Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir zündet den Palmer-Booster“ (aus: DER SPIEGEL vom 18.02.2026)
Manchmal wird uns die Entscheidung im Leben leicht gemacht. Wer in Baden-Württemberg vor dem Stimmzettel sitzt, um noch immer damit zu hadern, wohin das Kreuz bei der Landtagswahl am 8. März 2026 wandern soll, der kann sich an einer einfachen Frage orientieren: Wollen „wir“ künftig bis 72 arbeiten? Denn nachdem bereits Spitzenkandidat Manuel Hagel von der CDU forderte, das Renteneintrittsalter einigermaßen pauschal bis ins Unermessliche anzuheben, stimmt nunmehr auch Herausforderer Cem Özdemir von den Grünen in diesen Chor ein. Die vermeintlichen Koalitionäre von morgen, die unter umgekehrten Vorzeichen regieren dürften als im Augenblick, sind sich offenbar einig darüber, den kleinen Mann weiter zu schröpfen. Nahezu höhnisch und spöttisch wird darauf verwiesen, dass die Gesellschaft nicht nur aus Dachdeckern bestehe. Ob man damit auf sich selbst zeigt? Schließlich ist der Job als Politiker nur selten mit körperlicher Anstrengung verbunden. Da hat man gut lachen über die Pflegekraft, welche seit Anfang 20 täglich im Seniorenheim buckelt. Wie groß kann die Häme gegenüber dem Durchschnittsmenschen sein? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Mächtigen verachten das Volk.
CDU und Grüne d’accord: Mindestens bis 70 buckeln, denn nicht jeder ist ein Dachdecker…
Lediglich AfD und BSW gehen mit Pragmatismus an die Sache heran. Sie wollen insbesondere jene entlasten, welche in systemimmanenten Berufen schon jetzt die Grenze von 67 nicht erreichen, weil sie sich für uns alle verausgaben. Ohne einen gestaffelten Übergang in den Ruhestand, weg vom Kriterium der Beitragsjahre, wird es keine gerechten Lösungen geben. Natürlich kann der Bürokaufmann in der Regel länger seinem Dienst nachgehen als der Mitarbeiter bei den Entsorgungsbetrieben. So selten hört man etwas davon, Beamte später in die Pension schicken zu wollen. Deren Lobbyisten lassen grüßen, Anwälte für den kleinen Mann sind dagegen rar. Es geht also um die Richtung, um ein Entweder-oder, das emotional aufgeladen ist. Denn wer sich nicht mehr fair behandelt fühlt, wenn sein Engagement völlig verkannt wird, der neigt im Zweifel auch nach zahlreichen Urnengängen dazu, von der bisherigen Praxis abzuweichen. Wenngleich eine substanzielle Wechselstimmung ausbleibt, so ist vor allem das Rennen um Platz zwei noch nicht geschlagen. Der Südwesten hat die Chance, die Karten neu zu mischen. Schließlich werden auch bei anderen Themen die völlig diametralen Herangehensweisen an die Probleme deutlich.
Grenzpolizei vs. Stuhlkreis: Nicht nur bei der Rente sind die Trennlinien der Lager klar…
Die Christdemokraten wollen einen Sicherheitsrat einberufen. Wer nicht weiter weiß, der gründet einen Arbeitskreis. Markus Frohnmaier steht hingegen für des Etablieren einer eigenen Grenzpolizei, für die Erleichterung von Rückführungen, für ein striktes Ablehnen Illegaler schon beim Einreisen. Das Bündnis von Sahra Wagenknecht verbindet Weitsicht bei der Zuwanderung mit dem vehementen Appell zu Frieden und Diplomatie. In die Infrastruktur will man investieren, den Zugang zur Bildung vereinheitlichen. Bei den „Blauen“ denkt man an die Wiedereinführung der Kernkraft, die „Violett-Orangenen“ lehnen zumindest eine ideologisch getriebene Transformation auf Kosten von Wohlstand und Wachstum ab. Hingegen wird man sich bei den Konservativen nicht sicher sein können, inwieweit sich die „Klimaunion“ mit ihrer Agenda einer „Wärmepumpe light“ durchsetzt. Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister sorgt sich zwar um die Sicherheit seiner Tochter auf unseren Straßen, hegt aber größeres Interesse daran, im Zweifel die Meinungsfreiheit zu regulieren. Völlig gegensätzliche Schwerpunkte, die ein Abwägen darüber unkompliziert machen, wer für und wer gegen uns ist.
Während sich Hagel an der AfD abmüht, gibt Özdemir den politisch Halbstarken…
Selten lief die Trennlinie so klar zwischen den Eliten und ihren Konkurrenten. Während sich Hagel an „Vaterlandsverrätern“ abarbeitet, weil seine eigene Agenda ziemlich schwach ist, will sich Özdemir offiziell in jene Regionen vorwagen, die von der AfD dominiert werden. Doch womit will er dort punkten? Mit Windkrafträdern, die schon jetzt die Landschaft im Schwarzwald verschandeln? Mit Lastenrädern, die am Bodensee die Gehwege verstopfen? Mit Veganismus in Kantinen, mit Sozialismus beim Wetter? Vernunft wird ein wesentliches Argument sein, sowohl in ökonomischer wie auch migrationspolitischer Hinsicht. Es braucht keine Gitterstäbe an den Bahnsteigen oder Messerverbotszonen in der Innenstadt. Stattdessen das Bewusstsein, dass der Wiedererkennungswert von Karlsruhe bis Konstanz verloren gegangen ist. Ein einziger Spitzenreiter in der Automobilindustrie, in Sachen Innovation und Wettbewerbsvorteil, wurde nicht umsonst zum Schlusslicht. Immer neue Bürokratie und Regulierung, Steuern und Abgaben bis zum Abwinken. Will man Prosperität abwürgen, genauso, wie den Verbrennermotor? Die Sache ist reif zur Ernte. Möge sie reichlich ausfallen, für unsere Zukunft.







