Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Aktuelle Sonntagsfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD wieder unter 40 Prozent“ (aus: „NiUS“ vom 27.01.2026)
Wie wahrscheinlich ist die Aussicht, dass Sachsen-Anhalt nach der anstehenden Landtagswahl tatsächlich von einem Ministerpräsidenten der AfD regiert wird? Man könnte meinen, die neueste Umfrage, welche vom Medium „NiUS“ in Auftrag gegeben wurde, nimmt Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ein Stück weit den Wind aus den Segeln. Denn erstmals ist die Partei wieder unter die Marke von 40 Prozent gerutscht, doch sie liegt nur einen Punkt weit weg von dieser magischen Schwelle, die den Weg öffnen könnte in Richtung absoluter Mandatsmehrheit. Mit einer solchen wäre ab etwa 45 Prozent zu rechnen. Da fehlt es noch an Zuspruch, aber man muss das Kleingedruckte lesen. Denn sechs bis sieben weitere Prozent der Befragten können sich ganz prinzipiell vorstellen, ihre Stimme am Ende tatsächlich der Alternative für Deutschland zu schenken. Würden all diese Personen mobilisiert, überzeugt und gebunden, wäre die Alleinregierung in Reichweite. Das Bemühen darf also nicht nachlassen, wenn nunmehr die Konkurrenz endgültig geklärt ist. Reiner Haseloff hat den Staffelstab an Sven Schulze weitergegeben, die Verhältnisse liegen für den Souverän mittlerweile ziemlich entscheidungsreif auf dem Tisch.
War sich Ulrich Siegmund zu früh zu siegesgewiss? Mobilisierung ist kein Selbstläufer…
Ich bin nicht derjenige, welcher zu Ratschlägen befugt wäre. Würde ich dem Herausforderer der „Blauen“ dennoch eine Empfehlung geben dürfen, so würde ich mit der Ermutigung beginnen, auch außerhalb der eigenen Filterblase nach Sympathisanten zu fischen. Sich allein auf die Stammklientel zu verlassen, das könnte am Ende zu wenig sein. Insbesondere dann, wenn Unterstützer den Eindruck haben, das Zielfoto sei bereits geschossen. Dem 35-Jährigen werden Charisma, Erscheinung, Aura und Rhetorik nachgesagt. Kritiker zweifeln jedoch, wie ernst man seine Einlassungen nehmen kann, lächelt er Probleme häufig weg, kaschiert Missstände mit einem Dauergrinsen. Denn auch in seinen Reihen soll nicht alles mit rechten Dingen zugehen, meint zumindest der frühere Generalsekretär Jan Wenzel Schmidt. Er wirft Teilen des Landesvorstands, explizit nicht Siegmund selbst, das Etablieren einer „Pokerrunde“ vor, in der es zu Vetternwirtschaft, Betrug und Falschabrechnungen gekommen sein soll. Bislang fehlt es noch an den angekündigten Belegen, die Unschuldsvermutung gilt ohnehin. Über all die Vorgänge kann man schweigen, man könnte aber auch in die Offensive gehen, ohne duckmäuserisch zu werden.
Das Programm liest sich flüssig bis gehaltvoll, aber mit Vorbehalten und Lücken…
Daneben fehlt es bisweilen an Substanz. Wir wissen aus dem bekannt gewordenen Programm, dass der Tangermünder Remigration anstrebt, eine massive Reform oder gar Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Streichung von Geldern an die Kirchen, gravierende Leistungskürzungen im Asylwesen. Doch wenn es mit Blick auf Bildung, Wirtschaft, Standort, Sicherheit, Gesundheit, Finanzen oder Kultur konkret wird, wirkt er schmallippiger. Es braucht zweifelsohne einen nahbaren Landesvater, aber auch einen fachlich breit aufgestellten. Vom Prädikat des „Posterboys“ kann er sich wenig kaufen, von den Vorschusslorbeeren, die Hardliner und Sympathisanten streuen, wird er nur so lange zehren, wie es die Oberflächlichkeit des Wahlkampfes erlaubt. Hat man zu sehr auf Videos und Memos in den sozialen Netzwerken gesetzt? Wirkt manch eine Aktion inszeniert, wenn sich Siegmund mit Parteikollege Frohnmaier in Baden-Württemberg unter Begleitung des medialen Rampenlichts zum morgendlichen Kaffee an den Werkstoren der Daimler-Betriebe einfindet, um dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen? Und wie authentisch ist der Jubel, der bei Bürgerdialogen nahezu auf Kommando und im Takt losbrandet?
Große Ansprüche an eine Alleinregierung, ohne sich bisher unter Beweis gestellt zu haben…
Tatsächlich hat die AfD die einmalige Chance, sich unter Beweis zu stellen. Am liebsten möchte man in Amt und Würden kommen, ohne einen Koalitionspartner, auf den man Rücksicht nehmen muss. Dabei ist diese Konstellation in der Demokratie nur im äußersten Ausnahmefall vorgesehen, weil man sich selbst in einem Bündnis gegenseitig kontrollieren sollte. Insofern wäre eine Testphase gut, in der sich die Allgemeinheit ein Bild darüber machen kann, wie qualifiziert und routiniert die Alternative für Deutschland an der Macht handelt. Bevor man ihr grenzenloses Vertrauen schenkt, einen Freifahrtschein ausstellt, scheint eine Bewährungsprobe sinnvoll. Sich dieser zu verweigern und Maximalforderungen zu stellen, ist nicht unbedingt klug. Natürlich läuft uns die Zeit davon, wir können uns eigentlich nicht mehr mit Tripelschritten begnügen. Doch blinde Hörigkeit ist gerade in der Politik kein geeigneter Maßstab. Vielleicht käme es sympathischer daher, etwas kleinere Brötchen zu backen, Demut zu zeigen vor dem Urnengang. Kommunikation darf nicht unterschätzt werden, möge über Echokammern und Konformität hinaus reichen. Sie sollte selbstbewusst und motivierend sein, aber den Tag nicht vor dem Abend loben.







