Auch polarisierende Charaktere müssen Platz haben in der AfD: Wie Tim Schramm die parteiinterne Demokratie herausfordert…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Warum Weidel die Russland-Kritik plötzlich als ‚Gejaule‘ bezeichnet“ (aus: „Handelsblatt“ vom 14.01.2026)

Die Demokratie ist gestorben, wenn man nicht mehr miteinander redet. Eine derzeit in Deutschland grassierende Brandmauer, welche aus Prinzip den Dialog mit der AfD verunmöglicht, ist ein Fremdkörper in der liberalen Ordnung. Doch auch innerhalb der Partei braucht es die unterschiedlichen Lager und Flügel, divergierende Positionen und verschiedene Meinungen, um als lebendige Kraft aufzutreten, die es schafft, all jene unter einen Hut zu bringen, die sich in einem übergeordneten Punkt einig sind, ein gemeinsames Ziel vertreten, aber möglicherweise in Detailfragen nicht immer gänzlich übereinstimmen müssen. Zum Respekt vor der Vielfalt von Ansichten gehört es auch, sich andere Perspektiven und Sichtweisen anzuhören, statt sie voreilig zu bewerten. Reflexartig hatte man versucht, den stellvertretenden Vorsitzenden des Kreisverbandes Wuppertal, Tim Schramm, aus den eigenen Reihen zu verbannen, nachdem bekannt wurde, dass er für einige Monate an der ukrainischen Front als Mörserschütze und Drohnenpilot gegen Russland kämpfte. Zuvor war er dort humanitär tätig.

Schwarz-rot-goldener Patriotismus und Ukraine-Kampf: Verpflichtung oder unvereinbar?

Oftmals wird die Alternative für Deutschland affin gegenüber Moskau angesehen. Und tatsächlich verteidigen intern zahlreiche Vertreter einen zumindest ergebnisoffenen Umgang mit dem Kreml. Da wird viel Verständnis aufgebracht für den Krieg, auf dessen Ursprünge und Genese man verweist. Dass der Überfall auf den Nachbarn durch nichts zu rechtfertigen war, auch wenn man zu der Auffassung gelangt, dass die Osterweiterung der NATO gegen mündliche Absprachen verstieß und Präsident Selenskyj nicht immer die Interessen aller Bürger in den Regionen wie Luhansk oder Donezk vertrat, weil er sich penibel in Richtung Transatlantik und EU wandte, sollte eigentlich Konsens sein. Doch tatsächlich gibt es Repräsentanten in erster, zweiter oder dritter Reihe, die hörig an der Seite von Putin stehen. Ich selbst habe kein Problem mit dem russischen Volk, bin gegen Sündenböcke. Denn nicht die gesamte Bevölkerung der Föderation begrüßt das Vorgehen des Machthabers, welches ich selbst als barbarisch, unverhältnismäßig und völkerrechtswidrig benenne.

Schramm fokussiert sich auf europäische Interessen, auf eine souveräne Bundesrepublik…

Gleichsam bin ich auch kein Freund der USA. Für mich zählt der Fokus auf Europa, speziell auf die Bundesrepublik. Ich fordere mehr Neutralität und Rückgrat, Souveränität für uns, weniger Abhängigkeit zu allen Seiten. Und wahrscheinlich treffe ich mich genau in diesem Punkt mit Tim Schramm. Auch er ist überzeugter Patriot, unterstreicht die Notwendigkeit des Erhalts unserer Identität, sieht unsere Freiheit bedroht. Wir beide lehnen den Multikulturalismus ab, setzen uns für vehemente Remigration ein. Unser Plädoyer gilt denen in der AfD, die weniger von Anpassung und Mäßigung, von Distanzierung und Rücksichtnahme auf den Verfassungsschutz wissen möchten. Machtkämpfe um der eigenen Karriere willen, wie es bedauerlicherweise im Landesverband Nordrhein-Westfalen gang und gäbe ist, sind uns fremd. Ich gehöre der Partei nicht an, doch ich verfolge die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Und ich bringe in diesem Zusammenhang mein Unverständnis zum Ausdruck, wie man mit dem Kommunalpolitiker umgegangen ist. Denn öffentliche Schlammschlachten gehören sich nicht.

Die AfD hat ein Problem mit inflationären Ordnungsmaßnahmen gegen eigene Leute…

Da entzog man ihm zunächst die Mitgliedsrechte, das Schiedsgericht hob diese Entscheidung wieder auf. Später nahm man einen weiteren Anlauf, begründete den Vorstoß mit einem vermeintlichen Vorfall in der Ukraine, als Schramm einen angeblichen Rechtsextremisten getroffen haben soll. Seither sagt man ihm sogar neonazistische Verbindungen nach. Dabei sollte doch gerade in der heutigen Zeit bekannt sein, dass Heimatliebe nichts Verwerfliches ist. Da gelten noch immer völlig überholte Unvereinbarkeitslisten, man grenzt sich einerseits zu jenen ab, die zu viel Stolz in sich tragen. Lässt es aber gleichermaßen zu, dass die AfD in Teilen zum Duckmäuser vor dem Inlandsgeheimdienst wird. Als Journalist habe ich einen gewissen Hang dafür, mich schützend vor jene zu stellen, die Unfairness erfahren. Ich mache mir vor allem ein eigenes Bild, lasse mich nicht von Vorurteilen leiten. Mich interessieren Lebensläufe, Motivationen und Gründe, warum jemand denkt, wie er eben denkt. So handhabe ich es auch bei allen, die polarisieren. Denn sie sind das Salz in der Suppe.