Zwischen Falschmeldungen und Richtungsentscheid: In Sachsen-Anhalt stellen sich die Königsmacher des BSW selbst ein Bein…

Kommentar von Dennis Riehle zum Artikel „Bündnis Sahra Wagenknecht in Sachsen-Anhalt: Fünf BSW-Kreischefs attackieren Landesspitze“ (aus: „Volksstimme“ vom 30.01.2026)

Interne Querelen sind in jeder Partei an der Tagesordnung. Überall dort, wo um Macht gerungen wird, da menschelt es. Je jünger ein Projekt ist, umso größer sind die Risiken, dass man sich um die Richtung streitet, um Positionen und um Einflüsse. Insbesondere auch dann, wenn es alsbald zu Landtagswahlen kommt, bei denen viel auf dem Spiel steht. In Sachsen-Anhalt könnte ein Ministerpräsident der AfD möglich werden, Ulrich Siegmund kratzt an der absoluten Mandatszahl. Sollte es dafür nicht reichen, braucht es gegebenenfalls Koalitionen. Und in diesem Zusammenhang kommt dem BSW eine entscheidende Bedeutung zu. Doch das Bündnis von Sahra Wagenknecht in Magdeburg ist tief zerstritten. Seit dem Herbst 2025 schwelen Konflikte, wird Teilen des derzeitigen Vorstands nachgesagt, es fehle an Führungsstärke, es herrschten Manipulation und undemokratische Umgangsformen. Im Mittelpunkt steht offenbar John Lucas Dittrich. Gemeinsam mit Co-Chef Thomas Schulze steht der 2004 geborene Lehramtsstudent vehement gegen eine Zusammenarbeit mit der Alternative für Deutschland ein, obwohl an der Basis ein pragmatischer Umgang mit den „Blauen“ gefordert wird.

Dittrich wurde nicht „verurteilt“, sondern soll zur Unterlassung angewiesen worden sein…

Nunmehr soll ihm in einem zivilrechtlichen Verfahren untersagt worden sein, auch weiterhin die Aussage zu verbreiten, Landesministerin Katja Wolf und Schulze hätten versucht, ihn „zu kaufen“ oder „zu beeinflussen“. Die Behauptung sei ehrabschneidend, weshalb eine Unterlassungsverfügung erging. Hiergegen ist Berufung möglich, zunächst gilt aber, dass die als Unwahrheit eingestufte Fehldarstellung und Überspitzung einer Privatnachricht nicht länger in Umlauf gebracht werden darf. Zumindest berichtet all dies die „Mitteldeutsche Zeitung“, deren Nachricht allerdings mit Vorsicht zu genießen ist, weil bereits die Überschrift des Artikels einigermaßen in irreführend formuliert scheint. Denn mit einem strafrechtlichen Urteil hat der Vorgang explizit nichts zu tun. Trotzdem kommt das Störgeräusch zur Unzeit, war erst im November auf einem Sonderparteitag die Absetzung von fünf Führungsfiguren gelungen. Sie sollen durch Loyalisten ersetzt worden sein, was zu Buhrufen und Protest geführt hatte. Zwar sieht auch Dittrich die Brandmauer als gescheitert an, er plädiert allerdings für eine Expertenregierung. Stimmen für den Konkurrenten der Alternative für Deutschland werde es nicht geben. Diese Haltung bleibt polarisierend, müssen sich die Orange-Violetten doch entscheiden, wie sie sich zum etablierten Kartell verhalten wollen.

Scharmützel dürfen nicht über die Frage der Regierungsfähigkeit hinwegtäuschen…

Man versucht es über einen dritten, einen optionalen Weg, bisher in der Bundesrepublik nicht gekannte Modelle auszuprobieren. Doch kann dieses waghalsige Manöver in einer Zeit überzeugen, in der es radikale Reformen braucht, die von zuverlässigen Mehrheiten getragen werden müssen? Es ist das sichtbare Ringen darum, ob man sich zu einem Steigbügelhalter für das „Weiter so“ macht – oder klar Stellung bezieht. Die Initiatorin der Bewegung hatte sich ausdrücklich für Kooperationen ausgesprochen, denn ursprünglich wollte man mehr sein als ein Abklatsch der Linken. Da sollte der lagerübergreifende Brückenschlag in Richtung des Konservativismus gelingen, aber seit Fabio de Masi auf Bundesebene an den Schaltstellen sitzt, scheint das Schiff auf einen altbewährten Kurs einzuschlagen. Doch wir brauchen keine Kopien, sondern Originale, die mit einem eigenen Profil auftreten. Sozialismus light hat wahrlich keine Hochkonjunktur. In einer Phase, die ohnehin geprägt ist von einer gespaltenen Gesellschaft, sind Berührungsängste fehl am Platz. Zumindest über ein punktuelles und sachbezogenes Miteinander sollte man nachdenken, will man überhaupt Einfluss nehmen.

Allein-, Experten- oder Koalitionsregierung: In Sachsen-Anhalt geht es um die Macht..

Dittrich selbst kann die Massen mobilisieren, steht für einen Neuanfang. Dieses Pfund sollte er nicht verspielen, gilt er als Reformer und Modernisierer. Er steht für „Prinzip vor Karriere“, muss allerdings noch seine Dialogbereitschaft beweisen. Wenngleich er die Hallen zu Bürgerempfängen füllt, bedarf es des Beweises, tatsächlich anders zu sein als die Elite – gleichsam mit Blick darauf, wie man sich zum Berliner Oppositionspartner verhält. Es geht also um eine Richtungsentscheidung, ob man einen Aufbruch nur deshalb blockieren will, weil man sich dem allgemeinen Ekel gegenüber der AfD anschließt. Oder inwieweit man am Ende jene Vernunft mit Leben füllt, die künftig auch im Parteinamen stehen soll. Da muss man im Zweifel manch einen Anhänger vor den Kopf stoßen, kann nicht jeder Befindlichkeit gerecht werden. Natürlich ist Einbinden wichtiger denn je, will man Wachstum und Aufschwung eines noch jungen Vorhabens nicht gänzlich gefährden. Doch die Flucht nach vorne hat sich als ein adäquates Mittel erwiesen, um den Abrieb minimal zu halten, gleichzeitig Konturen zu stärken. Schließlich wäre es um der Vielfalt willen schade, bliebe das BSW ein reines Intermezzo.