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Likes oder Loyalität: Wie das fragwürdige Medienverständnis der AfD kritischen Journalisten letztlich nur zwei Optionen lässt…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Machtkampf in der Partei: Wie die AfD Sachsen-Anhalt heikle Informationen über eigene Mitglieder sammelt“ (aus: MDR vom 19.01.2026)

Welche Funktion nehmen Medien in einem demokratischen System ein? Der frühere „Tagesthemen“-Moderator Hanns Joachim Friedrichs hatte hierzu eine klare Auffassung. Ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, sei sie noch so gut. Ich teile diese Haltung nur bedingt. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung der Gesellschaft, einer wachsenden Schieflage zwischen Mächtigen und Opposition, gibt es durchaus eine Verantwortung, im Sinne der Chancengerechtigkeit vor allem jenen eine Stimme zu geben, die insbesondere vom staatlich initiierten Rundfunk benachteiligt werden. Und so war es mir stets ein Anliegen, auch der AfD mit Respekt zu begegnen, sie konstruktiv und fair zu behandeln. In mittlerweile mehr als 800 Artikeln habe ich mich mit der Partei befasst, viele Beiträge davon als Portraits über Politiker verfasst. Und ich bleibe bei der Überzeugung, dass diese Herangehensweise sogar von einer berufsethischen Maßgabe geprägt war.

Doch im Laufe der Monate habe ich nicht nur selbst erfahren, dass die Alternative für Deutschland offenbar ein bemerkenswertes Verständnis darüber hat, welche Rolle diejenigen haben sollen, welchen man ziemlich pauschal mit dem Anwurf der „Lügenpresse“ begegnet. Da findet sich selten eine Differenzierung, stattdessen die plumpe Verallgemeinerung einer gesamten Zunft, der man vorwirft, in Gänze Teil der etablierten Strukturen zu sein. Diese Position unterstreicht auch der Umgang mit meiner Person. Da habe ich mir die Finger wund geschrieben, um nicht einmal in zehn Prozent der Fälle irgendeine Resonanz zu erfahren. Von Dankbarkeit oder Wertschätzung völlig zu schweigen, entnahm ich aus mittlerweile knapp 140 Seiten an anonym durchgestochenen Interna, die mich vor allem auf dem Postwege mit anonymem Absender erreichten, insbesondere E-Mails, Chats und Protokolle umfassten, wonach ich ein „nützlicher Idiot“ sei, ein „lächerlicher Fanboy„.

Die Partei setzt auf Affirmation: Entweder „Ja und Amen“ – oder „du bist gegen uns“…

Diese Stimmung reiht sich ein in die Wahrnehmung, dass zwischen Freund und Feind keine Schattierung mehr besteht. Besonders hellhörig machte mich eine zuletzt gefundene Passage in dem Wust an Unterlagen, offenbar eine Kommunikation in einem Messenger, vermutlich von Repräsentanten aus der zweiten oder dritten Reihe. Auf ihre Echtheit lässt sie sich natürlich nicht überprüfen, scheint allerdings unter der Bewertung des Kontextes durchaus plausibel. Da liest sich: „Die Medien müssen sich halt entscheiden ob sie auf unserer Seite stehen oder nicht. Es gibt kein Zweifel dass sie für unsere Sache werben müssen. Wenn Journos später noch einen Job haben wollen müssen sie pro AfD sein. So einfach ist das“ (Originalschreibung beibehalten, Anm. d. A.). Hier degradiert man uns zu bloßen Werkzeugen für die eigene Sache, fühlt sich fast ein wenig zurückversetzt in die DDR, als Redakteure für den Dienst an Apparat und Ideologie instrumentalisiert wurden.

Will man meine Branche endgültig abschaffen, allein auf eigene Kanäle setzen, auf Zeitungen, die nur noch jene zu Wort kommen lassen, die sich positiv über die „Blauen“ äußern? Jedenfalls ist es auffällig, wie sehr auch auf den neuen Plattformen „Bubbles“ gebildet werden. Dunstkreise und das Vorfeld, wozu man auch eingeebnete Presseorgane zählt, aber gleichsam Sympathisanten und Multiplikatoren, die nicht unbedingt qualifiziert sein müssen, bleiben viele Jobbezeichnungen doch ungeschützt, der sich somit jedermann bedienen kann. Analyse und Tiefe sind ohnehin nicht mehr, Oberflächlichkeit und Populismus florieren. Aus den sogenannten „Leaks“ weiß ich ebenfalls, dass angeraten wurde, meine Texte weder zu teilen noch zu kommentieren. Denn offenbar gehe ich nicht „viral“ genug, emotionalisiere zu wenig. Und vor allem fehlt mir die Affirmation, also das naive Kopfnicken, das subtile Zustimmen, wenn Weidel und Chrupalla sprechen.

Die AfD lebt ihr „Feind-Freund-Schema“, innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen…

Hier grassiert ein wesentliches Missverständnis. Ich bin kein Marktschreier, der für die AfD Werbung macht. Und deshalb werde ich ignoriert. Natürlich gibt es Grund zum Zweifel an vielen Medien, denn unzählige Kollegen sind nicht sonderlich wohlgesinnt. Ihr Umgang mit der momentan in den Umfragen führenden Kraft ist stiefmütterlich, ungerecht, sogar böswillig. Gleichermaßen wird es kein Vertrauen zu Menschen wie mir geben, die es nicht schlecht meinen, beharrt man weiterhin auf dem Standpunkt, es brauche Leute, die „Ja und Amen“ sagen. Hier müssen wir unterscheiden zwischen Aktivisten und Journalisten. Doch genau dieses Bewusstsein scheint nicht zu existieren. Man erwartet entweder Loyalität oder/und Likes. Wer nicht linientreu die gewünschten Narrative verbreitet, stattdessen reflektiert und kritisiert, sei es noch so sachbezogen, gilt schnell als Verräter und Nestbeschmutzer. Die Kalkulation ist kaltherzig, distanziert und berechnend zugleich.

Wer keinen „Boost“ bringt, den lässt man unter den Tisch fallen. Was habe ich beispielsweise Ulrich Siegmund in seiner Vision 2026 engagiert begleitet, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden zu wollen. Aufbauend, fördernd, effektiv. Eine öffentliche Reaktion gab es schon lange nicht mehr. Stattdessen sehr viel Lob für große Medienhäuser wie die Berliner Zeitung, den Kumpanen Kolja Barghoorn, seines Zeichens ebenso Influencer wie Marc Friedrich. Ihnen wird publikumswirksam gehuldigt, wenn sie interviewen. Auch das Magazin „Compact“ und der „Deutschland Kurier“ profitieren als Günstlinge deshalb, weil sie kaum etwas auszusetzen haben an einer ambivalenten Partei, die es vermeidet, zu jenen eine Assoziation herzustellen, auf die man sich im Zweifel vielleicht nicht blind verlassen kann. Kalkül und Strategie basieren auf einem Risikomanagement, echtes Interesse auf Augenhöhe sieht anders aus. Diese bittere Enttäuschung wird meine künftige Arbeit prägen.