Rezension von Dennis Riehle
„Throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.“ – Mark Twain, der amerikanische Schriftsteller und bedeutende Vertreter des Realismus, ist reich an Zitaten, die von der Verwirklichung unserer Träume handeln. Die Leinen zu lösen, den sicheren Hafen zu verlassen, die Winde in den Segeln zu nutzen, um zu erkunden, sich zu sehnen und am Ende zu entdecken. Wie viele Menschen haben eine solche Vision im Sinn. Doch nur einem Bruchteil von uns allen gelingt es tatsächlich, aus dem Alltag in ein Abenteuer zu fliehen. Nicht einmal bewusst oder geplant, sondern als ein Lauf des Lebens. Wer Charaktere erkunden möchte, die zwar ein klares Ziel vor Augen haben, sich in ihrem Weg jedoch leiten lassen von Schicksal, Begegnung und Inspiration, der muss bisweilen die Fühler bis nach Stuttgart-West ausstrecken. Dort trifft man einen klugen Geist, einen nachdenklichen Künstler, einen wissbegierigen Historiker und einen spontanen Geschichtenschreiber, der fast schon geboren scheint als Tausendsassa, als Multitalent oder als Polyglotter.
Tuschinski wurde durch die Corona-Pandemie als kritischer Freiheitskämpfer bekannt…

Demonstration in Freudenstadt,
6. Mai 2023, © A. Tuschinski
Alexander Ritter von Tuschinski, der oft kurz als „Alexander Tuschinski“ auftritt, vereint derart viele Fähigkeiten in sich, dass der interessierte Kritiker vom Staunen kaum noch abkommt. Autor, Regisseur und Filmemacher sind weitere Betitelungen, welche man fairerweise anführen muss, um ein Gesamtbild von dieser Erscheinung zu gewinnen, die über einen beeindruckenden Werdegang und ein beispielloses Rückgrat verfügt. Auch wenn der 37-Jährige vielleicht nicht von Anfang an die exakte Linie seiner Zukunft aufmalen konnte, so schien doch die Richtung vorgezeichnet. Es waren keine klassischen Brüche oder strikte Kanten in der Biografie, sondern Spurwechsel, Umorientierungen und Abzweigungen, die der mittlerweile international bekannte Produzent aus Erfahrung vornahm. Zu diesen Zäsuren zählte die Corona-Pandemie, welche viele in eine veränderte Einstellung gegenüber Freiheit, Zwang und Unterdrückung führte. Das schmerzvolle Verlangen nach Autonomie und Ungebundenheit, welches sich seit seiner Jugend in seinen Werken findet, verarbeitete der Doktorand, der gerade in Geschichte promoviert, in seiner vorkämpferischen Dokumentation, im autobiografisch anmutenden Konzeptalbum „Cut Squares“, wesentlich entstanden während der Lockdowns. Auf zahlreichen Demonstrationen erhob er seit der Corona-Pandemie zudem öffentlich gegen die aktuelle Regierungspolitik das Wort.
NEVER ARRIVE macht die Sehnsucht nach Vollendung zu einer lebenslangen Motivation…
Doch damit war noch längst nicht alles gesagt. Denn es gibt auch eine Gegenwart jenseits dieser dunklen Emotionen, in der wir von Hilflosigkeit, Spaltung, Ausgrenzung, Konformismus und Spießertum abgestumpft wurden. Auf seiner am 26. Juni 2026 erscheinenden Schallplatte „NEVER ARRIVE“ wird der auch für das komödiantische Fach versierte Oppositionist zum schwärmerischen und fantasievollen Lyriker. Er unternimmt mit seinen Zuhörern eine Retrospektive nach Paris und Los Angeles, greift dieses Mal nur indirekt selbst zu den Instrumenten. Stattdessen begeisterte er sich an den modernen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz [KI, englisch AI]. Mit ihr komponierte der Mehrfachperformer in Personalunion. Als Poet, Arrangeur und Impresario brachte er Songs zu Papier, ins Studio wie auf den Laptop, von denen man zunächst einmal nicht denkt, dass sie synthetisiert wurden. Wer lauscht, hört eine Mischung aus Country und Folk, gewisse Passagen haben etwas von Blues, tendieren bisweilen zum Poppigen, bauen Brücken ins Chanson oder den French Touch. Ihr Pfad weist jedenfalls von Ambition zu Aufbruch, von Lethargie zu Motivation.
