Deutschland, der Säumige: Wie ein alemannisch-schweizerischer Schifffahrtsstreit am Bodensee zum Sinnbild unseres weltweiten Images wurde…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Schifffahrt am Bodensee – Streit: Nicht mehr alle Schweizer Kursschiffe fahren Konstanz an“ (aus: SRF vom 17.04.2026)

Es ist kein großes Geheimnis, dass es im südbadischen Raum zu gewissen Spannungen zwischen den zwei angrenzenden Ländern Deutschland und Schweiz kommt. In den Regionen von Basel bis Konstanz regt sich Widerstand gegen einen prosperierenden Einkaufstourismus, der zweifelsohne zu deutlichen Mehreinnahmen in den hiesigen Kassen führt. Gleichzeitig fühlen sich Einwohner diesseits der Grenze mittlerweile als Bürger zweiter Klasse, wenn Infrastruktur und Ladenzeilen von den Eidgenossen in Beschlag genommen werden. Man scheint in gewisser Weise voneinander abhängig zu sein, gleichzeitig entpuppt sich diese Nachbarschaft als eine Art Feindesliebe. Trotzdem ist man stets um eine konstruktive Zweisamkeit bemüht. Schließlich wissen nicht nur Geschäftsmann und Kunde, was man an sich hat. Doch gute Miene zum bösen Spiel ist nicht bis ins Unendliche strapazierbar. Immer wieder tut man sich schwer bei der Zusammenarbeit, gerade auch, was Verkehrsstrecken von einem Grund zum anderen anbelangt. Da wird mit Zugverbindungen gehadert, teilweise lässt man sie nahezu konfrontativ kurz vor dem Schlagbaum enden.

Die Schweiz befördert aus Kulanz deutsche Gäste, ohne ein Zeichen der Gegenleistung…

Nicht so bei der Kooperation auf dem Wasser. Hier ist es seit jeher Tradition, Schiffe zwischen Schwarz-Rot-Gold und weißem Wappenkreuz pendeln zu lassen. Auf dem Bodensee soll es gefühlt keine Barrieren geben. Stattdessen setzt man nicht nur mit Sternfahrten auf Verständigung. Doch nunmehr ist die Hutschnur geplatzt. Die Schweizer Betriebe mit Sitz in Romanshorn wollen in der aktuellen Saison den Hafen von Konstanz nicht mehr anlaufen. Es war Gewohnheit und Selbstverständlichkeit, dass die Routenpläne diesen Kurs bisher regelmäßig vorsahen. Nunmehr sollen die Touren in Kreuzlingen enden. Hintergrund sind offenbar Konkurrenz und Reibereien um Anlegegebühren, Reiseinformationen, Tarifsysteme. Jahrelang wurden deutsche Gäste auf schweizerischem Deck mitgenommen, hatten sie ein Ticket der deutschen BSB gekauft. Allein im vergangenen Jahr beförderte man auf diesem Weg 5.400 Personen, aus Kulanz. Doch damit soll nun Schluss sein. Die deutsche Seite ist säumig geblieben, hat sich zudem mit den österreichischen Kollegen auf einen neuen „Seepass“ verständigt. Eine Jahreskarte, ohne Beteiligung von Bern.

Im Schifffahrtskonflikt vom Obersee wird symbolisch unsere eigene Arroganz deutlich…

Dass die Bundesrepublik ihre Gelder für sämtliche Projekte verschleudert, um ihren eigentlichen Verpflichtungen anschließend nicht mehr nachkommen zu können, das scheint nun wahrlich keine neue Nachricht zu sein. Unser Image als zuverlässiger Partner leidet international aufgrund miserabler Haushaltspolitik des Staates. Doch selbst in einigen Unternehmen hat Misswirtschaft Einzug gehalten. Vor allem aber ein merkwürdiger Geist von Dreistigkeit und Frechheit. Der Schweizer Interims-CEO und Verwaltungsratspräsident Benno Gmür betonte, man sei ursprünglich davon ausgegangen, die finanzielle Angelegenheit regeln zu können. Doch offenbar wurde man enttäuscht. Die Fronten sind verhärtet, der Ruf als gewissenhaftes und solides Pendant ist in den Keller gerutscht. Wir sind auf dem besten Weg, uns überall auf der Welt ziemlich unbeliebt zu machen. Die Moneten sitzen locker, wenn es um NGOs, Entwicklungshilfe, Ukraine-Unterstützung und Migrationskosten geht. Zugesagte Steuerentlastungen für die Allgemeinheit lassen auf sich warten, das vorrangige Soll türmt sich sukzessive weiter auf.

Massiver Schaden für Wirtschaft, Tourismus und den Leumund einer ganzen Region…

Da wird von hiesigen Verantwortlichen beschönigt, es handele sich nicht um einen Konflikt, sondern um den üblichen Wettbewerb. Die ökonomischen Rahmenbedingungen auf deutscher Seite müssten berücksichtigt werden. Von Verbindlichkeit und Entgegenkommen keine Spur, stattdessen sieht sich der moralisch ständig mit seinem Zeigefinger winkende Deutsche auch dieses Mal im Recht. Kein Wunder, dass ihm aus dem Thurgau fehlender Respekt und unterschiedliche Mentalität vorgeworfen wird. So geht man nicht mit jenen um, die auf Augenhöhe sind. Der angekündigte Boykott ist nachvollziehbar, denn es scheint nur allzu verständlich, sich nicht von bundesrepublikanischer Arroganz auf der Nase herumtanzen zu lassen. Leidtragender ist der Tourismus, auch die Beziehungen dürften leiden. Ein diplomatischer Affront, der vom Zaun gebrochen wurde, dank der Impertinenz jener, die noch immer meinen, sich aufgrund ihrer zentraleuropäischen Stellung alles erlauben zu können. So langsam, aber sicher sickert durch, wie unpopulär und missliebig wir geworden sind, an Sympathie verloren haben, vergraulen, anecken und ins Abseits rücken.