„Da denkst du plötzlich an deine Löffelliste…“: Wie ich zwischen Parkinson, Nierenversagen und Lebertumor den Sinn des Leids zu verstehen lernte!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Er machte Landsleuten mit seinen Liedern Mut: Lebenslust und Leid – Vor 350 Jahren starb Paul Gerhardt“ (aus: Konradsblatt“ vom 26.05.2026)

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern: Als ich vor ungefähr 16 Jahren an der Universität für Bildungswissenschaften eingeschrieben war, da beobachtete ich eine Auffälligkeit an mir, die auch deshalb so ungewohnt war, weil ich stets als ein Mensch galt, der sehr leicht lernt, sich Dinge gut merken kann, fast schon ein fotografisches Gedächtnis hatte. Ich rasselte durch die Prüfung, man hätte von einem Filmriss sprechen können. Heute weiß ich, es waren die ersten Anzeichen einer schwerwiegenden Erkrankung. Mein Studium musste ich abbrechen, konnte die notwendige Konzentration nicht mehr aufbringen, der Arbeitsspeicher im Kopf schien defekt zu sein. Etwa 2014 folgte ein feinschlägiges Zittern, insbesondere linksbetont. Innerhalb von Monaten wackelte dann auch der Kopf. In der neurologischen Abteilung konnte man sich keinen wirklichen Reim darauf machen, obwohl es weitere Befunde gab, die aufhorchen ließen. Eine diffuse Schmerzsymptomatik beispielsweise, vor allem aber eine massive Verlangsamung in den Bewegungs- und Denkabläufen, die fast schon einer Zeitlupe ähnelten. Orthopädisch wurde ein allseits erhöhter Muskeltonus festgestellt, ich empfand eine Ganzkörperspannung. Und so langsam verdichteten sich die Hinweise, dass da mehr sein könnte als „nur“ ein funktionelles oder sekundäres Geschehen, welches in Verlegenheit auf das psychosomatische Abstellgleis verschoben wird.

Wenn du in einem ungewohnten Alter mit dieser Diagnose konfrontiert wirst, weinst du…

Nach einer umfassenden klinischen Diagnostik wurde erstmals ein Verdacht geäußert. Eine atypische Variante des Parkinson-Syndroms dürfte vorliegen, die auch in meinem Alter durchaus vorkommen kann. Letztlich war ich mit Krankheiten stets vertraut. Über 20 Jahre hinweg litt ich an einer Zwangsstörung, an teilweise tiefgreifenden Depressionen, Bipolarität und Psychose. Ein gutartiger Tumor in der Hypophyse hatte den Hormonstoffwechsel durcheinandergebracht, schon früh war eine Myopathie und Polyneuropathie gesichert worden. Der Diabetes mellitus trat hinzu, ein Grüner Star ebenfalls. Zahlreiche Hörstürze hinterließen ihre Spuren, eine Osteoporose stand im Raum. Nebenbei wurde eine Einblutung im Kleinhirn festgestellt, später dann ein Adenom in der Leber. Was vorerst nicht zuzuordnen war, die regelmäßigen Ohnmachtsanfälle. Wie aus dem Nichts fiel ich um, weil der Blutdruck ohne erkennbaren Grund in den Keller rauschte. Mittlerweile ist klar, dass diese orthostatische Dysfunktion Teil des Ganzen ist. Eine inkomplette Halbseitenlähmung fügte sich an, die Magenentleerung streikte immer öfter. Kurzzeitig begegnete ich dem Jenseits im Rahmen eines Nierenversagens, eine Herzschwäche hatte sich ebenso manifestiert wie optische Halluzinationen. Ich suchte Schlüssel und Fernbedienung, wurde fündig in Kühlschrank und Backofen. Ein Schreckgespenst machte die Runde.

Die düstere Prognose der wissenschaftlichen Literatur habe ich bereits hinter mir gelassen…

Eine symptomatische Therapie wurde begonnen, 2019 dem Kind dann endgültig ein Name gegeben. Weil ich auch die Augen nicht mehr adäquat nach oben und unten kreisen lassen konnte, sich mein Rumpf immer weiter nach vorne neigte, Sturzgefahr bestand. Plötzlich wirst du mit dem Thema Erwerbsunfähigkeit konfrontiert, Schwerbehinderung und Pflegebedürftigkeit. Von einem Alltag, wie du ihn kanntest, war kaum noch etwas übrig. Als Mittdreißiger fühlte ich mich plötzlich wie mit 80. Der Schlaf verlagerte sich vor, mein Wachrhythmus lag kurzerhand zwischen 0 und 18 Uhr. Ein bisschen Harninkontinenz, deutlich mehr kognitive Defizite. Die Haltung konnte ich nur noch schwer koordinieren, die Mimik fror ein, das Gesicht wirkte salbenartig. Glücklicherweise schlugen manche Medikamente messbar an, insbesondere der Tremor ließ sich handhaben. Dennoch befasste ich mich auf einmal mit dem Gedanken dieser Eimerliste, wenn man sich gewahr wird, irgendwann den Löffel abgeben zu müssen. Von den eigenen Eltern betreut zu werden, also den Normalfall umzukehren, das war nicht immer leicht, zu verdauen. In den Schaukelstuhl wollte ich mich keinesfalls zurücklehnen, auch wenn es mir angeraten wurde. Noch im Anfangsstadium zog ich meine Ausbildung zum Journalisten durch, hatte es mir zum unmissverständlichen Ziel gemacht, nicht völlig ungebildet in den Ruhestand zu wechseln.

Wie will man die Schönheit des Lebens begreifen, wenn man seine Abgründe nicht kennt?

Als diszipliniert soll ich gelten, fast schon einen stoischen Charakter haben. Nicht per se das Leiden wirkt ungerecht, allenfalls seine Verteilung. Morgen werde ich 41, dürfte laut medizinischer Prognose gar nicht so weit gekommen sein. Möglicherweise liegt das Gegenteil darin begründet, dass ich den Sinn in der Passion fand, denn ohne Qual ist kein Respekt vor Schöpfung und dem Dasein. Nur jener, der im Tal aufschlägt, wird die Schönheit des Gipfels begreifen können. Eine Katharsis zu durchlaufen, das ist kein Scheitern. Größe zeigt sich in Erdung, der Achtung vor den kleinen Dingen. Wie viel rauscht selbstverständlich an uns vorbei, welche Augenblicke halten wir zwar mit dem Smartphone fest, zehren aber nicht von ihrer Einzigartigkeit. Die Pflicht habe ich erfüllt, nun befinde ich mich mitten in der Kür. Da denkt man darüber nach, wie viel Kraft und Energie man noch aufwendet. Beispielsweise auch dafür, sich täglich mit Politik und Gesellschaft zu befassen, in einer oberflächlichen und schnelllebigen Welt. Die Konsumgesellschaft setzt auf polarisierte Information, da rückt mein publizistisches Unterfangen in den Hintergrund. In Anbetracht der Fragilität meiner Biografie und der individuellen Zukunft wird es ruhiger, wahrscheinlich sogar stiller um mich. Denn der Fokus rückt davon ab, nur zu dienen. Auch ich selbst habe einen Wert, um den es sich nunmehr zu kümmern lohnt.