Liebe und Leidenschaft als treibende Katalysatoren für Phantasie und Photografie…
Von der Romanze zweier Passionierter, die ihre Verbindung in der Kamera fanden, im wilden, aber stets durchdachten Knipsen, in der Leidenschaft für das Festhalten vom Moment. Über das Eintauchen in die Singularität jeder Sekunde. Von der Endlosschleife, ohne sich zu langweilen. Wer nicht ankommt, muss kein ewig Suchender sein. Sondern kann sich bewusst vornehmen, auf dem Zeitstrahl zu treiben. Ein bisschen verrücktspielen, um das Selbst zu spüren. Auf Distanz gehen, um die Schönheit des Wiederentdeckens zu feiern. Wenn das Alte plötzlich neu wird, weil es so vertraut und doch irgendwie fern wirkt, dann wandelt man gemeinsam auf Spuren, die die Vergangenheit im Heute hinterlassen hat. Der Erforscher mit rumänischen Wurzeln wird seinem Ruf wiederum gerecht, treibt er den anglizistischen Endreim im futuristischen Sprachgefühl auf die eiserne Spitze. Seine Verse sind prägnant, fragend und ab und zu konträr, regen bei bloßer Lektüre zum Interpretieren an. Man ist schlichtweg aufgefordert, in Emotion und Kognition zu versinken, dem Schweif der Tonalität nachzueilen, während all die Schwere teilnahmslos vorbeizieht.
Die menschliche Erfahrung als Taktgeber, die Künstliche Intelligenz als Hintergrundmusik…

© A. Tuschinski
Rhetorisch wird man das Prädikat der Brillanz anheften müssen, denn dieses Werk strotzt vor einem tiefen Blick in die Seele jenes Mannes, der bereits mit Helmut Berger, Harry Lennix oder Angus Macfadyen zusammenarbeitete. Aktuell reist er als Fokusnehmer durch die Länder, hatte nicht zuletzt ein bemerkenswertes Porträt über den mittlerweile verstorbenen Stefan Niehoff veröffentlicht, der überregional durch die sogenannte „Schwachkopf-Affäre“ um Robert Habeck berühmt wurde. Auch hierhin offenbart sich ein roter Faden. Tuschinski kann meinungsstark sein, hält Ansprachen auf Demonstrationen, mit seinen persönlichen Auffassungen nicht hinter dem Berg. Er legt den Finger in die Wunde einer Gesellschaft, die es sich manchmal zu gemütlich macht. Doch er kann auch der leise Beobachter sein, der zuhört, Impressionen einfängt, Fotos erzählen lässt. Dieses Mal sind es die Klänge und Worte, die zum Botschafter werden. Von Courage und Durchhaltevermögen, von Lust und Begierde, von Sentimentalität und Grazie, von Leichtigkeit und Verantwortung. Melodisch ein Genuss, stilistisch eine Perfektion. Eine unbedingte Empfehlung.
Das Konzeptalbum gibt es ab 26.06.2026 als Schallplatte und Stream:
NEVER ARRIVE – Alexander Tuschinski – elasticStage
Interview mit Alexander Tuschinski
Zu seiner neuesten Veröffentlichung NEVER ARRIVE, die am 26.06.2026 erscheint, hat Journalist Dennis Riehle (Konstanz) den Filmemacher, Musiker, Autor und Historiker Alexander Tuschinski in einem Interview befragt, um die Hintergründe der Kreation in Erfahrung zu bringen:
Dennis Riehle (DR): Lieber Herr Tuschinski, mit Ihrem zweiten Konzeptalbum beschreiten Sie, im Vergleich zur ersten Ausgabe „Cut Squares“, gleich mehrere neue Wege. War einst die Verarbeitung der dunklen Emotionen aus der Corona-Pandemie Thema, stehen aktuell eher hoffnungsvolle, aufbruchsstarke, träumerische und leidenschaftliche Worte im Mittelpunkt. Wie kam es zu dieser Gegenüberstellung von zwei völlig verschiedenen Inhalten, Konzepten und Semantiken?

© A. Tuschinski
Alexander von Tuschinski (AT): In jedem meiner Werke versuche ich für mich neue Wege zu beschreiten. „Cut Squares“ entstand teils im Corona-Lockdown und ich vollendete es 2023. In jener Zeit prägten mich vor allem Gedanken über Freiheit, Krieg sowie gesellschaftliche Spannungen, die mich schon seit meinem Roman „Fetzenleben“ und meinem Film „Timeless“ künstlerisch beschäftigen. Für „Never Arrive“ begann ich dann Mitte 2025 mit dem Schreiben von Songs. Zunächst verfasste ich einige, die vom Dreh meines Films „Fetzenleben“ in Paris inspiriert waren. Anlässlich meiner aktuell entstehenden Dokumentation „Pieces in Paris“ über mein Leben und Werk beschäftigte ich mich intensiv mit früheren Phasen meines Lebens. Dabei wurde ich manchmal auch melancholisch und verarbeitete zahlreiche Gefühle – allen voran der Gedanke, dass das Leben durch viele Phasen immer vorangeht. Der titelgebende, sehr melancholische Song „Never Arrive“ verwendet als Text unverändert ein Gedicht, das ich im März 2012 in Los Angeles schrieb. Somit ziehen sich Gefühle aus zahlreichen Stationen meines Lebens durch das Album. Ein wichtiges Thema ist, dass man sich und seinen Zielen treu bleibt, wie im Song „Float Away“ angesprochen.
