Wenn sich Institutionen entschließen, zum Werkzeug eines Partners zu werden!
Oftmals hören wir in der heutigen Zeit von sogenannten „toxischen“ Beziehungen. Unter diesen Oberbegriff fallen unterschiedliche Muster eines vergifteten Miteinanders. Da leben Partner auf der Ebene von Missgunst, Eifersucht, Rache oder Neid zusammen. Nicht selten kommt es zu verbalen Auseinandersetzungen, aber auch zum handfesten Streit. Ursachen können soziale Probleme eines Einzelnen sein, berufliche Tiefschläge, das Abrutschen in Ausweglosigkeit oder Unzufriedenheit. Und dann ist der Weg oftmals nicht weit zu einem narzisstischen Missbrauch eines Verhältnisses, das oftmals nur noch auf dem Papier existiert. Die Eskalation reicht häufig hinein bis ins Mobbing, in Isolation, Entrechtung, heran an Pranger und Verleumdung. Umso wichtiger ist es, dass darüber gesprochen wird. Schließlich trägt die Tabuisierung dazu bei, dass das Schweigen anhält.
Der Journalist und Autor Dennis Riehle hat deshalb mit Birgit L. (Pseudonym aus Schutzgründen; der tatsächliche Name ist der Redaktion bekannt, Anm. d. A.) ihre eigene Geschichte thematisiert. Ziel sollte es sein, anderen Betroffenen Mut zu machen, sich nicht kleinkriegen zu lassen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, Kontakte zu knüpfen und sich vor allem bewusst zu sein, dass man weit mehr ist als das Werkzeug, zu dem man vom Gegenüber gemacht wird. Und so geschah es dann auch.
Dennis Riehle: Zunächst einmal vielen Dank für den Mut, mit sehr persönlichen Inhalten nach außen zu treten. Jenen Hoffnung zu geben, die ebenfalls leiden, das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Deshalb interessiert mich umso mehr: Wann hat dieser Weg der Zerrüttung eigentlich begonnen?
Birgit L.: Der Beginn war kein einzelnes Ereignis, sondern ein schleichender Prozess. Unsere Beziehung war anfangs stabil, wir hatten eine funktionierende Familie. Doch sehr früh gab es Dinge, die unausgesprochen blieben – vor allem in finanzieller und beruflicher Hinsicht.
Mein damaliger Partner hat mir nie vollständige Transparenz über seine Einkommensverhältnisse gegeben. Es gab rechtliche Auseinandersetzungen mit Dritten, verlorene Prozesse, später eine Privatinsolvenz, von der ich erst erfuhr, als entsprechende Schreiben im Haushalt auftauchten. Parallel dazu habe ich zunehmend die finanzielle und organisatorische Verantwortung für die Familie getragen und in Vollzeit gearbeitet.
Ich habe das lange nicht als Zerrüttung wahrgenommen, sondern als Krise, die man gemeinsam übersteht. Heute sehe ich: Die Verantwortung war längst einseitig verteilt.
Dennis Riehle: Aus anfänglichen Differenzen scheint sich, nicht zuletzt durch Schicksalsschläge und den gesellschaftlichen Absturz des Partners, eine Situation aufgestaut zu haben, welche durchaus aufreiben kann. Und offenbar reichte ein Moment, um die Atmosphäre kippen zu lassen?
Birgit L.: Ja. Nach Jahren der Überlastung habe ich eine Familientherapie angeregt. Ich wollte verstehen, was zwischen uns passiert ist, und vor allem den Kindern Stabilität ermöglichen. Beim ersten Termin erklärte er jedoch völlig überraschend vor der Therapeutin die Trennung.
Für mich war das ein Schock. Ich war emotional erschöpft, verletzt, wütend. In dieser Ausnahmesituation habe ich Alkohol getrunken und ihm verbal Gewalt angedroht. Dafür habe ich mich bei ihm und den Kindern (fast erwachsen) entschuldigt Das war falsch, und ich stehe dazu.
Aber ich habe ihm niemals körperliche Gewalt angetan – weder zuvor noch danach. Statt Hilfe zu organisieren, wurde diese Situation später zum Ausgangspunkt für Maßnahmen, die mein Leben grundlegend destabilisiert haben.
Dennis Riehle: Und wie entwickelte sich das Ganze? Ihnen wurde dann sukzessive alles genommen, um jemanden auszuzehren, klein zu machen, zu kontrollieren. Kann man das so sagen?
Birgit L.: Ja. Auf Grundlage dieser einen Situation wurde ein Gewaltschutzbeschluss gegen mich erlassen. Kurz darauf stand eine Gerichtsvollzieherin mit Polizei vor der Wohnung, und ich musste diese sofort verlassen. Das war traumatisch. Nach Jahren, in denen ich diese Wohnung finanziell und organisatorisch mitgetragen habe, wurde ich plötzlich wie eine Gefahr behandelt.
Was danach folgte, empfand ich als systematische Nutzung dieses Beschlusses für Zwecke, für die er nicht gedacht ist. Mein damaliger Partner begann, Behörden einzuschalten und Entscheidungen herbeizuführen, die mich weiter entrechten sollten.
