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Knistern oder Knirschen im Gebälk? Die AfD in Sachsen-Anhalt schwankt vor der Landtagswahl zwischen Hochspannung und Kurzschluss…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Parteiausschlussverfahren: Warum es in der AfD Sachsen-Anhalt rumort“ (aus: „Tagesschau“ vom 07.01.2026)

Sie gilt als eine der wichtigsten Richtungsentscheidungen im Superwahljahr 2026. Sachsen-Anhalt bestimmt den Landtag neu, am Abend des 6. Septembers werden die Würfel gefallen sein. Gibt es zum ersten Mal in der bundesrepublikanischen Geschichte einen Ministerpräsidenten der AfD, der darüber hinaus mit einer absoluten Mandatsmehrheit alleine regieren kann? Die Umfragen lassen diese Option momentan durchaus zu, denn es fehlt nicht mehr viel, dass Ulrich Siegmund seinen Traum in die Realität umsetzen kann. Doch auf den letzten Metern scheint der Weg noch einmal holprig zu werden. Der von vielen Medien als „Posterboy“ dargestellte Spitzenkandidat reitet auf einer Welle der Sympathie durch seine Anhänger. Ihm werden Bodenständigkeit und Bürgernähe nachgesagt, der Wirtschaftspsychologe kann die Massen mitreißen, wird authentisch und glaubwürdig, punktet mir klarer Rhetorik und brillanter Eloquenz.

Zwei Rauswürfe in Folge, die in enger Verbindungen zueinander stehen…

Doch nun tauchte zunächst die Ankündigung von Jan Wenzel Schmidt auf. Der Bundestagsabgeordnete aus Magdeburg sah sich seinerseits dem Anwurf ausgesetzt, in seinem Büro auf dubiose Anstellungsverhältnisse gesetzt zu haben. Nunmehr ließ er im Dezember verlautbaren, sich im neuen Jahr mit Details über mögliche Vetternwirtschaft im Landesvorstand zu Wort zu melden. Belege dafür sollen geliefert werden, dass hochrangige Funktionäre Privatfahrten als dienstlich etikettiert, falsche Abrechnungen ausgestellt und unberechtigte Zahlungen an Verwandte vorgenommen haben. Inwieweit diese Behauptungen substanziell sind, bleibt zunächst abzuwarten. Für alle Beteiligten gilt bis zum rechtskräftigen Abschluss die Unschuldsvermutung. Siegmund selbst soll nicht verwickelt sein, Missstände allenfalls gedeckt haben. Es gibt parteiinterne Vorladungen und Ermittlungen, die über Monate andauern könnten.

Eine solche Last auf dem Schlussspurt kommt denkbar ungelegen. Sie paart sich mit einer weiteren Personalie. Matthias Lieschke, der als Schatzmeister der AfD in Sachsen-Anhalt fungiert, wurde kürzlich aus der Fraktion ausgeschlossen. Er habe ein internes Treffen heimlich mitgeschnitten und die Aufnahme weitergeleitet. Der Inhalt soll sich um den vorgenannten Jan Wenzel Schmidt drehen, was die Angelegenheit besonders brisant macht. Debattiert wurde währen des Termins dessen Zukunft, der Vorfall offenbart eine tiefe Gespaltenheit vor Ort. Fürchtet man das Durchstechen von diffizilem Material? Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Wahlkämpfe schmutzig werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn man weit an die Macht vorgerückt ist. Sollen die Affären Siegmund treffen, auf den letzten Metern den Erfolg kosten? Zumindest steht diese Überlegung im Raum. Wie so oft spielen persönliche Interessen, Motive und Gefühle mit, Neid gehört dazu.

Zur Herausforderung dürften inhaltliche Schwächen werden, nicht die lancierte Kampagne…

Immerhin sonnt sich der Hoffnungsträger im Rampenlicht, wird bisweilen als eine gottgleiche Erscheinung mit Aura und Charisma beschrieben. Da können gezielt lancierte Kampagnen und Medienberichterstattung durchaus zum Rufschädigen genutzt werden, auch wenn Siegmund in all den Skandalen keine führende Rolle einnimmt. Sein Pragmatismus überwiegt den auch aus Gesprächen mit Menschen an der Basis hervorgehenden Vorhalt, das Lächeln auf Veranstaltungen und in Videos könne als Maske und Fassade wahrgenommen werden. Zwar werden sich hiervon stringente Sympathisanten nicht beeindrucken lassen, selbst wenn am Ende Klüngel und Seilschaften in seinem Umfeld nachgewiesen werden könnten. Die Erfahrungen zeigen, dass derartige Schlammschlachten allenfalls ein Gefahrenpotenzial von drei bis fünf Prozent Stimmenverlust in sich bergen. Für Fans wird der Havelberger ein Star bleiben, daran rütteln auch keine Stürme.

Beim Wähler genügt es, sie im Spätsommer mit Argumenten zu überzeugen. Und da kann der 35-Jährige durchaus noch an Substanz zulegen. Bisher weiß man von ihm vor allem, dass er sich für Remigration und eine Abschaffung der Rundfunkstaatsverträge einsetzt. Auch sein Engagement für den Erhalt der Kliniklandschaft ist bekannt. Insgesamt fordert er eine Fokussierung des Sozialsystems auf deutsche Transferleistungsempfänger. Doch gerade mit Blick auf Bildung, Wohnen, Verkehr, Infrastruktur oder Landwirtschaft dürfte die Handschrift konkreter sein, da stochert der Beobachter auf der Suche nach gehaltvollen Aussagen ziemlich im Nebel. Die Außenerscheinung ersetzt nicht den Inhalt, auf dessen Grundlage im Zweifel auch ein Koalitionsvertrag geschrieben werden muss.