DR: Auch musikalisch betreten Sie mit der jetzigen Schallplatte, die ja auch als Stream abrufbar sein wird, ein experimentelles Feld. Prägten in „Cut Squares“ noch Percussion, Akkordeon, Keyboard, Klavier, Bongo und Sprachgesang den Klang, fast schon zerrissen und dissonant, haben Sie sich nun für „Never Arrive“ der Künstlichen Intelligenz [KI, oder Englisch AI] bedient, mit der Sie einen melodischen, harmonischen und meist zuversichtlichen Tenor ausdrücken. Dazu noch im Klang eines „Live-Konzerts“, mit zahlreichen Publikumsgeräuschen. Wie kamen Sie auf die Idee der KI, was möchten Sie damit aussagen, welche Intention hat die bisher unbekannte Klangfarbe?
AT: In „Cut Squares“ wollte ich eine unmittelbare, „direkte“ Klanglandschaft, die Musik sollte passend zum Thema fast schon „analytisch“ sein, teils kalt und sehr direkt. Alle Songs nahm ich mit einem Mikrofon der 1970er auf, jedes Instrument spielte ich einzeln nacheinander ein, und ich experimentierte mit verschiedenen Aufnahmetechniken.

Screenshot Elastic Stage, © A. Tuschinski
Für mein nächstes Album wollte ich dann von Anfang an einen anderen Klang. Zunächst dachte ich an Popmusik der 60er und hatte erst vor, wieder alles wie in „Cut Squares“ selbst aufzunehmen, diesmal mit helleren Klängen wie Hammondorgel und Akustikgitarre. Doch nachdem ich den Song „Pieces in Paris“ Mitte 2025 geschrieben hatte, entdeckte ich verschiedene KI-Tools und begann, damit zu experimentieren. Schnell merkte ich, dass ich damit noch ganz andere Klänge erzeugen konnte, und fand es toll, mit verschiedensten Varianten zu experimentieren. Was als Spielerei begann, wurde qualitativ so gut, dass ich mich entschied, das ganze Album einheitlich so zu gestalten. Die Texte der Songs stammen von mir, und die musikalischen Ideen schrieb ich in detaillierten Prompts [= Anweisungen], welche die KI umsetzte. Teils ließ ich Songs wohl über hundert Mal neu generieren, mit verschiedenen Änderungen, bis mir das Resultat gefiel.
Die Aufnahmen bearbeitete ich auch danach noch weiter. Zunächst entstand jeder Song als „Studioversion“, dann hatte ich die Idee, das Album im Klang eines „Live-Konzerts“ zu gestalten. Das machte es noch lebendiger und ist ein Klang, der im kleinen „Home-Studio“ sehr schwierig zu erreichen wäre. Mir gefiel die Ironie – diese vom Computer produzierten Aufnahmen sind klanglich voll von „Leben“, beinhalten Publikumsgeräusche und wirken teils absichtlich eher improvisiert, während „Cut Squares“, das ganz „von Hand“ aufgenommen ist, eher analytisch und strukturiert klingt. Zudem ist das Album, wie schon „Cut Squares“, sehr filmisch gestaltet.
Jeder einzelne Song ist wie eine Szene, idealerweise hört man es in der vorgesehenen Reihenfolge. Die ineinander übergehenden Publikumsgeräusche zwischen den Songs signalisieren diese Zusammengehörigkeit beim Hören noch zusätzlich. Ich plane, demnächst auch als Bonus ein Album „Never Arrive (In Studio)“ zu veröffentlichen. Dort wird es die ersten Varianten der Songs in jener Reihenfolge geben, welche zunächst vorgesehen war, bevor ich das Album im Klang eines „Live-Konzerts“ gestaltete.
DR: Was fiel Ihnen bei der Arbeit mit der KI auf? Viele Menschen sehen Kunst, die von AI geschaffen wird, kritisch. Was ist Ihre Meinung dazu?