So wurde ich ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung beim Einwohnermeldeamt abgemeldet. Post – auch vom Arbeitgeber – wurde mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“ zurückgeschickt. Verträge wurden gekündigt, unter anderem die Stromversorgung. All das hatte massive finanzielle und existenzielle Folgen für mich.
Besonders belastend ist, dass das Einwohnermeldeamt sich bis heute weigert, meinen Wohnsitz wieder anzumelden – trotz gültiger Wohnungsgeberbestätigung. Mein Anwalt sagte, dass die Behörde bei einer Klage Haushoch verlieren wird. Der Beschluss ist zeitlich begrenzt. Für mich fühlt sich das wie Willkür an. Der Gewaltschutzbeschluss wird als Argument genutzt, um mir elementare Rechte vorzuenthalten, obwohl er rechtlich etwas völlig anderes regelt.
Dennis Riehle: Dass man angesichts einer solchen strukturellen Entwertung – durch Kontrolle, Entzug von Rechten und die Einbindung staatlicher Stellen – in eine psychische Ausnahmesituation gerät, ist nachvollziehbar. Wo finden Sie heute Halt, was gibt Ihnen Kraft, wovon zehren Sie?
Birgit L.: Halt finde ich nur noch, indem ich versuche, Schritt für Schritt Ordnung in das Chaos zu bringen. Durch rechtliche Beratung, durch Dokumentation, durch Unterstützung von außen. Besonders schmerzhaft ist die Situation mit den Kindern.
Nach außen wird behauptet, es gehe um ihren Schutz. Gleichzeitig werden sie instrumentalisiert, um Druck auf mich auszuüben. Eine Familientherapie, die ich angeregt habe, wurde von ihm blockiert. Der Kontakt zu mir wurde massiv eingeschränkt. Das ist für Kinder hochbelastend – und für mich kaum auszuhalten.
Dennis Riehle: Wenn Sie zurückblicken und für Andere reflektieren: Gibt es irgendeinen Rat, wie man solch einem Dilemma frühzeitig aus dem Weg gehen kann? Welche Warnzeichen sind denkbar?
Birgit L.: Ja. Fehlende Transparenz, das schrittweise Abgeben von Verantwortung, das Gefühl, ständig ausgleichen zu müssen. Und vor allem: Wenn Institutionen plötzlich nicht mehr neutral wirken, sondern einseitig Entscheidungen treffen, ohne die Gesamtsituation zu prüfen.
Man sollte sein Bauchgefühl ernst nehmen. Und man sollte nicht glauben, dass Durchhalten immer die bessere Lösung ist.
Dennis Riehle: Und was sollte man konkret tun, wenn man bereits in einer derartigen Lage steckt? Welche Anlaufstellen kann man empfehlen, wohin wendet man sich, wann sucht man den Absprung?
Birgit L.: Hilfe suchen – frühzeitig und breit. Juristisch, therapeutisch, sozial. Und sich nicht isolieren lassen. Isolation ist eines der wirksamsten Mittel, um Menschen zu kontrollieren. Je weniger Kontakte man hat, desto leichter wird die eigene Realität infrage gestellt.
Dennis Riehle: Welche Botschaft, welchen Appell haben Sie abschließend an Politik und Gesellschaft? Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Was denken Sie, kehren Sie zurück in ein normales Leben?
Birgit L.: Mein Appell ist: Schutzgesetze müssen schützen – und dürfen nicht missbraucht werden. Behörden müssen sensibel prüfen, ob sie Teil einer Eskalationsdynamik werden. Wenn ein Mensch psychisch zusammenbricht, braucht er Hilfe, keine administrative Auslöschung.
Für meine Kinder mich hoffe ich, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Der Weg ist noch lang, vieles ist offen. Aber ich versuche, mir meine Würde und meine Stimme zurückzuholen.
Dennis Riehle: Ich wünsche von Herzen alles Gute und drücke die Daumen für Ihren weiteren Weg!
Hintergrundinformation:
Narzisstischer Missbrauch ist eine Form der psychischen Gewalt und emotionalen Manipulation zu verstehen, die sich durch ein strukturelles, vehementes und wiederkehrendes egoistisches Verhalten auszeichnet, um das Selbstwertgefühl, die Autonomie und die Realitätswahrnehmung eines Opfers zu zerstören. Ziel scheint es dabei, die Kontrolle über das Gegenüber zu erlangen. Hierfür kommen typische Muster der Tatsachenverdrehung, der Denunziation, der Verleumdung, der Lüge und der Einbeziehung von Dritten zum Einsatz, um Ruf und Leumund negativ zu beeinflussen, bis hin zum Streitigmachen und Wegnehmen von materiellen und ideellen Dingen, von Bezugspersonen und Sinn. Ursachen und Motivation dürften in Rückweisung, Abstumpfung, Enttäuschung und Unzufriedenheit mit der eigenen Situation liegen.







