Variante seien. Eine Erkenntnis, die schlichtweg aussagt, dass die Übergriffigkeit der USA und ihrer Verbündeten bisher stets dazu führten, Sitten, Ethik und Normen jenen aufzunötigen, die ihrerseits einen Anspruch darauf haben, anders zu denken, zu empfinden und sich zu entwickeln, als wir dies für populär und angebracht halten. Was maßt sich die diplomatische Vertretung Jerusalems auf hiesigem Boden an, einen Akteur der vierten Gewalt öffentlich bloßzustellen, anzuprangern und ihn vielleicht gar zu bedrohen? Immerhin forderte man zu einer „breiten Koalition“ gegen Linksaußen auf, zum Untergraben legitimer Meinung.

Es muss auch in Deutschland möglich sein, kritisch Stellung zu Netanjahu zu nehmen!

Reichert ist zweifelsohne berühmt für manch provokative These. Er stellt den Typus des Unbequemen dar, setzt sich inständig ein für eine ausgeglichene Perspektive hinsichtlich des Krieges in der Ukraine, nicht für eine Relativierung der Schuld Moskaus, aber für ein Verständnis, welche Vorgeschichte dazu geführt haben könnte, dass sich der Kreml zum Handeln gedrängt sah. Nein, er macht keinen Hehl daraus, dass er Washington und dem transatlantischen Bündnis mit größtem Argwohn gegenübersteht. Doch wie viel Reaktion darauf ist erlaubt, hat hier ein Abgesandter Netanjahus möglicherweise die Grenze der versuchten Manipulation überschritten? Es tobt eine Auseinandersetzung um die angebliche Wahrheit. Sie wird es allerdings nie geben, solange die Propagandaschlacht nur bedingten Zugang zu gesicherter Information lässt. Tatsache ist jedoch, dass auch Experten in der Gangart von Trump ein Stück weit Heuchelei entdecken. Unsere Staatsräson wiederum darf man völlig zurecht als eine Scheuklappe gegenüber zulässiger Kritik am Handeln von Israels Regierung werten, die nicht gleichzusetzen ist mit Ressentiments gegenüber dem jüdischen Volk.

Es gibt eine legitime Zweitmeinung zum Angriffsgebaren von Amerikas Wertewesten…

Antisemitismus scheint mittlerweile zum Totschlagargument geworden zu sein. Sobald man Skepsis daran äußert, ob eine Fehde bis zu Ende gedacht ist, wenn der Ajatollah zwar „eliminiert“ wurde, nun aber sein Sohn auf dem Thron sitzt. Hier wie da möchten jene, die eine bedingungslose Unterstützung für alles einfordern, was vom Heiligen Land in unsere Stammbücher diktiert wird, eine Position überstülpen, die die Sicht auf das subjektiv zum moralisch Hehren verklärte Denken verengt. Da kann man durchaus von einer Abdankung historischer Verantwortung sprechen, weil man Nationalsozialismus und Holocaust instrumentalisiert, um das Stimmungsbild von heute gänzlich auf eine Seite zu ziehen. Wie notwendig und essenziell ist in dieser tendenziösen Situation jeder einzelne Widerspruch, der die kollektive Haltung in ihrer Naivität stört. Außer Thesen ist bislang wenig gewesen, was der amerikanische Präsident durch seinen Angriff verursacht hat. Die Erzählung, man wolle entfesseln, zum Umsturz befähigen, sie könnte auf halber Strecke zu einem neuerlich desaströsen Rohrkrepierer werden. Und wenigstens Reichert hat ihn vorhergesehen.