AT: Es gibt viel Kritik an „AI Slop“, also billig und schnell generierten KI-Werken von schlechter Qualität, mit denen das Internet geflutet wird. Es ist für mich ein großer Unterschied, ob man die KI etwas komplett „unbeaufsichtigt“ generieren und veröffentlichen lässt, oder ob man sie als Hilfsmittel nutzt, wie einen Pinsel oder einen Stift. Kritisch wird es, wenn man sie verwendet und das erste Resultat ohne weitere Kontrolle einfach „raushaut“, das bringt oft generische und zweifelhafte Resultate.
Die Texte verfasse ich, wie seit meiner frühen Jugend, selbst, und sie bilden die Grundlage der Songs. Beim Experimentieren fiel mir sofort auf, dass die KI noch keine gute Lyrik schreiben kann. Als ich versuchte, von ihr einen Text verfassen zu lassen, wirkten die Resultate sehr „bemüht“ und teils merkwürdig: Es klang wie von einem Schüler, der sich bemüht, in einem bestimmten Stil zu schreiben, ihn jedoch nicht erreicht.
Musikalisch fiel mir auf, dass ich bei der KI viel experimentieren musste, bis der Klang des fertigen Werks mir gefiel. Ich fühlte mich teils wie ein Musikproduzent im Studio, der nach jedem „Take“ den virtuellen Musikern weitere Rückmeldung gibt, bis irgendwann das Werk Form annimmt. Auf keinen Fall kann die KI echte Musiker und Komponisten ersetzen. Konkrete musikalische Ideen sind damit teils noch nicht leicht auszuführen – jedoch sehe ich sie als gut geeignet, das Repertoire an Werkzeugen bei der Musikproduktion zu erweitern.
DR: Das Werk gewährt ja vor allem auch einen Blick in Ihr Damals, in manche Schwärmerei, in Ihre Berufung und mehrere Orte, die für Ihre Biografie von Bedeutung sind. War es für Sie schwierig, solch private und intime Momente mit der Öffentlichkeit zu teilen?

© A. Tuschinski
AT: Teils war es sehr intensiv, noch einmal in verschiedene Abschnitte meines Lebens einzutauchen, gerade auch in emotional schwierige. Alles ist in den Texten so verfremdet, verdichtet und künstlerisch verarbeitet, dass die Situationen, die geschildert werden, fiktiv oder allgemein sind – aber die geschilderten Gefühle sind echt. Es ist für mich wie eine intensive Reise durch meine innere Welt. Jedes Mal, wenn ich beispielsweise den Anfang des Albums höre, denke ich an meine zahlreichen Aufenthalte in Kalifornien zurück. Dort war ich von 2011 bis 2020 oft für Filmfestivals und habe viele Freunde dort. Ich habe viel im Südwesten der USA erkundet, und der Pazifik sowie die kalifornische Wüste sind für mich Orte geworden, nach denen ich mich oft sehne. Seit meiner Jugend habe ich zudem das Gefühl, das Leben ist für mich eine Reise ohne festes Ankommen, mit vielen Stationen. Daher sind bereits die ersten Zeilen des Albums ein sehr intensives, persönliches Statement: „Pacific Ocean’s memories, drive on and pass me by. // Folks trying to get settled, can’t name the reason why.”
Die Songs, die Paris behandeln, haben einen realen Bezug: Im Sommer und Herbst 2019 drehte ich dort meinen Film „Fetzenleben“, improvisiert, mit voller künstlerischer Freiheit. Damals machte ich mir schon Notizen, die teils in die Texte einflossen. Beim Schreiben und Aufnehmen dieser Songs erfüllt mich eine Sehnsucht nach unbeschwerten, kreativen und intensiven Independent-Film-Drehs. Ich glaube, ich muss irgendwann mal wieder einen Film wie „Fetzenleben“ drehen. (lacht)
DR: Ihre beiden Alben „Cut Squares“ und „Never Arrive“ sind als Konzeptalben angelegt und erscheinen auch als Schallplatte. Was bedeutet das für Sie?
AT: Früher habe ich öfter Songs für Filme und für die Bühne geschrieben, die separat auf Soundtrack-Alben erschienen. Seit 2023 beschäftige ich mich intensiver mit reinen Musikprojekten. Diese Alben sind filmisch ausgelegt: Auch wenn jeder Song für sich wirkt, erzählen sie zusammengenommen sowohl textlich als auch musikalisch eine Geschichte. Wenn man sie komplett durchhört, bildet sich ein durchgeplanter Spannungsbogen. Besonders stark wirkt er, wenn man die Alben als Schallplatte hört, die man bei einem bestimmten Punkt umdrehen muss.
