Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „AfD Niedersachsen: WhatsApp-Chat befeuert die Untreue-Vorwürfe gegen Ansgar Schledde“ (aus: NDR vom 02.03.2026)
Der Landesverband Niedersachsen der AfD kommt kaum zur Ruhe. Nicht erst seit zwei Brandbriefen von Europamandatarin Anja Arndt und ihren Mitstreitern an Alice Weidel hängt der Haussegen schief. Was ist los in Hannover, wie groß sind die Missstände um Vorstand Ansgar Schledde tatsächlich? Es sind gravierende Anwürfe, die im Raum stehen. Von Machtkonzentration, Vetternwirtschaft und Korruptionssumpf ist die Rede, sogar von einem „Terror-Netzwerk“ spricht man ohne vorgehaltene Hand. Wird die Partei wirklich für eine persönliche Bereicherung missbraucht? Hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt, wonach Steuermittel an Bundestagsabgeordnete zumindest teilweise gen Nordwesten der Republik abgedrückt werden mussten, um sich bessere Listenplätze und einen guten Leumund zu sichern? Sind 35 Prozent des Budgets für Büroangestellte fällig gewesen, um einen gewissen Stand zu halten? Hat man 1,5 Millionen Euro pro Jahr zweckentfremdet? Umging die Hierarchie innerdemokratische Prozesse, wurden Kritiker systematisch tyrannisiert, Loyalisten hofiert? Und wie viel Widerspruch ließ man zu, wie sehr versagte die Kontrolle?
Der Entzug der Mitgliederrechte fußte allein auf einer beweislosen Abwehrreaktion!
Man könnte von „Aussage gegen Aussage“ sprechen. Doch blickt man auf die Konsistenz der Beweise, die eine Graswurzelbewegung um die 60-Jährige vorlegen konnte, so muss man bei distanzierter Betrachtung feststellen: Die Argumente scheinen auf der Seite jener zu sein, welche nunmehr aufbegehren. Und auch das alte Sprichwort scheint sich zu bewahrheiten, dass getroffene Hunde bellen. Reflexartig hat man versucht, die Wangerländerin politisch kalt zu stellen, ihr die Mitgliedsrechte zu entziehen. Man möchte sie loswerden, hat beim Schiedsgericht entsprechend interveniert. Auch gegen Sohn Simon geht die Führungsriege vor, dabei war ein entsprechendes Verfahren auf Bundesebene schon einmal krachend gescheitert. Und auch dieses Mal entpuppt sich das Manöver als durchsichtig, vollmundig, aber letztlich substanzlos. In einem vorliegenden Schreiben teilt man lediglich mit, dass die Gründe für einen vom Landesvorstand mit notwendiger Mehrheit beschlossenen Prozess zum sukzessiven Parteiausschluss in „unwahren Aussagen“ liegen. Doch wo ist der Beleg dafür, dass die aufgestellten Behauptungen falsch sind? Diese vermisst man bis heute.
Von einem schädigenden Verhalten wird gesprochen, weil sich jemand getraut hat, „diffamierende Beiträge zum Nachteil von Partei und demokratisch gewählten Repräsentanten in die Öffentlichkeit zu tragen“. Nur jener, der möglicherweise etwas zu verbergen hat, bedient sich der Mittel von Einschüchterung, Repression und Postulaten. Denn mehr als eine These stellt Schledde nicht in den Raum. Der Frontmann suggeriert, die Vorwürfe seien völlig aus der Luft gegriffen, wären verleumderisch. Merkwürdig nur, dass bereits 2024 durch die Staatsanwaltschaft angestrengte Ermittlungen gegen ihn bis heute nicht abgeschlossen sind. Auch damals ging es um einen einschlägigen Verstoß, nämlich um schwarze Kassen, um ein Abzweigen von Spenden, eine illegale Finanzierung. Die Unschuldsvermutung gilt weiterhin, doch ein Beigeschmack bleibt. Es gibt Unterstützungsunterschriften und eidesstattliche Erklärungen aus dem Umfeld des 48-Jährigen. Doch die Gegenseite steht keinesfalls blank da. Sie präsentiert schriftliche Zeugenaussagen von teils ehemaligen Funktionsträgern und einfachen Leuten, ebenfalls Versicherungen, auf die man schwören könnte.
Zwischen dem Kampf um Machtressourcen und einem ideologischen Stellvertreterkrieg…
Worum es am Ende geht, lässt sich aus der Mitteilung Schleddes an Arndt ebenfalls entnehmen. „Die inneren Strukturen der Partei“ sollen „aufrechterhalten“ werden. Man könnte übersetzen: Niemand soll ein errichtetes System in Frage stellen, keiner die Herrscher in Bredouille bringen. Es bestünde eine „Gefahr“, ihre „Funktionsfähigkeit“ zu erschüttern, liest man dort als Rechtfertigung. Und fast schon neidisch erklärt man, dass Familie Arndt „medienerfahren“ handele, als „Insider“ wahrgenommen würde, als „Kronzeuge“ und „Akteur“. Da scheint jemand scheel dreinzuschauen, der selbst das Rampenlicht vermisst, seinerseits unterstellt, der Andere würde „keinerlei Einsicht“ zeigen. Es liegt also die Erwartung vor, klein beizugeben, wenn der König diesen Wunsch kundtut. Die Formulierungen dokumentieren eindrücklich, welche autoritäre Vorstellung in den Köpfen jener herrscht, welche sich offenbar ertappt fühlen in einer ziemlich schmutzigen Komödie, die einen ernsten Hintergrund hat. Immerhin sollte man nicht versäumen, die stellvertretenden Interessen im Blick zu behalten, die die gesamte Posse zu einem dramatischen Krimi und einer Schlammschlacht machen.
Denn da ist einerseits die Trennlinie zwischen den Karrieristen um den Landeschef, die ein eigentümliches Verständnis von Partizipation, Zusammenhalt und Unerschütterlichkeit prägen. Und den Geerdeten, die Ideale wie Ehrlichkeit und Transparenz hochhalten. Man könnte es als brutalen Ressourcenkampf beschreiben, was sich nicht mehr nur hinter verschlossenen Türen abspielt, sondern auch deshalb in den Fokus geraten ist, weil sich der Unmut von dutzenden Aufrührern Bahn bricht. In öffentlichen Messengern teilen sie ihre Erfahrung, berichten dezidiert, konsistent und plausibel über einen gewissen Modus Operandi, eine Handschrift der Unmoral, welche sich durch die elitäre Abgehobenheit der betroffenen Vorstände zieht. Möglicherweise sind auch ideologische Aspekte beteiligt. Arndt war einst dem „Flügel“ von Björn Höcke nahestehend. Schledde wiederum gilt als Gemäßigter in seinen Reihen. Doch es geht nicht primär um den Volksbegriff oder die Remigration, sondern um die schlichte Wegscheide in Richtung Zentralismus oder Föderalismus, für Potenz oder gegen Prestige. Das sind keine Kleinigkeiten, sondern da braucht es einen festen Entschluss.








