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Ja, ich bin alt, rückständig und konservativ: Wie mir die Trump-Remigration-Pose zu Neujahr eine prämodernde Non-Viralität bescheinigt hat…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Deutsche Rechtsextreme als Vorbild? US-Präsident Trump fordert ‚Remigration jetzt'“ (aus: „Augsburger Allgemeine“ vom 08.12.2025)

Vor einigen Wochen bezeichnete mich ein Nutzer auf der Plattform X als „rückständig“, als einen „altmodischen Konservativen“, der „wohl im Jahr 2019 stehengeblieben ist“. Man könnte dieses Etikett durchaus als eine Auszeichnung begreifen, scheine ich mich zumindest nicht mit einer Mode gemeingemacht zu haben, wenn ich auch in diesen Tagen wieder skeptisch und achselzuckend darauf blicke, was sich in der Virtualität an Trend und Hype abspielt. Da hatte US-Präsident Donald Trump zum Jahreswechsel ein Selbstbildnis veröffentlicht, auf dem er nachdenklich und kämpferisch zugleich wirkt, versehen mit dem Schlagwort „Remigration“. Er will also Abschiebungen konsequent durchsetzen, gab ein Bekenntnis zur Entschlossenheit ab.

Prompt sahen sich unzählige Politiker der AfD, aber auch Aktivisten der Identitären Bewegung, auf dem ehemaligen Twitter dazu genötigt, diese Steilvorlage zu nutzen. Gestandene Persönlichkeiten posteten reihenweise Fotos von sich, ebenfalls arrangiert mit dem passenden Hashtag. Sie sollte viral gehen, die Forderung nach einer forcierten Rückführung von Asylbewerbern und Flüchtlingen. Auf mich wirkten diese dramatischen Posen, mit einem Overlay und Emojis versehen, wie der kitschige Versuch, das Resultat aus der Kindergarten-Bastelstunde öffentlich zu präsentieren. Da war kein Inhalt, sondern nur Oberflächlichkeit. Ich gebe unverhohlen zu, Memes sind für mich wie eine Mischung aus Hieroglyphen und Böhmischen Dörfern.

Wenn du in der Timeline 20 Mal den #Remigration liest, aber nichts zu ihrer Umsetzung…

Dass ich hierfür Kritik und Schelte einzustecken habe, irritiert mich kaum noch. Ich muss mich nicht für den Anspruch an Tiefe und Analyse entschuldigen. Dass manche Menschen heutzutage unter einer überschaubaren Aufmerksamkeitsspanne leiden, die Konzentration nur noch für das Bestaunen einer Grafik ausreicht, könnte mir Sorge bereiten. Und tatsächlich hat die Entwicklung Auswirkung auf meine eigene Präsenz in den neuen Medien. Denn ich bin falsch, wo kein Diskurs mehr stattfindet. Meine Kraft und Energie will ich viel eher dorthin investieren, wo Substanz auf Nachfrage stößt. Ich möchte mich nicht mit dem Abklatsch eines gefundenen Fressens abgeben, weder als Schablone noch Skizze für einen niederen Zweck herhalten.

Wer Emotionalisierung braucht, dem gönne ich sie von Herzen. Ich selbst kann und will ohne Nuancen, Differenziertheit und Komplexität nicht sein. Ich bin als Journalist und Mensch angetreten, meinem eigenen Verständnis von thematischer Auseinandersetzung zu frönen. Mir fehlen die Synapsen, die Sinnhaftigkeit hinter dem Reproduzieren von neudeutsch als „Templates“ bezeichneten Ichnographien zu erfassen. Da mögen sich Erwachsene freuen wie ein präpubertierender Heranreifender, dass sich eine ganze Gemeinschaft der subtilen Aktion des Kopierens anschließt. Man fühlt sich stark, man empfindet Zusammenhalt, man nimmt Überlegenheit wahr. Lässt man die Luft des Stolzes heraus, bleibt vom Ballon jedoch nur die Hülle.

Wer sich einem Hype anschließt, der hofft in erster Linie auf ein Gefühl der Zugehörigkeit…

Psychologisch und gruppendynamisch ist der Prozess leicht zu verstehen. Durch Nachahmung und Omnipräsenz in dem Timelines soll eine Botschaft verhaftet bleiben. Durch Beobachtung und Imitation, oftmals verbunden mit wenig Aufwand, nimmt man sich als Teil einer Bewegung wahr, die sich in ihrem Bewusstsein, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, den Anschein von Solidarität gibt. Ein Gedanke und eine Idee verbreiten sich galoppierend, sie triggern emotional, führen zu Aufregung, Zugehörigkeit oder Rebellion. Der sogenannte „Bandwagon-Effekt“, etwas zu tun, weil „alle es so machen“, soll Unsicherheit reduzieren. Der Bias von Konformität, eine Echokammer des Moments, bieten das nahezu autoritär wirkende Signal: „Ich gehöre dazu!“.

Doch will ich diesem Kollektiv, einem visuellen Projekt, nur deshalb beipflichten, weil es Loyalität und Motivation schaffen, ohne Beziehungen oder Überzeugungen in der Qualität Identität zu schärfen? Vielleicht bin ich wirklich in einer Lebensphase angekommen, in der es egal ist, ob ich abgehängt werde. Mir bleiben Nerven erspart, unterwerfe ich mich nicht einem Ritus, der angewiesen ist auf die Initiative manch eines Influencers. Ich habe bekundet, zu meinem dreijährigen Jubiläum auf X, ab 6. Januar 2026, deutlich kürzer zu treten, künftig meine journalistische Erfüllung vor allem in meinem Blog zu suchen, wo mich niemand nach meiner algorithmischen Eignung bewertet. Sondern anhand von glaubwürdiger Reflexion, Argument und Echtheit.