In „Cut Squares“ geht Seite eins um Freiheit und eine bedrückende Lage, Seite zwei um Krieg und Eskalation. In „Never Arrive“ erzählen die beiden Seiten verschiedene Facetten eines Lebens und enden jeweils mit einem nahezu identischen Song, der aber jeweils ganz anders interpretiert ist und dadurch sehr unterschiedlich wirkt. Ich feile viel an der Reihenfolge und an den Übergängen der Songs, und mir ist wichtig, dass jeder einzelne Song essenziell für das gesamte Album ist.
DR: Im Song „Like Carving Flowing Water” behandeln Sie den Versuch, Vergangenes zu bewahren. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Film „Pieces In Paris“, © A. Tuschinski
AT: Seit meiner Jugend berührt es mich, dass Dinge vergehen. Nach meinem Studienabschluss in „Audiovisuellen Medien“ habe ich in Stuttgart noch zusätzlich Geschichte studiert, derzeit promoviere ich in dem Fach. In meinen biographischen Dokumentarfilmen möchte ich beispielsweise die Erinnerung an besondere Menschen bewahren, die mir begegnen, hoffentlich lange in die Zukunft hinaus. Der Songtext ist für mich auch sehr persönlich und zeigt eine Seite von mir, die bisher wenige kennen. Mich berührt immer sehr, wenn nach dem Tod von Menschen ihre persönlichen Dokumente sowie Fotos auf Flohmärkten und auf dem Müll landen. Wenn ich so etwas sehe, versuche ich oft, sie zu „retten“, in der Hoffnung, sie dann irgendwann an Archive und Museen zu vermitteln.
DR: Als Historiker beschäftigen Sie sich mit Geschichte im Kleinen und Großen. Wenn Sie anhand der Texte und der Vertonung des Albums bewerten sollten, was dieser Ausschnitt aus Ihrer eigenen Vergangenheit an Fundament dafür gelegt hat, wohin Ihre persönliche Reise des Lebens ging: Wäre Alexander von Tuschinski ohne diese Erlebnisse heute ein anderer?
AT: Mit Sicherheit. Ich habe das Gefühl, dass jede Facette, jedes Erlebnis, etwas zum Leben hinzufügt, und ohne all die Erfahrungen wäre sicher einiges anders. Über die Jahre habe ich ab und zu überlegt, ob ich an meiner Vergangenheit etwas ändern würde, wenn ich es könnte, um manch unangenehmes Erlebnis zu vermeiden. Jedoch bin ich zum Schluss gekommen, dass jedes Erlebnis Bedeutung hatte, und dass vieles Schöne ohne manch Unangenehmes so nicht hätte geschehen können. Daher bin ich insgesamt zufrieden damit, wie es lief, und schaue gerne voran.
DR: Wissen Sie schon, was musikalisch als Nächstes bei Ihnen ansteht, nach diesen beiden Konzeptalben?
AT: Derzeit bin ich viel in Rumänien unterwegs, um für meine Doktorarbeit zu forschen. Bei einigen Aufenthalten in Bukarest wurde ich zu einem neuen Konzeptalbum inspiriert, für das ich schon die meisten Songs geschrieben habe. Der aktuelle Arbeitstitel: „Bucharest Nights“. Es soll voraussichtlich im Herbst erscheinen und wird textlich und musikalisch noch einmal eine ganz andere, sehr intensive Richtung einschlagen.
DR: Sie sind ja auch ein Transporteur von Botschaften, melden sich gesellschaftskritisch zu Wort. Doch welche Nachricht, Vision und Ermutigung soll der Zuhörer aus NEVER ARRIVE mitnehmen?

© A. Tuschinski
AT: Dass das Leben ein Fluss ist, im beständigen Wandel. Es kann immer weitergehen, und auch in dunklen Phasen kann man immer wieder positiv überrascht werden. Zudem hoffe ich, Menschen dazu zu inspirieren, dass sie ihr Leben so gestalten, dass sie selbst damit zufrieden sind und nicht einfach gesellschaftliche Erwartungshaltungen erfüllen, die ihnen vielleicht gar nicht liegen. Das ist mir persönlich sehr wichtig, und ich spreche es sowohl im Album als auch in einigen meiner Filme sowie in meinem Roman „Fetzenleben“ an. Das Album endet mit dem Song „Vienna’s Street“, der zwar einen etwas melancholischen Text hat, aber durch die musikalische Gestaltung sehr hoffnungsvoll ist.
DR: Ich danke Ihnen sehr für die Antworten und wünsche dem Album reißenden Absatz!








