Pfarrer, bleib bei deinem Halleluja! – Joachim Gauck, die Journalisten und eine Moralpredigt, welche ganz im Sinne Albrecht Schönherrs wäre!

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Rede von Joachim Gauck in Hannover: Alt-Bundespräsident nimmt Medien in die Pflicht“ (aus: RND vom 12.03.2026)

„Darum bist du ohne Entschuldigung, o Mensch, jeder, der richtet. Du nun, der du den anderen belehrst, belehrst du dich selbst nicht?“, so spricht es aus dem Römerbrief, sehr verehrter Herr Gauck, direkt in Ihre Richtung. Sie waren ja einst ein Mann Gottes. Heute scheinen Sie zu einem Instrument derjenigen geworden zu sein, die sich in der Relativierung der Ist-Zustände verstricken, um das Bild einer heilen Welt zu konstruieren. In einer beispiellosen Grenzüberschreitung haben Sie Journalisten mit dem erhobenen Zeigefinger gestraft. Offenbar wechselten Sie zurück auf die Kanzel, verfielen in Ihre alte Manier des Moralpredigers. Sie forderten eine „Beistandspflicht“ meiner Branche, erinnerten in eklatanter Hochmütigkeit, dass wir nur deshalb arbeiten und uns äußern könnten, weil wir in einem System lebten, das wir aus Ihrer Warte nicht genug verteidigten. Ein Bekenntnis zur theoretisch und auf dem Papier existierenden Ordnung, das war Ihr Appell. Doch nicht nur wegen der Tatsache, dass ich mich nicht nach denen verhalten werde, die mich bevormunden wie ein Kind, weise ich Ihre Schelte auf das Schärfste zurück. Pfarrer, bleib bei deinem Liederheft, aber mische dich nicht in die Arbeit derer ein, die du verachtest.

Schon die Bibel hatte ihre Probleme mit Hochmut, Belehrung und dem Zeigefinger…

Denn Sie möchten darüber hinaus weder jenes Konstrukt erhalten, für das Sie vermeintlich vor mehr als 35 Jahren auf die Straße gingen. Noch ist es Ihnen ein Ansinnen, eine Volksherrschaft zu wahren, die die schweigende Mehrheit in Deutschland für erstrebenswert hält. Sie wollen „unsere Demokratie“ schützen. Eine Realität, die ausgrenzt, benachteiligt und selektiert. Nach Parteibuch, nach ideologischer Auffassung, nach Gesinnung. Längst wart es kein Geheimnis mehr, mit welchem Argwohn Sie die AfD und ihre Wähler betrachten. 2024 machten Sie „nationalsozialistische und rechtsextremistische Elemente“ aus. Ein Vokabular, das wiederum selbst an die dunklen Etappen der Geschichte erinnert. Sie hetzen, Sie spalten und Sie wollen eine Weltanschauung aufdrücken, die beschönigt. Doch der Zweck der vierten Gewalt ist es ausdrücklich, die Schiefstände zu benennen. Der Schönwetterbericht folgt am Ende der Nachrichten, nicht mittendrin. Ein Porträt davon zu zeichnen, wie toll doch alles funktioniert, das wäre Heuchelei, das wäre Lüge, das wäre in Ihren Worten sogenannte „Desinformation“. Wir stehen nicht in der Verantwortung der Elite, sondern wir sind der Anwalt von jenen, die an den Rand gedrängt werden.

Nachrichten sind kein Schönwetterbericht, sondern eine Generalabrechnung mit der Politik…

Sie attestieren Medienschaffenden Ihr „staatsbürgerlichen Unbehagen“. Mit Verlaub, das ist kein Manko, sondern unsere immanente Aufgabe. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits in seinem Lüth-Urteil von 1958 klargestellt, dass die Presse- und Meinungsfreiheit vor allem der „Machtkritik“ dient. Sie müsse daher besonders weit reichen, wenn sie sich gegen den Apparat oder seine Träger richtet. Was Ihre Intention hingegen ist, das dürfte man als Blauäugigkeit bezeichnen. Ihr Ziel scheint es nämlich nicht zu sein, uns zur Ausgewogenheit zu bewegen, zu Objektivität, zu Tendenzlosigkeit. Sondern zur Neutralität gegenüber den Verhältnissen. Doch nein, mit dieser Definition verfehlen Sie den Kerngehalt meiner Zunft in brachialer Weise. Schon die publizistischen Grundsätze halten an, mit Sorgfalt zur Wahrheit zu finden. Und diese kann kein Ausschnitt, keine Manipulation des Ganzen sein. Sondern sie ist unverblümt, echt und authentisch wiederzugeben. Es gibt keinen Anspruch des Zuschauers und Lesers darauf, dass wir zwischen guten und schlechten Schlagzeilen austarieren. Denn für Idylle, Paradies und den Garten Eden ist wiederum der Herr zuständig, nicht aber der Schreiberling auf dessen Erdboden.

Gauck möchte ein Abbild der Realität, der nicht mehr ist als ein beschönigter Ausschnitt…

Sie mahnen zur Faktentreue. Doch was ist Gewissheit? Sie müssten als Theologe erahnen können, dass sich die Frage nach dem „Richtig und Falsch“ nicht einfach so beantworten lässt. Denn sie ist eine Angelegenheit der Perspektive. Wir seien festgefahren in unseren „Grundüberzeugungen“, monieren Sie. Und ja, ich halte der Überzeugung die Stange, dass es eines prinzipiellen Misstrauens mit Blick auf die Obrigkeit bedarf. Denn mittlerweile hinken die Institutionen nicht nur, sie gehen mindestens am Stock. Willkür und Beliebigkeit haben sich in Teilen der Justiz manifestiert, unter der Subsumierung der Brandmauer sind konsequente Ächtung, Schmähung und Diskriminierung von Menschen Wirklichkeit geworden, die nicht derart funktionieren, wie sich das Noblesse, Majestäten und die Omas von links wünschen. Ich will zurück zu jener Souveränität, für die die meisten in der DDR demonstriert haben. Denn hätten Sie ein Ohr für den Osten, dann würden Sie vernehmen, wie sehr man Ihnen dort die Leviten liest. Schließlich haben Sie die Werte, welche mit Mühe erkämpft wurden, durch Ihre geringschätzige, aussparende und verblendete Sicht auf das Sosein der Dinge verraten, verunglimpft, verkauft.